20.12.2007 · Mitten im historischen und machtpolitischen Zentrum Pekings ist ein Ufo gelandet: Mit dem neuen Nationaltheater wagt man den Kopfsprung in die technoide Globalität. Doch von den Chinesen wird der Bau bislang nicht recht akzeptiert.
Von Mark Siemons, PekingMitten im historischen und machtpolitischen Zentrum Pekings hat sich ein Wesen niedergelassen, das die Kultur Chinas im 21. Jahrhundert repräsentieren soll - in dieser Rolle aber von den Chinesen bislang nicht recht akzeptiert wird. Das „Große Nationaltheater“ des französischen Architekten Paul Andreu, das diese Woche am 22. Dezember offiziell eröffnet wird, sieht in der unmittelbaren Nachbarschaft von Verbotener Stadt, Tiananmen-Platz und Großer Halle des Volkes wie ein Ufo aus: Abgesandter eines Internationalismus, für den Fremdheit gegenüber lokalen Traditionen Programm ist.
Tatsächlich hat Andreu aus seiner Absicht, einen Kontrapunkt zur chinesischen Ästhetik zu setzen, nie einen Hehl gemacht: „Wer in die Oper geht, betritt ohnehin ein Reich der Träume.“ Das traf sich mit den Vorstellungen des ehemaligen Staatspräsidenten Jiang Zemin, der als bekennender Opernliebhaber der Pate des Projekts war. Schon der Amerikanismus des von ihm protegierten Retortenbezirks Pudong in Schanghai hatte seine ästhetischen Präferenzen deutlich gemacht: Größe, Illusionismus, Überwältigung auf den ersten Blick. In der europäischen Oper, einem für China ungewohnten Konzept, scheint er eine Entsprechung dieser Kategorien entdeckt zu haben.
Von Anfang an Widerstand
Unter chinesischen Intellektuellen stieß Andreus 1999 ausgewählter Entwurf dagegen von Anfang an auf Widerstand - was mit der Lage im Epizentrum der Tradition zu tun hat, aber wohl auch damit, dass das Nationaltheater dasjenige unter den spektakulären neuen Großprojekten Pekings ist, das für „Kultur“ steht, während Norman Fosters neuer Flughafen die internationale Vernetzung der neuen Megalopolis vertritt, Rem Kohlhaas' Fernsehgebäude ihre Massenkommunikation und Herzog & de Meurons Stadion die Olympischen Spiele.
So bekommt der Vorwurf des Architekturprofessors Alfred Peng, das Gebäude spiegele nicht die „Seele der Nation“, besondere Wucht. Auf dem Höhepunkt der Debatte monierten 49 Wissenschaftler und 108 Architekten in einem Brief an die Staatsführung, dem „Ei“, wie es in der Bevölkerung genannt wird, fehle jeder städtebauliche und kulturelle Zusammenhang, außerdem sei es zu teuer, nicht ökologisch und obendrein nicht einmal originell. Hinzu kamen Sicherheitsbedenken, als in Paris 2004 das Dach in einem der von Andreu entworfenen Flughafenterminals einstürzte und unter anderen ausgerechnet zwei Chinesen erschlug.
Eröffnungstermine verstrichen
Ganz ohne Wirkung blieb die Kritik offensichtlich nicht. Die Bauarbeiten wurden immer wieder verzögert, mehrere zunächst angepeilte Eröffnungstermine verstrichen, das Budget wurde mehrfach gekürzt. Der Name ändert sich, so dass die fremdartige „Oper“ jetzt nicht mehr im Mittelpunkt steht - der Bau enthält ja auch einen Theater- und einen Konzertsaal -, in der Kommunikation wird jetzt verstärkt darauf hingewiesen, dass schon Tschou En-lai ein großes Konzertgebäude geplant hatte; und im Inneren wurde jede Menge traditionell chinesisches Rot verwendet.
Aber schließlich wurde das Gebäude doch fertig, 2,69 Milliarden Yuan (etwa 269 Millionen Euro) hat es am Ende gekostet, und es ist eine der größten Theaterimmobilien der Welt geworden. Peking habe, was die Architektur betrifft, „alle ideologischen Fesseln abgestreift“, meint das Nachrichtenmagazin „Shenghuo Zhoukan“: Der Bau verkörpere die Kapitalkraft des Staats, aber auch den rückhaltlosen „Willen dieser Stadt zur Selbststeigerung“.
Assoziation mit einem Kaisergrab
Aber welche Art Selbststeigerung verkörpert er genau? Der Eindruck kühl-kolossaler Erhabenheit, den die Ellipse aus Glas und Titan von außen erweckt, wiederholt sich im Inneren nicht. Man betritt die Halle vom Haupt- und Staats-Boulevard „Chang'an Jie“ her durch einen Tunnel, der unter dem das Gebäude umgebenden Teich hindurchführt: ein gedrungener Gang, der bei Kritikern nicht von ungefähr die Assoziation mit einem Kaisergrab weckte.
Doch auch der über Rolltreppen gleitende Wiederaufstieg in die Halle befreit nicht: Der Raum öffnet sich nicht zu einer großzügigen Weite, sondern stößt gleich an die Wände der verschiedenen Opern-, Konzert- und Theaterhallen, die unter der großen Glocke untergebracht sind. Die braun-rötlichen matten Farbschattierungen lassen das Ganze weniger nach Zukunft als nach Raumschiff Orion aussehen, einer etwas muffigen Sechziger-Jahre-Science-Fiction.
Ähnlich kleinteilig und zerstückelt-synkretistisch wirkt bei aller Prominenz auch das Programm. Es gibt viel europäische Klassik und Ballett (ob mit dem chinesischen Matador Lang Lang oder mit dem London Philharmonic Orchestra unter Kurt Masur), aber auch „Drache und Phoenix“ von einem Peking-Opern-Ensemble und ein „harmonisches“ Musikkonzert mit einem buddhistischen Chor. Für nächstes Jahr ist das Musical „Les Misérables“ auf Chinesisch angekündigt. Ein schlüssiges künstlerisches Konzept ist dahinter noch nicht auszumachen. Mehr als alles andere symbolisiert das neue Nationaltheater den noch unentschiedenen Versuch der gegenwärtigen chinesischen Kultur, zwischen Gigantismus, Tradition, Kommerz und Internationalität einen eigenen Weg zu finden.
Wow...
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 20.12.2007, 19:32 Uhr
immerhin...
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 21.12.2007, 00:39 Uhr
Sehr schön
Jens Herrmann (Namuchat)
- 21.12.2007, 01:23 Uhr