http://www.faz.net/-gqz-9g6ah

„Ein grüner Junge“ auf der Bühne : Frank Castorfs Kölner Entwicklungshilfe

Kalt ist es in Köln: Nikolay Sidorenko, Ines Marie Westernströer und Sophia Burtscher in Frank Castorfs „Grünem Jungen“ nach Dostojewski Bild: Thomas Aurin

Einführung in die Anfangsgründe der Lebenszeitökonomik: In Frank Castorfs Bühnenadaption von Dostojewskis Roman „Ein grüner Junge“ erfährt das Publikum, wie man Kapitalist wird.

          Der Abend im Depot1 des Kölner Schauspiels ist erst ein paar Minuten alt, da werden wir schon vertröstet. „Ein grüner Junge“, der Titelheld von Fjodor Dostojewskis fünftem Roman in der Übersetzung von Swetlana Geier, „Der Jüngling“ anderer Übersetzungen, wird in einem Palaver des Bühnenpersonals vorgestellt, verschiedene Mitspieler heben verschiedene Züge heraus, bis Melanie Kretschmann in der Rolle der Mutter dazwischengeht und die Rede auf eine Idee bringt, die der junge Mann verfolge. Worin diese Idee besteht, verrät sie nicht. Das, sagt sie, wird „später“ zur Sprache kommen, und zwar „noch oft“. Es inszeniert Frank Castorf.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ein zu Selbstironie aufgelegter Frank Castorf. Um 18 Uhr war die Premiere angesetzt, wie bei einer Wagner-Oper. Die angekündigte Dauer von sechs Stunden ist kurz vor dem Erlöschen der Lichter Anlass für die eine oder andere hektisch abgesetzte Whatsapp-Nachricht. 29 Jahre ist es her, dass Castorf in Köln gearbeitet hat.

          Fast drei Stunden vergehen. Dann setzt plötzlich die Musik aus. Abgerissen das in Endlosschleife vom Band gespielte Streichermotiv, das alle Dialoge mit einlullendem Fatalismus umstrickte. Dunkel die Bildschirmwand, auf die bislang der größere Teil des Geschehens projiziert wurde, mit Videokamera live aufgezeichnet im Kabuff der Hinterbühne, einer Datscha mit Sprossenwand, Ikonen und zwei Bildern von Velázquez. Dunkel die gesamte Bühne, auf die nun der Hauptdarsteller tritt, Nikolay Sidorenko, von der Natur für seine Partie ausgestattet: Er ist ein Jüngling mit lockigem Haar und russischer Muttersprache. Arkadij Dolgurukij, der Erzähler des Romans, löst das Versprechen seiner Mutter ein und spricht über die Idee. Eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

          Eine verblüffend einfältige Geschäftsidee

          Der Monolog wächst sich zu einem Vortrag aus, einer Vorlesung, einem philosophischen Kolleg. Vom Podium eines TED-Kongresses oder des CDU-Bundesparteitags wäre der Redner schon längst verscheucht worden, aber die Idee ist hier keine Fangphrase aus dem Markenkern-Marketing, sondern soll den begrifflichen Forderungen des Idealismus genügen. Die Idee muss in ihren Konsequenzen und in ihren Voraussetzungen expliziert werden. Was folgt also aus der Idee, und wie ist sie in die Welt gekommen? Auf beide Fragen gibt es dieselbe Antwort. „Davon viel, viel später.“ Pause. Eine halbe Stunde, mit Borschtsch und russischem Kartoffelsalat.

          Wer nicht im Saal war, wird spätestens an dieser Stelle fragen: Und was war denn nun die Idee? Wir wollen Castorf loben, nicht ihn nachahmen und werden deshalb, obwohl Sie noch nicht einmal die Hälfte dieser Rezension hinter sich gebracht haben, die Aufklärung nicht künstlich hinauszögern. Das Greenhorn im wildesten Osten seit Castorfs Bayreuther „Ring“ hat eine Geschäftsidee, deren Einfalt auch dann verblüffen kann, wenn wir uns hinter Arkadijs Ohren das satteste Grün der naiven Palette des Zöllners Rousseau vorstellen. Die Idee: Er will so reich werden wie die Rothschilds.

          Genießen darf man sie erst viel, viel später

          Sie werfen ein: Der arme Junge! Doch der Hintergrund der Bühne von Aleksandar Denić warnt vor derlei billigem Spott. In den Himmel über der Datscha ragt das handgemalte Plakat des Films „The House of Rothschild“ mit Boris Karloff; die charaktervollen Physiognomien der Mitwirkenden ergeben einen Mount Rushmore der Finanzgiganten. Der Kassenschlager des Jahres 1934 illustriert: Es sind schon andere Leute reich geworden wie die Rothschilds – so schlecht ist die Idee gar nicht.

          Aber ist der Junge reif genug für seine Idee? Müsste ein Bankier nicht nach der Maxime „Zeit ist Geld“ vorgehen und sich in einer Präsentation vor potentiellen Anlegern kürzer fassen? Doch Arkadijs Monolog, der scheinbar Tucholskys Ratschläge an schlechte Redner in die prokrastinierende Untat umsetzt, beglaubigt in Wahrheit mit seiner Form seinen Inhalt: Die Idee der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist die aufgeschobene Gratifikation. Die Früchte einer Investition, die sich bezahlt machen soll, darf man nicht sofort genießen, sondern erst viel, viel später.

          Schauspieler unter Zwang

          Der Vortrag führt ein in die Anfangsgründe der Lebenszeitökonomik: Zuerst muss man ein paar Jahre sparen. Im aberwitzigen Detail malt Arkadij sein Programm der innerweltlichen Askese durch ununterbrochene Selbstbeobachtung aus. So halten Schuhe ein Drittel der Zeit länger, wenn man darauf achtet, den Fuß mit der ganzen Sohle aufzusetzen, und es vermeidet, sie seitlich zu belasten. Hier wird der Idealismus als eine mönchische Technik beschrieben, sich die Welt durch Verarbeitung vom Leib zu halten. Der in dieser Weise idealtypisch als Habitus bestimmte Kapitalismus wird dank Castorfs Requisiten aus dem Fundus sowjetischer Bildpolitik erkennbar als Vorschein seines Gegenteils, des Kommunismus. Oder anders gesagt: Castorfs nostalgische Collagen legen nahe, dass Kommunismus und Kapitalismus spiegelbildliche Varianten desselben anachronistischen Idealismus sind.

          Dass Nikolay Sidorenko während des langen Vortrags in der komischsten Weise am ganzen Leib zappelt, ist nicht im trivialen Sinne einer Widerlegung des Ideenglaubens durch materialistische Demonstration der Wiederkehr des Verdrängten zu verstehen. Die reine Lehre der kapitalistischen Seelenkunde wird vielmehr insoweit korrigiert, als man in der Energieansammlung, die für das Sparen nötig ist, selbst eine Form der Verausgabung erkennen kann. Auf diese Einsicht führt Castorfs Theater, das den Zuschauern stundenlanges Wartenkönnen abverlangt.

          Energiereserven erfreuen das Herz des Regisseurs. In seiner Freude legt er noch etwas dazu. Nein, er legt nicht, er schüttet mit vollen Händen aus, den Händen seiner Schauspieler. Diese stehen unter dem Zwang, in die Kamera zu sprechen und dabei laut zu sprechen wie Volksredner vor der Erfindung des Lautsprechers. Wenn man miterlebt, wie die Mitglieder des Kölner Ensembles aus sich herausgehen und dabei immer mehr Kraft gewinnen, kommt man auf die Idee: Das will ich auch.

          Weitere Themen

          Darf man mit Sarrazin diskutieren?

          Meinungsfreiheit : Darf man mit Sarrazin diskutieren?

          Zu einem Seminar über Meinungsfreiheit habe ich Thilo Sarrazin und Marc Jongen eingeladen. Meine Universität hat mir dafür die Mittel gestrichen. Warum ich trotzdem an der Einladung festhalte. Ein Gastbeitrag.

          „Ich tauge nicht zum Prinzen“

          Schauspieler Ludwig Trepte : „Ich tauge nicht zum Prinzen“

          Zweiter Weltkrieg, deutsche Teilung, Wiedervereinigung: Nicht nur in „Deutschland 86“ spielt Ludwig Trepte sich durch die jüngere deutsche Geschichte. Dabei überragt er oft alle anderen – auch in seinen Nebenrollen. Ein Treffen.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Es ist die erste Regionalkonferenz, auf der sich Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn den Mitgliedern ihrer Partei präsentieren.

          CDU-Regionalkonferenz : Gezielte Spitzen im Nebel der Nettigkeiten

          Stimmungstest für die potentiellen Merkel-Nachfolger an der CDU-Basis: Merz trifft nur einmal nicht den richtigen Ton, Kramp-Karrenbauer gibt sich bestimmt, Spahn tritt als Erneuerer auf – und jeder setzt ein paar gezielte Spitzen.

          Mays Position nach dem Deal : Der Brexit macht einsam

          Premierministerin Theresa May verliert immer mehr Rückhalt. Nicht nur ein geordneter Brexit, auch ihre eigene Zukunft steht jetzt auf dem Spiel. Kann sie das verkraften?

          3:0 gegen Russland : Ein Zeichen der deutschen Erneuerung

          Der deutschen Fußball-Nationalelf glückt der vierte Sieg im ansonsten trüben Fußballjahr 2018. Das Testspiel gegen Russland gewinnt Löws junges Team mit 3:0. Doch die Stimmung bleibt verhalten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.