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Christoph Marthaler zum Sechzigsten : Der Nachtportier im Hotel Angst

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Lachen ist bei den Stücken Christoph Marthalers nie verkehrt, denn es vertreibt die Angst. Bild: dpa

Fortschritt gibt es bei ihm nicht, dafür Schutz- und Warteräume im Vakuum. Der Regisseur und Traumhelfer Christoph Marthaler wird heute sechzig Jahre alt.

          Der Dramatiker Friedrich Hebbel hat einst stolz und auch ein bisschen einfältig verkündet: Er habe ihnen jetzt noch das letzte Mausloch zugestopft! Es gebe für sie kein Entkommen! Gemeint war die Gesellschaft seiner Figuren. Die er in die geschlossene Anstalt seiner ausweglos tragischen Dramaturgie sperrte. Das war im neunzehnten Jahrhundert. Man hatte außerhalb des Hebbelschen Kleinmenschen-Kosmos nie geglaubt, dass es kein offenes Mausloch auf der Bühne mehr geben könne. Immer schien da - noch in der gigantischen Schreckensszenerie, der gewaltigsten Vernichtung oder auch Verheinermüllerung - ein wie auch immer trügerisch funzelndes Lichtlein am Ende des Mauslochtunnels. Noch lange bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein.

          Bis dann auf einmal wirklich nichts mehr ging. Und Christoph Marthaler die Szene betrat, ungefähr im letzten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Der gebürtige Schweizer, der studierte Clown, Blockflöter und Oboist richtete sich erst in Basel, dann in Berlin, Hamburg, Wien und Zürich (von den Festivals in aller Welt zu schweigen) auf den Bühnen ein, als wolle er sie nie mehr verlassen. Und als gebe es auf ihnen weder ein Mausloch noch auch den kleinsten Ausweg, auch nicht das mindeste hoffnungsfunzelfunkelnde Lämpchen.

          Auf der Bühne ist kein Platz für Fortschritt

          Dafür hingen Tulpenlampen an dunkel gebeizten Holzpaneelwänden, über die lecke Heizungsrohre in ein Nirgendwo führten, aus dem dann auch Aufzüge im Hintergrund niederfuhren, aus denen Menschen traten, die in Türen verschwanden, die in Nebenräume führten, aus denen es nur ein labyrinthisches Durchwursteln, kein Entkommen gab. Sie trugen Aufschriften wie „Abfindungsausgabe“ oder „Verantwortungsabgabe“ oder einfach „WC“. In Glaskästen saßen Wächter. Aus vergitterten Oberlichtfenstern drang diffuses Geleuchte. Die Uhr an der Wand trug keine Zeiger mehr. Es waren angestaubte, prunkschäbige Überbleibselgelasse aus vergangenen Jahrzehnten. Die fünfziger oder siebziger Jahre schienen in ihnen weiterzumuffeln. Die Zeit war in ihnen stehengeblieben. Und die Welt auch.

          Sie setzte so manche Fantasie Marthalers in die Tat und den Raum um: die Bühnenbildnerin Anna Viebrock

          Das war der Schock, den Marthaler damals, Anfang der neunziger Jahre auslöste: dass er den Fortschritt nicht verhöhnte, nicht kritisierte (oder herbeisehnte), nicht debattierte oder versuchte. Dass er den Fortschritt einfach ausschloss. Seine Theaterräume, die ihm die Bühnenbildnerin Anna Viebrock mehr oder weniger kongenial baute, lassen sich als Schutzräume begreifen, in die hinein die mauslochängstlichen Leute fliehen, die aus aller Vergangenheit gefallen und keine Zukunft zu haben scheinen. Verdammt zu ewiger, auswegloser Gegenwart. In lauter Wartesälen, in denen man auf keinen Anschluss, keine Verbindung mehr hofft.

          Religiös betrachtet sind Marthalers Räume: Fegefeuersphären - ohne Aussicht auf Paradiese, aber auch ohne Aussicht auf Höllen. Und über allen diesen Marthalerschen Fegefeuerräumen könnte ein Schild prangen mit der Aufschrift „Hotel Angst“. Theatralisch betrachtet sind Marthalers Räume: Rettungsbunker - mit der Aussicht für Krisenbürger, dort wenigstens massenhaft in unruhige Träume fallen zu dürfen, aus denen sie Lieder singend wieder aufschrecken. Und Marthaler ist ihr Traumhelfer, der ihnen über die Wörterseen hilft, über die sie in besinnungslosem Schleichgalopp taumeln. Auf dünnstem Eis.

          Verlust der eigenen Identität

          Eine Gesellschaft, die in „Murx den Europäer“ (Berlin) der DDR das trancehafte Totenlied anstimmte: Das unsägliche „Danke für diesen guten Morgen“ in Endlosschleife, immer einen Ton höher transponiert. Eine Gesellschaft, die in der „Ersatzpassion O.T.“ (Zürich) sich in den Teppichrollen und unter den Reifröcken der ewigen Restauration, in der „Angst vor der Zukunft“ (Wien) sich vor der Vernichtung des „unwerten Lebens“ durch die nationalsozialistische Euthanasiepolitik ins brutal Gemütliche, im „Hotel Angst“ (Zürich) sich vor den Zumutungen der Schweizer Umstände in ein lächerliches Reduit rettet, in dem elf Serviertöchter im Akkord Maggi-Beutelchen in Dosen füllen, während zwölf Gemeinderäte in unmöglichen Turnposen sich verknäueln und verknoten.

          Während in der „Schönen Müllerin“ Schuberts nach Liebe schmachtender Müllersbursch sich unter einen Flügel flüchtet, auf dem die Müllerinnen tanzen und wo „Dein will ich sein!“ eine fürchterliche Drohung ist: die Störung aller Fegefeuer-Gemütlichkeit. Die in „Riesenbutzbach“ (Wien) den Krisenbürgern nur noch zur Erkenntnis verhilft, dass sie, die alles verloren haben, jetzt dabei sind, das Wichtigste zu verlieren: sich selbst.

          Kein normales Ticket für den Ausstieg

          So wirkt Marthaler wie ein abgrundtrauriger Optimist, für den die Lage immer hoffnungslos, aber nie ernst ist. Seine wunderbaren Musiker wie Jürg Kienberger oder Clemens Sienknecht, seine Schauspieler wie Ueli Jäggi oder Graham F. Valentine, die alle seine Denk- und Spiel- und Tonwendungen mittaumeln, mittollen, mitphantasieren, haben die Marthalerei zu einer Marke machen helfen, die höchsten Genuss am Leiden mit tiefstem Gefühl im Grotesken kurzschließt. Und alles wie im Schlaf. Und Traum.

          Die Darsteller Johan Reuter, Raymond Very, Peter Hoare, Jochen Schmeckenbecher und Angela Denoke in dem Stück „Die Sache Makropulos“

          Manchmal war das zum Gähnen. Das überwiegende Mal aber war und ist die Marthalerei eines der schönsten Abenteuer, die auf den Bühnen zu haben sind. Eine Reise der komisch gesteigerten Empfindung ins wüste kleinbürgerliche Land, aus dessen Wartesälen es keine Wiederkehr gibt. Eine Reise übrigens auch in große Stücke und Opern hinein, vor allem wenn sie von Ödön von Horváths („Kasimir und Karoline“) und Leos Janáceks („Katja Kabanowa“, „Die Sache Makropulos“) Albträumern bevölkert sind. Heraus kommt man nur mit dem Ticket, das man mit dem Trost der Trostlosigkeit bezahlt. Unter Gelächter, das alle Angst vertreibt. Heute wird dieser wundersame Theaterveränderer und -verzauberer sechzig.

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