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Castorf inszeniert „Faust“ : Gounod statt Goethe

Adam Palka (l.) als Mephistoteles und Attala Ayan als Faust in der Stuttgarter „Faust“-Inszenierung Bild: dpa

Was in Bayreuth öfters dumm danebenging, das entwickelt zu den machtvollen Gounodschen Chören, Walzern,und Herz-Schmerz-Songs einen eigentümlichen Sog: Frank Castorf inszeniert „Faust“ in Stuttgart.

          Gerichtet? Gerettet? So genau weiß das nicht mal das Gretchen selbst. Es stürzt zu Boden, bleibt liegen und rührt sich nicht mehr, trotz der erzengelhaften Lichterchöre aus dem Off, die von Auferstehung predigen. Schließlich gehorcht die Frau doch noch, steht auf und schlurft zurück ins Caféhaus, nur, um sich, stieren Blicks und molto legato, einen tödlichen Cocktail zu mixen.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Margarethe ist die heimliche Hauptfigur in der französischen „Faust“-Oper, die Charles Gounod anno 1859 komponierte, zunächst noch mit gesprochenen Dialogen, ohne Ballett. Erst später wuchs sie sich aus zu jener hinreißenden Grand Opéra, die zum Kassenschlager wurde. Anders als bei Goethe, geht es bei Gounod nicht um Philosophie oder Theologie, sondern um Liebe, Liebe, Liebe. Folglich hat Margarethe fast eben so viele gleißend schöne Arien und Couplets zu singen wie ihr Gegenspieler, der schwarze Mephisto-Bass. Sie ist auch keine kleinkarierte Unschuld vom Lande, vielmehr eine großzügige Rinnsteinschwalbe, ein promiskes, modernes Girl, und die Story geht ungefähr so: Es war einmal ein Mädi vom Chantant, das findet die große Liebe und geht daran kaputt.

          Am Ende eine Höllenfahrt? Nicht ungewöhnlich!

          Auch der Regisseur Frank Castorf mag weder richten, noch retten. Einmal lässt er in seiner Neuinszenierung des Werks am Opernhaus in Stuttgart sogar vor der Zeit den Vorhang fallen, direkt nach der Kirchenszene, im vierten Aktfinale, als der Teufel das Gretchen kapert und in den Untergrund verschleppt, was in diesem Fall sogar wörtlich zu nehmen ist, denn die beiden verschwinden im gullydampfenden Nebel des Metro-Eingangs „Stalingrad“ der Linie zwei im 19. Arrondissement, der freilich hier, in der vom Bühnenbildner Aleksandar Denić wunderherrlich aus allerhand Paris-Klischees zusammengedrechselten Drehbühnen-Stadt, einem quasi paris-babylonischen Turmbau, nur einige wenige Schritte vom Hochaltar der Notre-Dame-Kathedrale im 4. Arrondissement entfernt ist. Wobei Mephisto schallend ruft: „Für dich: die Hölle!“

          Ja, das wäre eine Option. Nicht ungewöhnlich, dass Opern mit einer Höllenfahrt enden. Auch Gounods melodiensattes, formenreiches Machwerk, das im zweiten Teil ohnehin etliche dramaturgische Umwege macht, könnte so aufhören. Aber schon geht der Lappen wieder hoch, und das Staatsorchester Stuttgart spielt, unter der höchst inspirierten Anleitung von Marc Soustrot und ganz ohne Rücksicht auf Castorfs Regie-Idee, einfach weiter. Und es fehlt ja auch noch allerhand: die Walpurgisnacht-Chöre, das Gefängnisduett, das triumphale Schlussterzett.

          In Bayreuth daneben, in Stuttgart getroffen

          Der famose Kapellmeister Soustrot, sein glänzend aufgelegtes Orchester, der von Johannes Knecht prachtvoll präparierte Staatsopernchor, sie stürmen durch Gounods Partitur wie in einem Festrausch: Schnell, gelenkig, leicht und witzig tönt das, doch machtvoll aufrauschend, mit dunkel dröhnendem Posaunenton, wenn es ernst wird - etwa in der Fluch-Szene, wenn der aus dem Krieg heimgekehrte Valentin auf öffentlichem Platz unter den Augen aller stirbt.

          Atalla Ayan als Faust und Mandy Fredrich als Margarethe in Stuttgart

          Für einen virtuosen Theatermann wie Castorf, der freilich die Noten nicht ganz so selbstherrscherartig umstülpen und herumschubsen darf wie die Texte, ist das Opernterrain geradezu gepflastert mit kleinen Kröten, die geschluckt werden wollen. Manche Kröte rutscht von selbst, manche klemmt, manch eine lässt sich als V-Effekt verkleiden. Wenn Valentin seine Schwester Margarethe verflucht, zitiert er, zum Beispiel, den film noir. Es regnet, und wie ein Haufen nasser Raben scharen sich die Menschen unter Schirmen und beglotzen des Nächsten Elend, besingen den Sterbenden. Das ist eine starke Szene, selbst Denićs Bühnenbild singt mit: Es weinen die gotischen Wasserspeier, es qualmen die Schornsteine von Mini-Paris. Und auch sonst gilt: Was in Castorfs Bayreuther Wagner-Inszenierungen öfters dumm danebenging, das entwickelt hier, zu den machtvollen Gounodschen Chören, Märschen, Walzern, Serenaden und Herz-Schmerz-Songs, einen ganz eigentümlichen Sog.

          Eine Parade glanzvoller Debüts

          Der alte Tick der Verdoppelung und Vergröberung durch Live-Videos (Martin Andersson) langweilt kein bisschen, denunziert keinen Sänger, funktioniert wunderbar. Und auch Castorfs obligatorisches Passepartout, wonach jedes Stück schlagzeilenartig mit Kapitalismuskritik zu übermalen sei, wirkt hier, beim französischen „Faust“, goldrichtig: Dafür steht Mephistos krachender „Tanz ums Kalb“ ebenso ein wie Margarethens selige „Juwelenarie“. Nur, dass die Geschichte um hundert Jahre nach vorn verlegt ist, von 1860 in die Sechziger des zwanzigsten Jahrhunderts, eingedunkelt von Bildern aus den Massakern des Algerien-Kriegs.

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          Alle Sängerinnen und Sänger singen ihren Part zum ersten Mal: eine Parade glanzvoller Debüts. Frau Marthe Schwerdtlein (spitzig brillant: Iris Vermillion) ist von Kopf bis Fuß auf Teufel eingestellt. Gemeinsam mit dem romantischen jungen Herrn Siebel (überragend gesungen von Josy Santos) liest sie Romane von Émile Zola. Gezim Myshketa verleiht dem braven Soldaten Valentin satte, zuverlässige Tiefe, Atalla Ayan stattet den verliebten Faust-Jüngling zumal in der Mittellage mit sicherem, herrlich hell timbriertem Tenorsilber aus, Mandy Fredrich ist eine kokett verspielte, anfangs allzu feine Margarethe, die erst gegen Ende auch vokal zur Heldin wächst. Eine Entdeckung: der bewegliche, kraftvolle, komödiantische polnische Bass Adam Palka. Dieser junge Mephisto ist ein attraktiver Mistkerl, wie er im Buche steht.

          Aufführungen im November

          Donnerstag, 3. November, 19 Uhr
          Sonntag, 6. November, 15 Uhr

          Freitag, 11. November, 19 Uhr

          Donnerstag, 17. November, 19 Uhr

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