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„Dunkle Begierde“ in Wien : Die Libido macht gar nicht froh

  • -Aktualisiert am

„Dunkle Begierde“: Martina Ebm als Sabina Spielrein im Bett mit Michael Dangl als Carl Gustav Jung Bild: Sepp Gallauer

Sabina Spielrein zwischen Carl Gustav Jung und Sigmund Freud: Dieses Beziehungsdreieck gehört zur Geschichte der Psychoanalyse. Doch wo bleibt das Drama? Eine Aufführung in der Wiener Josefstadt.

          Das war wohl noch nie da. Dass ein Theater ganz vorne im Programmheft zur Aufführung eines Stücks, in dem es nicht um Buchhaltung geht, folgenden Text ganzseitig in großen Lettern abdruckt: „Hier wird gelogen und betrogen. Auf der Bühne. Nicht in der Buchhaltung.“ So demonstriert das Wiener Theater in der Josefstadt sich äußerst selbstgefallend, dass seine Kassenbücher sauber seien - wobei zwischen den Zeilen auf die gewesene buchhalterische und finanzielle Misere des ein paar Kilometer entfernt residierenden Burgtheaters hämisch verwiesen wird (Solidarität unter Theaterleuten! kostbarstes Gut!). Dass aber auf der Bühne gelogen und betrogen wird, hat freilich auch sein Gutes - nämlich in diesem Josefstadt-Falle ein Gschmäckle.

          Denn für die Bühne (nicht für die Buchhaltung) angekündigt ist äußerst großspurig eine „Uraufführung“: Christopher Hampton, der achtundsechzigjährige britische Star-Dramatiker und Drehbuchautor („Gefährliche Liebschaften“, „Geschichten aus Hollywood“, „Wilde“, „Herrenbesuch“ et cetera), inszenierte in der Josefstadt höchstselbst seine „Dunkle Begierde“, ins Deutsche übertragen vom österreichischen Star-Schriftsteller Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“). Es geht darin um den damals, also um 1904 herum, schon älteren österreichischen Juden Sigmund Freud und den jüngeren Zürcher Protestanten Carl Gustav Jung und wie sie um die rechte Psychoanalyse ringen. Also um etwas Folgenreiches, Weltstürzendes.

          Selbst lässt er die Finger von seinen Klientinnen

          Wobei Jung die mythische, ja religiöse Dimension der gesprächsweisen Seelenausgrabung mehr als die sexuelle betont und die Couch als Altar betrachtet, auf dem zum Zwecke der Menschenverbesserung analytisch geopfert wird, aber nebenan, im Klinik-Schlafzimmer, heftigen, natur- und berufsethikgemäß verbotenen Sex mit seiner von Hysterien und sadomasochistischen Masturbationsphantasien geplagten Patientin Sabina Spielrein hat, dieweil Jungs unermesslich reiche und ihn großzügig finanzierende Frau Emma von einem Wochenbett ins nächste sich hangelt.

          Sabina ist eine junge russische Jüdin, die sich später (klug durch Leiden) auch zur Psychoanalytikerin ausbildet. Freud dagegen wünscht allen Mythos und alle Religion zum rationalen Teufel und pocht ganz auf die sexuelle Basis seiner Seelenlehre. Und sosehr er die Couch einfach als Mittel zum Zweck der Menschenerkenntnis (nicht der Menschenverbesserung) nimmt - selbst lässt er die Finger von seinen Klientinnen.

          Dies alles ist wohlsortierte, längst archivierte Wissenschaftsgeschichte und, was die Figur der Sabina Spielrein angeht, spätestens seit Anfang der siebziger Jahre gut bekannt, als man in einem Genfer Keller ihre Briefe an Jung und Freud fand. Der amerikanische Schriftsteller John Kerr hat 1996 aus diesem Dreieck Jung-Spielrein-Freud ein romanhaftes Buch gemacht, „The Dangerous Method“ (Die gefährliche Methode), dann hat Christopher Hampton 2002 daraus ein Theaterstück gefertigt, „The Talking Cure“ (Die Sprechkur), das von Alissa Walser leicht und lässig ins Deutsche übertragen wurde und 2005 in Zürich als „Die Methode“ seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte. Dann gab es, wieder aus der Feder Hamptons, ein Drehbuch zu David Cronenbergs Film, der 2013 herauskam und „The Dangerous Method“ hieß, zu Deutsch „Die dunkle Begierde“.

          Alissa Walsers Übersetzung ist besser als die von Daniel Kehlmann

          Und jetzt kommt wiederum Hamptons „Dunkle Begierde“ in Wien zu einer sogenannten „Uraufführung“, als ein Theaterstück, das sich in nichts außer durch Übersetzungsnuancen, Kehlmannschen Sprachspreizereien und kleinen Szenenumstellungen von der viel eleganteren Walser-Übertragung der Hampton-„Methode“ von 2005 unterscheidet. Wo bei Walser Frauen schonunglos „nass“ werden, wenn sie sich durch Schläge erregen, kommt es bei Kehlmann nur zu einem verschämteren „feucht“, wohingegen seine Damen um 1900 fröhlich „shoppen“ gehen, als läsen sie die „Brigitte“ von heute, während Alissa Walser sie geschichtszeitgemäßer schlicht zum „Einkaufen“ schickt.

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