06.03.2010 · Mit einem wahrhaften Furioso stürzt sie sich auf die Koloraturen: Cecilia Bartoli zeigt bei vollem Haus in Frankfurt, welche Leidenschaft in den Arien der Kastraten steckt. Obwohl gesanglich nicht alles stimmt: Ihre Präsenz auf der Bühne ist unwiderstehlich.
Von Gerhard RohdeWer möchte schon immer nur daheim im Sessel sitzen und Schallplatten hören? Das Live-Erlebnis lockt. Der Musiker zum Anfassen ist gefragt. Und wenn dieser Musiker auch noch weiblich ist und blendend ausschaut, dann freut sich nicht nur das Publikum, sondern auch der Veranstalter: Die Bude ist voll.
Vornehmer ausgedrückt: Der große Saal ist restlos ausverkauft. Wie in Frankfurts Alter Oper, als Cecilia Bartoli ihr „Sacrificium“-Programm jetzt auch in der Bankenstadt vorstellte, im Rahmen der „Classicsnights“ der Landesbank Hessen-Thüringen. Von Banken- und Finanzkrise war an diesem Abend nichts zu spüren. Hier galt's der Kunst.
Cecilia Bartoli, unermüdlich auf der Spur nach verborgenen Schätzen der Musik, vom Barock bis zu den Rossiniaden des frühen neunzehnten Jahrhunderts, hat sich diesmal das Kastratentum vorgenommen.
Merchandise auch bei klassischen Konzerten
Wie es sich für das moderne Musikgeschäft gehört, wurde nach entsprechenden Entdeckungsreisen in die vor allem italienischen Notenarchive zunächst eine CD-Einspielung erarbeitet.
Das bringt mehrere Vorteile: Das Programm ist sorgfältigst einstudiert, Perfektion ist das oberste Plattengebot. Erpichte Barockliebhaber und in diesem Fall Bartoli-Freaks können schon einmal eine Kostprobe nehmen, um sich dann umso stärker auf die lebendige Begegnung zu freuen - wer noch keine CD-Dokumentation besitzt, kann sie in der Pause und nach dem Konzert erwerben. Das Konzert als Verkaufsausstellung. Bei Karajan in Salzburg war es nicht anders.
Ihre Präsenz auf der Bühne ist unwiderstehlich
Cecilia Bartolis Sangeskünste sind bekannt und werden sei vielen Jahren in aller Welt gerühmt. Auch ihr „Sacrificium“ wurde schon überall ausführlich gewürdigt.
Wenn man Cecilia Bartoli auf der Bühne so unmittelbar wie jetzt wieder in Frankfurt erlebt, wird man zunächst einmal von ihrer unwiderstehlichen physischen Präsenz hingerissen. Da stürmt sie mit Federhut als Kavalier des achtzehnten Jahrhunderts auf die Szene, wirft Hut und bei den nächsten Auftritten Stück für Stück alle Assessoires fort, bis sie nur noch als junger Mann im weißen Rüschenhemd und schwarzer Hose dasteht. Eine raffinierte Kleider-Dramaturgie, die zum Thema gehört.
Die Koloraturen gelingen nicht immer
Cecilia Bartoli, das war an diesem Abend trotz aller Überrumpelungskünste zu konstatieren, ist eine sehr, sehr gute, aber auch eine Sängerin, deren Stimme unterschiedliche Stärken und Schwächen auszeichnen. Am eindringlichsten wirkt sie in getragenen, klagenden, melancholischen Arien, in Nicola Porporos „Parto, ti lascio, o cara“, in Leonardo Leos „Qual farfalla“, in Carl Heinrich Grauns Kindsbeweinung „Misero Pargoletto“. Bartolis Stimme klingt hier wunderbar zart, farbig, ausdrucksgesättigt, beinahe wie entrückt.
Mit einem wahrhaften Furioso stürzt sie sich immer wieder leidenschaftlich auf die Koloraturen. Dabei entstehen Probleme. Bartolis Stimme ist nicht unbegrenzt groß. Sie neigt dazu, diesen für einen Mezzo-Sopran keineswegs unüblichen naturgegebenen Nachteil durch Forcieren zu kompensieren.
Die Koloraturen kommen zwar trotzdem gestochen scharf, fließen und rattern atemberaubend dahin, aber der Stimmklang verfestigt sich zusehends, verliert an Farbe und Expression.
Cecilia Bartoli bietet dem Großpublikum seine „Schau“
Dass Cecilia Bartoli mit ihrem Entdeckerehrgeiz auch hier wieder an einst berühmte, dann aber vergessene Komponisten erinnert, verdient uneingeschränkte Bewunderung. Allerdings gab es schon früher entsprechende Bemühungen.
So wurde bei den Festspielen in Aix-en-Provence vor dreißig Jahren eine „Porporino“-Oper aufgeführt, die aus dem Buch „Porporino oder die Geheimnisse von Neapel“ von Dominique Fernandez eine szenische und musikalische Collage über die Kastratensänger herstellte. Es war ein hochtheatralisches Opernspektakel mit exzellenten Sängern.
Und wer die vielen vorzüglichen Vokalisten in den Ensembles eines William Christie, Marc Minkowski oder Christopher Rousset erlebt hat, bewundert immer wieder die Stilsicherheit, die Ausdrucksmacht und die Schönheit des Singens dieser Sängerinnen und Sänger, die sich mit ihrer Person nie vor das Werk stellen.
Cecilia Bartolis Auftritte dienen neben der Kunst auch einem anderen Zweck: Willst du Schau, geh ins Lichtspiel - hieß es in den zwanziger Jahren. Cecilia Bartoli bietet auch die „Schau“, die ein heutiges Großpublikum braucht, um in Begeisterung zu fallen.