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Christian Thielemann : Ich bin bestens gelaunt

  • Aktualisiert am

Braucht für die Feinheiten seiner Arbeit einen gewissen Seelenfrieden: Dirigent Christian Thielemann Bild: AP

Was wird nur aus Christian Thielemann? Die Stadt München sträubt sich dagegen, neu mit dem Stardirigenten zu verhandeln. In Dresden lockt die Staatskapelle, mit der sich Thielemann fabelhaft versteht. Ein Interview in unruhiger Zeit.

          Was wird nur aus Christian Thielemann? Die Stadt München sträubt sich dagegen, neu mit dem Stardirigenten zu verhandeln. In Dresden lockt die Staatskapelle, mit der sich Thielemann fabelhaft versteht. Ein Interview.

          Gerade haben Sie drei komplette „Ring“-Zyklen in Bayreuth dirigiert. Jetzt springen Sie mit Bruckners Achter Symphonie kurzfristig bei der Dresdner Staatskapelle für den erkrankten Fabio Luisi ein. Brauchen Sie keinen Urlaub?

          Die Semperoper ist ein phantastisches Haus. Ich bin hier schon mehrfach eingeladen gewesen und habe schon zweimal Konzerte abgesagt, weil ich zu viel zu tun hatte. Da habe ich mich sehr gefreut, dieses Mal aushelfen zu können. Ich habe ja hinterher noch vier Wochen Urlaub. Außerdem kenne ich natürlich sehr viele Gesichter im Orchester aus Bayreuth. Das ist ein bisschen, als würde man nach Hause kommen. Aber vor allem ist die Staatskapelle ein wunderbar flexibles Orchester, das so einen speziellen Klang hat, der sehr, sehr schön ist. Und so ging das jetzt in den vier Proben eigentlich sehr schnell.

          Ist so ein Heimatgefühl ein Zeichen?

          Ja, natürlich, das Orchester liegt mir. Aber trotzdem muss man sehr vorsichtig sein mit diesen Spekulationen, auf die Sie jetzt hinauswollen. Man darf sich nie selbst ins Spiel bringen, das müssen andere tun. Es ist doch immer so: Wenn Sie als Dirigent irgendwo hinkommen, wo etwas vakant ist, da sind Sie in der Diskussion. Aber dann sind da erst sehr viele Dinge zu klären. Zunächst muss man sich mit dem Orchester verstehen, das ist das Allerwichtigste. Aber auch dann kann man noch nicht einfach sagen: „Ich will.“ Ich verbiete mir jetzt solche Überlegungen. Ich gehe hin, mache so gut wie möglich Musik und denke an alles andere nur ganz wenig. Denn man muss sehr aufpassen. Es werden ja auch Leute verbrannt in solchen Prozessen, genau wie in der Politik.

          Die Proben jedenfalls scheinen ja sehr gut zu laufen.

          Wunderbar! Es ist immer ein großer Vorzug, wenn ein Orchester auch Oper spielt. Das habe ich auch in meiner Arbeit mit den Wiener Philharmonikern immer wieder gemerkt, denen die Dresdner Staatskapelle sehr ähnelt. Diese Biegsamkeit, die Fähigkeit, sich schnell auf eine neue Dynamik oder ein neues Tempo einzustellen, ist etwas ganz Besonderes. So etwas einem Symphonieorchester zu vermitteln, ist natürlich schwer. Die Staatskapelle hat sich auch diesen feinen, gut strukturierten Klang erhalten, ebenso wie die Wiener ihren spezifischen Ton. Die wechselnden Orchesterleiter haben den Klang in Dresden nicht umgekrempelt. Das ist doch eigentlich irre, oder? Ein wunderbares Orchester, ein tolles Haus!

          Die Stadt München wird nicht müde, zu bekräftigen, dass sie um die Vertragsmodalitäten nicht weiter verhandeln wird. Als Blamage für die Musikstadt München wird das jetzt auch von zahlreichen berühmten Musikerkollegen wie Pierre Boulez und Dietrich Fischer-Dieskau bewertet, die einen Offenen Brief an den Stadtrat gerichtet haben (Für Thielemann: 35 Künstler und Intendanten unterzeichnen eine Petition). Alle Welt fragt sich: Was ist da eigentlich los gewesen?

          Niemand weiß das. Wir hatten ganz in Ruhe den neuen Vertrag ausgearbeitet, dann lag er vor, und es hieß, er ginge jetzt durch die Gremien, Anfang Juli würde ich unterschreiben können. Stattdessen kamen diese Änderungswünsche. Über einen Aspekt ist noch gar nicht viel gesprochen worden, aber er erscheint mir inzwischen als der springende Punkt: Der neue Entwurf gibt der Stadt das Recht, wenn die Gewerbesteuer in München auf eine bestimmte Weise absinkt, vom Jahr 2013 an den Etat des Orchesters zu beschneiden. Dann könnte jemand kommen und sagen: „So, Herr Thielemann, der Fall ist nun eingetreten, Sie bekommen jetzt eine halbe Million weniger, und wir streichen das Orchester auf fünf Stellen zusammen.“ In einem solchen Fall könnte ich mich nicht wehren, ja ich dürfte nicht einmal gehen. Und daher habe ich gesagt: Das unterschreibe ich auf keinen Fall. Jetzt habe ich ja einen Vertrag, der es mir erlaubt zu gehen, sobald nur eine Stelle gestrichen wird. Auch wenn ich mit dem Intendanten nicht auskäme, könnte ich gehen - aber das ist nicht ganz so wichtig. Nun ist das alles ohnehin obsolet. In den Vordergrund gespielt wurde ein anderer Punkt, die geplante größere Entscheidungsmacht für den Intendanten.

          Wie prägt ein Dirigent ein Orchester?

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