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„Carmen“ in Salzburg : Ein Sahnehäubchen mit groben Stellen

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Liebe geht durch die Haare: Magdalena Kožená und Jonas Kaufmann in der Salzburger „Carmen“-Inszenierung von 2012 Bild: dapd

Die Osterfestspiele in Salzburg wollen ihr elitäres Image abschütteln. Bizets „Carmen“ wäre dafür der richtige Stoff. Simon Rattle jedoch handhabt ihn ohne Bühnengespür.

          Ein wenig Wehmut hätte schon sein dürfen. Immerhin endet in diesen Tagen eine Ära: Nach fünfundvierzig Jahren gestalten die Berliner Philharmoniker zum letzten Mal die Salzburger Osterfestspiele. Fast ein halbes Jahrhundert ist es nun her, dass Herbert von Karajan diesen eigentümlichen Dinosaurier eines in seinen künstlerischen Ansprüchen wie in seiner Preisgestaltung kompromisslos elitären Festivals in die europäische Festspiellandschaft gewuchtet hat. Doch von Wehmut oder Bedauern war bei der diesjährigen Eröffnungpremiere von Bizets „Carmen“ wenig zu spüren.

          Fast schon zu geräuschlos ist im vergangenen Jahr die Stabübergabe an die Dresdner Staatskapelle und ihren künftigen Chefdirigenten Christian Thielemann eingeleitet worden - als sei so eine Rochade zweier Spitzenorchester im Kulturbetrieb an der Tagesordnung. Die Berliner und ihr Chef Simon Rattle werden ihr Glück von 2013 an nun also beim neuen Osterfestival im ebenso mondänen Baden-Baden suchen; auf die Dresdner hingegen wartet der Aufstieg in den Olymp der internationalen Musikszene. Reihum nichts als Gewinner - wer wollte da zurückschauen: The show must go on.

          Den Reichen und Schönen vorbehalten

          Muss sie? Es ist fraglos ein Verdienst des neuen Intendanten Peter Alward, dass nach dem erwarteten, dann aber doch überraschend brüsken Ausstieg des Berliner Renommierorchesters im Frühsommer 2011 so schnell künstlerisch hochwertiger und mindestens ebenso namhafter Ersatz gefunden wurde: Auf Namen und Tradition kommt es schließlich an bei diesem Festival. Dies mag alle Abschiedswehmut - und wohl auch manchen Ärger über zerschlagenes Porzellan - durchaus mit Vorfreude auf die „Neuen“ überlagern.

          Auch hat sich Alward ähnlich effizient als wahrer Herkules betätigt und den Sau-, pardon: Augiasstall der örtlichen Klientelswirtschaft gründlich durchgespült. Hatte doch schon Anfang 2010 ein Betrugsskandal in der Leitungsebene das Osterspektakel erstmals in Existenz- und Rechtfertigungsnöte getrieben. Plötzlich wurden all die kritischen Fragen wieder laut, wozu man ein derart kostspieliges Festival überhaupt brauche, das allein schon wegen seiner exorbitanten Kartenpreise vornehmlich den Reichen und Schönen dieser Welt vorbehalten sei. Doch solche ketzerischen Einwände hört man inzwischen kaum noch.

          Versteckter Seitenhieb auf die Vorgänger

          Ebenso wenig wird freilich über das aktuelle Profil der Osterfestspiele diskutiert. Was will man eigentlich künstlerisch mit diesem Festival? Genügt der 1967 von Karajan formulierte Gedanke einer alles überstrahlenden Exklusivität weiter als Alleinstellungsmerkmal - zumal angesichts der künftigen Konkurrenz in Baden-Baden? Passt so etwas überhaupt noch in unsere plurale und mediale Welt?

          Auch das Programm der ersten Thielemann-Saison 2013 gibt da kaum Antworten. Ein erschwingliches „Konzert für Salzburg“ soll die bislang oft fremdelnden Musikfreunde vor Ort besser einbinden und dem Festival so endlich seinen Sahnehäubchen-Charakter nehmen. Sonst bleibt das meiste beim Alten, und die avisierte „Parsifal“-Premiere zum Wagner-Jahr ist nun auch alles andere als eine dramaturgische Überraschung. Einen versteckten Seitenhieb auf die Vorgänger kann sich Thielemann dennoch nicht verkneifen: In die erwartbare Traditionspflege-Rhetorik seines Geleitworts streut er ganz beiläufig den Hinweis ein, dass seine Dresdner Staatskapelle ja „seit jeher in der Semperoper beheimatet ist“, soll heißen: weit mehr genuine Opernerfahrung hat als die Berliner Philharmoniker.

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