28.10.2011 · Wenn er sitzt wirkt Saxophonlegende Charles Lloyd, der auf der Bühne immer so groß aussieht, auf einmal viel kleiner. „I`m all legs“, sagt er, und erzählt im F.A.Z.-Gespräch, wie er der Sklavenhaltung der Musikbranche entkam.
Von Claus LochbihlerSie sind einer der wenigen Jazzmusiker, die ein millionenfach verkauftes Album eingespielt haben: „Forest Flower“, den Livemitschnitt eines Auftritts beim Monterey Jazz Festival von 1966. Hat Sie das reich gemacht?
Nein. In erster Linie hat das Label kassiert. Es war damals wie auf der Baumwollplantage.
Kritiker nannten Ihr damaliges Quartett mit Keith Jarrett und Jack DeJohnette die erste psychedelische Jazzband. Wie finden Sie das?
Ich würde mich nicht als psychedelisch beschreiben. Auch nicht die Band. Was soll psychedelisch bedeuten?
Drogen.
Der Bassist war für Drogen nicht stabil genug. Und Keith war in dieser Hinsicht etwas steif - der hat bestimmt keine genommen. Also bleiben nur noch Jack und ich. Wir kannten die LSD-Typen um Timothy Leary, die von Millbrook immer nach New York gekommen sind. Die luden Charles Mingus, Herbie Hancock und mich immer auf ihren Landsitz ein. Aber macht das mein damaliges Quartett zu einem psychedelischen?
In den fünfziger und sechziger Jahren führten viele Jazzer eine recht prekäre Existenz. Ist es heute besser?
Ich kann nicht klagen. Wenn Sie aber wissen wollen, wie es heute für die Jungen aussieht, fragen Sie den Falschen. Ich lebe in Santa Barbara sehr zurückgezogen. In meinem Alter tourt man nicht mehr so oft wie früher. Und danach kehre ich in meine abgeschiedene Welt zurück. Ich wandere in den Bergen und schwimme im Ozean. Ich besitze kein Handy, keine Scheckkarte und solche Sachen. Um so etwas kümmert sich meine Frau.
Sie haben doch junge Mitspieler. Erzählen die nichts von Ihrer Situation?
Ich habe den Eindruck, dass junge Jazzmusiker heute besser bezahlt werden als wir in den sechziger Jahren. Dafür sind die Kosten viel höher. In den sechziger Jahren habe ich für mein riesiges Loft in der Nähe von Greenwich Village hundert Dollar bezahlt. Gleich um die Ecke, wo damals auch Dylan wohnte. Heute können sich die meisten Musiker so etwas gar nicht leisten. Die wohnen alle irgendwo in New Jersey, im besten Fall in Brooklyn.
Und wie sieht es heute mit Drogen aus?
Völlig anders als bei uns damals. Die meisten jungen Jazzmusiker haben nichts mehr mit harten Drogen am Hut.
Warum war das bei Ihnen und der Generation davor anders?
Meine Erklärung lautet so: Musiker wie Charlie Parker oder Billy Higgins fanden kein vernünftiges Auskommen, obwohl sie berühmt waren. Die lebten im Elend. In der Musik kamen sie auf höhere Gedanken - nur um anschließend wieder im Elend zu landen. Diesen Konflikt müssen Sie erst mal aushalten. Viele schafften das nur mit „tragicmagic“, wie mein Freund Billy Higgins die Drogen nannte.
Mit ihm verband Sie eine lange musikalische Freundschaft.
Billy Higgins war der wunderbarste Schlagzeuger, mit dem ich zusammen gespielt habe. Er hat immer weiter an sich gearbeitet. Sogar auf seine alten Tage bat Higgins seinen Gott, ihn noch besser spielen zu lassen. Er war zum Islam übergetreten. Deswegen wollte er immer wissen, wo genau Osten liegt. Unser letztes, vor seinem Tod aufgenommenes Duo-Album heißt deswegen „Which Way Is East“.
Das waren die letzten Aufnahmen von Billy Higgins.
Es ging ihm schon nicht gut, als wir bei mir zu Hause aufgenommen haben. Vier Monate später lag er im Sterben. Kurz vor seinem Tod sagte er: „Akhi, wir müssen weiter an unserer Musik arbeiten!“ Darauf sagte ich: „Master Higgins, du wirst von deinem Krankenbett wieder aufstehen, und dann spielen wir.“ Er antwortete nur: „Ich habe nicht gesagt, dass ich hier sein werde. Aber ich werde immer bei dir sein.“ Am 3. Mai 2001 ist Billy Higgins gestorben. Was er mit diesen Worten gemeint hat, habe ich erst ein paar Monate später verstanden.
Wann?
Am 11. September, einem Dienstag, sollten wir einen einwöchigen Gig in einem New Yorker Jazzclub beginnen. Dann kamen diese fürchterlichen Anschläge. Unsere Konzerte fingen deswegen erst am Freitag an. In einer absoluten Ausnahmestimmung, weil jeder im Club nur eines suchte: Trost, Trost, irgendeinen Trost. Wir spielten zwei Sets, das dritte dann eine Jam-Band. Eric Harland war dabei. Als ich aus der Garderobe herausgekommen bin und ihn am Schlagzeug gehört habe, war mir sofort klar: Den hatte mir Higgins aus dem Jenseits gesandt.
Haben Sie das Eric Harland auch so gesagt?
Ich habe ihm gesagt, dass wir miteinander spielen werden. Es hat ein paar Monate gedauert. Dann war er mein neuer Schlagzeuger.
Als Bassist haben Sie nun Reuben Rogers.
Eric für sich allein ist schon phantastisch. Noch besser klingt er, wenn Reuben an seiner Seite zu hören ist. Die zwei spielen, als ob sie aneinander gefesselt wären. Ihr Beat hat genau die Elastizität, die ich mag.
Fehlte nur noch Jason Moran am Klavier.
Eric hat uns nach einem Konzert vorgestellt. Da sagte Jason Moran zu mir: „Ihre Musik berührt mich bis ins Mark.“ Das ist so eine Redewendung aus dem Süden. Später sagte Eric über Jason nur noch: „Er versteht.“ Das hat mir gereicht. So kam er in die Band.
War das alles Vorsehung?
Klar. Billy Higgins sandte mir Harland, der wiederum brachte mir Reuben Rogers und Jason Moran. Also ist Higgins immer noch in der Band. Es war schon immer so, dass bestimmte Menschen dazu bestimmt sind, Musik zu spielen. Für die habe ich offenbar eine Antenne. Die hole ich in die Band. Wenn sie nicht von selbst kommen. So läuft das bei mir.
Und wie lief es bei Maria Farantouri, der griechischen Sängerin, mit der Sie Ihr neues Album „Athens Concert“ aufgenommen haben?
Ich habe sie vor zehn Jahren in Santa Barbara, meinem Wohnort, kennengelernt. Damals hat sie mir erzählt, dass ein Poster von mir in ihrer Londoner Wohnung gehangen hat - Anfang der siebziger Jahre, als sie wegen der griechischen Militärjunta im Exil lebte. Seitdem ich als Kind Billie Holiday gehört hatte, habe ich mich immer für Sängerinnen interessiert. Kaum etwas hat mich jemals so direkt angesprochen wie die Stimme von Billie Holiday. Am liebsten wäre ich damals nach New York gereist, um sie zu retten oder gleich zu heiraten. Als Junge wollte ich Sänger werden, aber dafür hat die Stimme nicht gereicht.
Und Maria Farantouri ist nun Ihre mediterrane Billie Holiday geworden?
Maria ist nicht Billie Holiday und auch nicht Maria Callas. Sie ist ganz sie selbst. Wenn wir zusammen Musik machen, versuchen wir nicht, irgendjemand anderer zu sein. Wir kommen beide aus sehr reichen Musiktraditionen: ich aus dem Jazz, sie aus der griechischen Musik - von byzantinischem Gesang bis Mikis Theodorakis. Deswegen möchte ich auch gar nicht, dass Maria versucht, irgendwie jazzig zu klingen. Unsere Bandbreite ist groß genug, dass wir uns irgendwo in der Mitte, auf ganz neuem Terrain treffen.
Sie waren zwischen 1969 und 1989 wenig präsent. Hat man dann später das Gefühl, etwas nachholen zu müssen?
Nein. So denke ich schon lange nicht mehr. Mich interessiert nur noch das spirituelle Leben. Das weltliche habe ich ausprobiert - es hat nicht zu mir gepasst. Erst recht nicht der schnelle Erfolg, das wilde Leben und der Exzess, womit ich bekanntlich meine Probleme hatte. Ich war immer ein Suchender. Als ich aus meiner Geburtsstadt Memphis weggegangen bin, habe ich geglaubt, ich könnte die Welt mit der Schönheit der Musik verändern.
Sind Sie enttäuscht, dass es nicht geklappt hat?
Irgendwann wurde ich realistischer. Als ich nach New York ging, sah ich, wie abgerissen meine Jazz-Heroen herumgelaufen sind - in löchrigen Schuhen. Das war ernüchternd. Ich habe damals erkannt, dass das Musikgeschäft wie ein großer Sklavenhalter-Betrieb funktioniert. Und dass ich erst einmal mich verändern muss, bevor ich andere verändern kann.
Leiten Sie so auch Ihre Band?
Wenn wir ein Album aufnehmen, sage ich den Musikern vorher nicht immer, was wir spielen werden. Viel wichtiger ist Vertrauen. Als wir „Caroline, No“ aufgenommen haben, hatte ich nie erwähnt, dass das ein Song von den Beach Boys ist. Eines Tages habe ich vor einem Konzert gesagt: „Lasst uns den Beach-Boys-Song spielen!“ Da fragte Eric Harland: „Welchen Beach-Boys-Song?“ Er hatte nicht gewusst, dass wir die ganze Zeit ein Lied von Brian Wilson gespielt hatten. Aber das war gut so. Er wäre sonst nicht frei gewesen, das zu spielen, was er spielt.
Sie kennen die Beach Boys?
Das waren Freunde, richtige Wohltäter, nachdem ich nach Kalifornien zurückgegangen war. Ich hatte damals kein wirkliches Einkommen. Die Beach Boys haben mir ihr ganzes Spielzeug zur Verfügung gestellt: Aufnahmestudios, Flugzeuge, was auch immer ich wollte. Ich habe dort Aufnahmen gemacht, die ich aber nicht veröffentlichen konnte - wegen des Streits mit meiner alten Plattenfirma. Da haben die Beach Boys eine Firma gegründet, um meine Aufnahmen herauszubringen. Mike Love von den Beach Boys und ich haben auch zusammen meditiert. Transzendentale Meditation. Wir haben das sogar unterrichtet. Irgendwann war mir das allerdings nicht tiefgründig genug. Deshalb fing ich an, buddhistische Texte zu studieren...
.... bis Sie eines Tages der Pianist Michel Petrucciani aus Ihrer Versenkung geholt hat.
Auch diese Begegnung war eine mystische Sache, so wie die Geschichte mit Billy Higgins und Eric Harland. Als Petrucciani bei mir aufkreuzte, studierte ich gerade einen alten Vedanta-Text, in dem ein Verkrüppelter vorkommt. Und wer taucht bei mir auf? Ein kleiner, verkrüppelter Pianist aus Frankreich, der unbedingt mit mir spielen will. Für uns beide war diese Begegnung extrem wichtig: Petrucciani hat in mir wieder die Lust geweckt, zu spielen und aufzutreten. Und ich habe ihm geholfen, seine Karriere zu starten. Leider hat unsere Beziehung nicht gehalten.
Weshalb nicht?
Petrucciani hatte eine ganz außergewöhnliche Begabung. Aber in gewisser Hinsicht hat er sie missbraucht. Weil ihn das schnelle, exzessive Leben irgendwann mehr interessiert hat: Kokain, Cognac, Partys, Frauen - das waren seine Schwächen. Außerdem ist ihm sein Erfolg ein wenig zu Kopf gestiegen. Ich habe seine Musik geliebt. Aber wie er durch das Leben gerauscht ist, das hat mir nicht gefallen.
Betreiben Sie Weltverbesserung durch Musik?
Mir hat Musik immer geholfen. Manchmal hat sie mich sogar geheilt. Diese Erfahrung möchte ich weitergeben, deswegen meine Balladen, meine Zärtlichkeits-Sutras.
Stimmt es, dass Sie ein ganz altes Tenorsaxophon spielen?
Ich habe ein Instrument, wie es Lester Young und die großen alten Saxophonisten benutzt haben. Das Ding sieht aus, als ob es 175 Jahre alt wäre. Wissen Sie, es gab in Kalifornien einen wunderbaren Studiomusiker namens Buddy Collette - der geistige Vater von Charles Mingus, Eric Dolphy, vielen anderen und mir. Vor ein paar Monaten ist er gestorben... Weshalb erzähle ich Ihnen das jetzt?
Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen.
Sehen Sie, das schätze ich so an meinem Pianisten: Jason Moran weiß immer, wo ich gerade bin.
Charles Lloyd wird am 15. März 1938 in Memphis, Tennessee, geboren. Mit zwölf Jahren spielt er in den Bands von Blues-Größen wie B. B. King und Bobby „Blue“ Bland.
Von 1965 bis 1969 leitet er sein eigenes Quartett mit Keith Jarrett am Klavier und Jack DeJohnette am Schlagzeug. Danach geht Charles Lloyd nach Kalifornien, um aus dem Musikgeschäft auszusteigen und von den Drogen loszukommen. Er freundet sich mit den Beach Boys an, widmet sich der Meditation und dem Studium buddhistischer Texte.
In den achtziger Jahren lockt ihn der französische Pianist Michel Petrucciani aus dem selbstgewählten Musik-Exil. Von 1989 an spielt er für ECM dreizehn Alben ein.
Mit seinem aktuellen Quartett, der griechischen Sängerin Maria Farantouri und dem Lyra-Spieler Socratis Sinopoulos ist Charles Lloyd am 1. November in Landsberg am Lech sowie am 6. November in Berlin zu hören. In Salzburg gastiert er am 4. November nur mit dem Quartett.