14.09.2007 · Jung, hübsch und Geigerin lässt sich derzeit gut vermarkten. Ein Glück für die neue Musik, die Carolin Widmann in ihren Konzerten bevorzugt spielt. Für ihren Auftritt in Frankfurter am 15. September schrieben ihr bekannte Komponisten gar eigens Solostücke auf den Leib.
Von Gerhard RohdeVor einiger Zeit fragte ein Konzertveranstalter bei einer Musikhochschule den zuständigen Violinprofessor, ob der nicht wieder einmal junge, hübsche Geigerinnen im Angebot habe. Wohlgemerkt: Geigerinnen, nicht Geiger. Jung und hübsch und Geigerin lässt sich derzeit wohl besonders gut vermarkten. Und wer sich tüchtig auf der Karriereleiter nach oben bewegt, darf alsbald schon wieder an die Hochschule zurückkehren: als Professorin für Violine. So vor einigen Monaten, als gleich drei Damen der Geigenzunft einen der begehrten Lehrstühle ihres Fachs besetzten. Eine dieser hübschen, jungen Professorinnen heißt Carolin Widmann, lehrt in Leipzig und reist im Übrigen zumindest durch die halbe Welt, um ihre Kunst den Musikfreunden vorzuführen.
Am 15. September tritt sie in der Alten Oper Frankfurt auf. Nicht mit einem der bekannten großen Violinkonzerte von Beethoven, Brahms oder Tschaikowsky. Ihr Programm erscheint gleichsam wie ein Bekenntnis: Ohne neue Werke und ohne neue Komponisten wird es für die Musik keine Zukunft geben. So komponierten Wolfgang Rihm, Matthias Pintscher und der estnische Komponist Erkki-Sven Tüür eigens für ihr Frankfurter Konzert neue Solostücke. Erkki-Sven Tüür ist in diesem Jahr der Residenz-Komponist des Frankfurter „Auftakt“-Festivals. Komplettiert wird das Trio der Premieren durch ein Lieblingsstück der Geigerin: Salvatore Sciarrinos „Sei Capricci“. Kein Ton darin erklinge „normal“, sagte Carolin Widmann in einem Interview, „alles pfeift und rauscht in rasendem Tempo“. Wie ein „Chamäleon“ müsse sie sich den unterschiedlichen Stilen der Werke anpassen.
Ohne klassizistische Attitüde
Carolin Widmann, 1976 in München geboren, studierte bei Igor Ozim in Köln, Michèle Auclair in Boston und David Takeno in London. Ihre Persönlichkeit entspricht mit keiner Faser dem oben zitierten Anforderungsprofil einiger Konzertveranstalter. Sie sieht blendend aus, gewiss, aber wenn sie Iannis Xenakis' vertrackt-grandiose „Dikhtas“-Komposition für Violine und Klavier gleichsam exekutiert, dann achtet niemand mehr auf Äußerlichkeiten, steht vielmehr im Bann einer bezwingenden, vor innerer Spannung förmlich berstenden Interpretation.
Carolin Widmann bewahrte sich bis heute den produktiv unruhigen Geist. Die klassizistische Attitüde mancher Interpretinnen ihrer Generation liegt ihr fern. Zu große Ruhe in noch jungen Jahren wirkt allemal verdächtig. Carolin Widmanns Affinität zur Moderne wird künftig sicher immer stärker auf die Korrespondenz mit dem tradierten Repertoire einwirken. Ihr Bruder, der Klarinettist und Komponist Jörg Widmann, mag ihr dabei wichtige Fingerzeige geben: wie man als Avantgardist zugleich ein kompetenter Interpret des klassischen Repertoires sein kann.