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„Anna Karenina“ : Er zog sie fort, sie ließ es gern geschehen

  • -Aktualisiert am

Fallhöhe eines Liebesschicksals: Ksenia Ryzhkova als Anna Karenina mit Matthew Golding als Graf Alexej Wronski Bild: dpa er

Christian Spuck choreographiert „Anna Karenina“ am Bayerischen Staatsballett. Vor allem die Musikauswahl zeichnet den Abend aus - und dennoch hätte er in mancher Hinsicht mutiger sein können.

          Auch wenn die Scheidungsraten einen zweifeln lassen könnten, gelten aus Liebe geschlossene Ehen noch immer als Ideal. Diese Vorstellung fand nicht zuletzt durch die Lektüre von Romanen des 19. Jahrhunderts ihre Verbreitung. Fontanes „Effi Briest“, Flauberts „Madame Bovary“ und Tolstois „Anna Karenina“ vermissen in ihren Ehen schmerzlich Herzenswärme und Erotik, das macht sie anfällig für außereheliche Versuchungen. Doch gerade diese Werke, scheinbar Fürsprecher einer dem Herzen folgenden Lebensgestaltung, zeigen, dass der Eros auch eine zerstörerische Komponente besitzt, der alle drei Heldinnen erliegen.

          Die Fallhöhe dieser Schicksale ist enorm, das macht ihren Reiz bis heute aus. Mehrere Choreographen nutzten „Anna Karenina“ bereits als Vorlage für ein Ballett, Terence Kohler, Alexei Ratmansky, jüngst John Neumeier. Christian Spuck hat seine 2014 in Zürich uraufgeführte Fassung nun mit dem Bayerischen Staatsballett in München einstudiert, auf Einladung von Ballettdirektor Igor Zelensky. Warum er gerade diese Version gewählt habe? Spuck sei einer seiner Lieblingschoreographen, ließ er mitteilen.

          Ballett : ANNA KARENINA: Preview

          Ein Roman muss auf das Wesentliche konzentriert werden, um als Ballett verständlich zu sein. Er wird bis auf die Liebesgeschichten entkleidet, neben der verhängnisvollen, Tod bringenden Verbindung von Anna Karenina mit Graf Wronski gehören Dollys unglückliche Ehe mit dem sie dauerbetrügenden Stiwa und Kostja Lewins Landglück mit Kitty dazu.

          Schon im Eingangsbild stellt Spuck seine Sicht auf den Stoff überdeutlich aus: Auf der großen, in Sepia getränkten dunklen Bühne stehen Personengruppen zwischen Sofas und Grammophon, eine Familienaufstellung, jeder für sich in Einsamkeit erstarrt. In dieser Kältekammer gefriert die Liebe, nur Konventionen halten die Gesellschaft zusammen. Diese ist also Schuld am Schicksal Anna Kareninas, sie ist das bemitleidenswerte Opfer widriger Umstände. Ganz so rein zeichnet der Roman sie nicht, ihr Egoismus, ihre Rücksichtslosigkeit gegen Mann und Sohn, die sie für Wronski verlässt, gehören auch zu ihrem Charakter, aber Choreographen bevorzugen unschuldige Schmerzensfrauen. Den Eindruck der Leere und Unbehaustheit von Annas Welt unterstreicht die karge Bühne: Ein paar Birkenstämme ragen als Tschechow-Denkmäler empor, zwei Kronleuchter beleuchten die Ballsäle und Salons, und auf einem weißen Vorhang flimmern Filme von fahrenden Zügen und Straßenszenen.

          Das Unglück bahnt sich hörbar an

          Spucks kluge Musikauswahl zeichnet den Abend aus. Er riskiert Brüche, wenn er die spätromantische Gefühlswelt Rachmaninows immer wieder von den destabilisierenden Klängen von Witold Lutoslawski erschüttern lässt. Diese Interventionen entsprechen den Stimmungen der Szenen. Als Anna mit Wronski auf einem Ball tanzt und sich dem Wunsch ihres Mannes widersetzt, ihn nach Hause zu begleiten, wechselt die Musik zu Lutoslawski und macht das sich anbahnende Unglück schon hörbar. Unter der Leitung von Robertas Servenikas arbeitet das Bayerische Staatsorchester die kontrastierenden Klangwelten präzise heraus.

          Anna wird leitmotivisch von Klaviermusik begleitet, dagegen unterstreichen russische Lieder die Einsamkeit des anfangs von Kitty verschmähten Lewin, der sich auf sein Landgut zurückzieht. Spuck charakterisiert weniger die Personen mit den Mitteln des Tanzes, er veranschaulicht die Beziehungen der Paare. Anna und ihr Gatte Alexej Karenin begegnen sich ausgesprochen förmlich, sie führen einstudierte Schritte aus, hölzern, kontrolliert, von Gefühlen keine Spur. In Wronskis Arme lässt sich Anna lustvoll fallen, sie wird von ihm fortgezogen und lässt es gern geschehen.

          Zu den schönsten Szenen gehört der Kampf der beiden Männer um Anna. Sie tragen sie auf Händen, fangen sie auf, zerren aber auch an ihr. Mehrmals befreit sie sich aus ihren Fängen, doch allein mag sie nicht bleiben. Sie greift nach dem einen und schaut dem anderen nach.

          Mehr Mut zur individuellen Tanzsprache

          Nach der Pause folgt der tänzerisch stärkere Teil. Anna und Wronski haben Russland verlassen, glücklich leben sie im Süden. Unbeschwert tanzen sie miteinander, doch ihre beginnende Entfremdung wird sichtbar, wenn sie einander entgleiten und jeder für sich bleibt. Sie müssen sich aufraffen, wieder miteinander zu tanzen, irgendwann unterbleibt auch das.

          Solide und gut nachvollziehbar erzählt Spuck sein Ballett, routiniert bespielt er die große Bühne mit diversen Ballszenen, die auch durch die ausgesprochen geschmackvollen langen Kleider in gebrochenen Grün-, Grau- und Beerentönen bestechen (Emma Ryott). Doch man wünschte ihm mehr Mut zu einer individuell geprägten, zeitgemäßeren Tanzsprache, einer, die die Zerrissenheit und Nöte der Personen stärker an den heutigen Zuschauer heranführt. Stattdessen schöpft da jemand aus dem Fundus bewährter Bewegungsmuster des Balletts, die nicht mehr irritieren oder überraschen. Auch den fabelhaften Tänzerinnen und Tänzern des Bayerischen Staatsballetts, hier vor allen Ksenia Ryzhkova als Anna Karenina und Matthew Golding als Wronski, entgeht so die Chance, sich nachdrücklich im Gedächtnis zu verankern.

          Wahrscheinlich wird sich bald der nächste Choreograph daranmachen, Tolstois Roman auf die Bühne zu bringen. Aber es wäre eine echte Herausforderung, sich mit dem aktuellen Leben von Frauen zu beschäftigen, ihr Lieben und ihr Begehren einzufangen, ihre alltäglichen Freuden und Kämpfe mit Männern, Kindern und Berufstätigkeit sinnbildlich darzustellen. Wer beweisen will, dass das Handlungsballett noch eine Berechtigung besitzt, muss es inhaltlich und tänzerisch erneuern.

          Quelle: F.A.Z.

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