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Charles Lloyd im Gespräch : Warum ist alles für Sie Vorsehung, Mr Lloyd?

  • -Aktualisiert am

Charles Lloyd, wie Burkhard Neie ihn sieht Bild: Burkhard Neie

Wenn er sitzt wirkt Saxophonlegende Charles Lloyd, der auf der Bühne immer so groß aussieht, auf einmal viel kleiner. „I`m all legs“, sagt er, und erzählt im F.A.Z.-Gespräch, wie er der Sklavenhaltung der Musikbranche entkam.

          Sie sind einer der wenigen Jazzmusiker, die ein millionenfach verkauftes Album eingespielt haben: „Forest Flower“, den Livemitschnitt eines Auftritts beim Monterey Jazz Festival von 1966. Hat Sie das reich gemacht?

          Nein. In erster Linie hat das Label kassiert. Es war damals wie auf der Baumwollplantage.

          Kritiker nannten Ihr damaliges Quartett mit Keith Jarrett und Jack DeJohnette die erste psychedelische Jazzband. Wie finden Sie das?

          Ich würde mich nicht als psychedelisch beschreiben. Auch nicht die Band. Was soll psychedelisch bedeuten?

          Drogen.

          Der Bassist war für Drogen nicht stabil genug. Und Keith war in dieser Hinsicht etwas steif - der hat bestimmt keine genommen. Also bleiben nur noch Jack und ich. Wir kannten die LSD-Typen um Timothy Leary, die von Millbrook immer nach New York gekommen sind. Die luden Charles Mingus, Herbie Hancock und mich immer auf ihren Landsitz ein. Aber macht das mein damaliges Quartett zu einem psychedelischen?

          In den fünfziger und sechziger Jahren führten viele Jazzer eine recht prekäre Existenz. Ist es heute besser?

          Ich kann nicht klagen. Wenn Sie aber wissen wollen, wie es heute für die Jungen aussieht, fragen Sie den Falschen. Ich lebe in Santa Barbara sehr zurückgezogen. In meinem Alter tourt man nicht mehr so oft wie früher. Und danach kehre ich in meine abgeschiedene Welt zurück. Ich wandere in den Bergen und schwimme im Ozean. Ich besitze kein Handy, keine Scheckkarte und solche Sachen. Um so etwas kümmert sich meine Frau.

          Sie haben doch junge Mitspieler. Erzählen die nichts von Ihrer Situation?

          Ich habe den Eindruck, dass junge Jazzmusiker heute besser bezahlt werden als wir in den sechziger Jahren. Dafür sind die Kosten viel höher. In den sechziger Jahren habe ich für mein riesiges Loft in der Nähe von Greenwich Village hundert Dollar bezahlt. Gleich um die Ecke, wo damals auch Dylan wohnte. Heute können sich die meisten Musiker so etwas gar nicht leisten. Die wohnen alle irgendwo in New Jersey, im besten Fall in Brooklyn.

          Und wie sieht es heute mit Drogen aus?

          Völlig anders als bei uns damals. Die meisten jungen Jazzmusiker haben nichts mehr mit harten Drogen am Hut.

          Charles Lloyd: Mir hat Musik immer geholfen. Manchmal hat sie mich sogar geheilt
          Charles Lloyd: Mir hat Musik immer geholfen. Manchmal hat sie mich sogar geheilt : Bild: AP

          Warum war das bei Ihnen und der Generation davor anders?

          Meine Erklärung lautet so: Musiker wie Charlie Parker oder Billy Higgins fanden kein vernünftiges Auskommen, obwohl sie berühmt waren. Die lebten im Elend. In der Musik kamen sie auf höhere Gedanken - nur um anschließend wieder im Elend zu landen. Diesen Konflikt müssen Sie erst mal aushalten. Viele schafften das nur mit „tragicmagic“, wie mein Freund Billy Higgins die Drogen nannte.

          Mit ihm verband Sie eine lange musikalische Freundschaft.

          Billy Higgins war der wunderbarste Schlagzeuger, mit dem ich zusammen gespielt habe. Er hat immer weiter an sich gearbeitet. Sogar auf seine alten Tage bat Higgins seinen Gott, ihn noch besser spielen zu lassen. Er war zum Islam übergetreten. Deswegen wollte er immer wissen, wo genau Osten liegt. Unser letztes, vor seinem Tod aufgenommenes Duo-Album heißt deswegen „Which Way Is East“.

          Das waren die letzten Aufnahmen von Billy Higgins.

          Es ging ihm schon nicht gut, als wir bei mir zu Hause aufgenommen haben. Vier Monate später lag er im Sterben. Kurz vor seinem Tod sagte er: „Akhi, wir müssen weiter an unserer Musik arbeiten!“ Darauf sagte ich: „Master Higgins, du wirst von deinem Krankenbett wieder aufstehen, und dann spielen wir.“ Er antwortete nur: „Ich habe nicht gesagt, dass ich hier sein werde. Aber ich werde immer bei dir sein.“ Am 3. Mai 2001 ist Billy Higgins gestorben. Was er mit diesen Worten gemeint hat, habe ich erst ein paar Monate später verstanden.

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