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„Carmen“ an der Scala So mordszärtlich ist Don José

08.12.2009 ·  Diese Inszenierung, glaubt der Dirigent, wird zur Legende werden: Daniel Barenboim eröffnet mit einer spektakulären „Carmen“ die Saison der Mailänder Scala und entdeckt eine umwerfende neue Sängerin.

Von Jan Brachmann, Mailand
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Einmal im Jahr, am Ambrosiustag, dem 7. Dezember, wird in Mailand die Gesellschaft zum Spiegel der Oper. Dann zeigt sich auf dem Platz rund um das Leonardo-Denkmal vor dem Teatro alla Scala jene Leidenschaft, die es zur Handlung drängt. Das alte griechische Wort dafür, „Drama“, füllt sich so neu mit Leben. Am Tag des Stadtheiligen von Mailand wird traditionell die Spielzeit am berühmtesten Opernhaus Italiens eröffnet. Den Glanz der Scala wollen dann auch jene nutzen, denen es nicht glänzend geht: Sie protestieren.

Am Montag waren die Proteste, mehrjährigen Beobachtern zufolge, so heftig und zahlreich wie seit langem nicht. Automobilbauer, Gewerkschafter, aber auch Theaterkünstler machten ihrem Unmut über die Regierung Berlusconi auf eine Weise Luft, bei der die Eskalation gewollt war: Mehrere Feuerwerkskörper wurden auf die Polizei geworfen, um Schüsse zu simulieren; Eier flogen durch den Regen in Richtung der Premierengäste; eine Stofffigur in Form des Fiat-Chefs Sergio Marchionne wurde verbrannt. In der Scala solidarisierte sich das Orchester auf zivilere Weise mit den Demonstranten: Unter der Leitung von Daniel Barenboim legten die Musiker vor der Aufführung von Georges Bizets „Carmen“ eine Schweigeminute ein, um ihr Nichteinverständnis mit der Schließung mehrerer Mailänder Unternehmen und mit der Kürzung der Etats bei anderen italienischen Opernhäusern zu bekunden. Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano, Senegals Präsident Abdoulaye Wade sowie der US-Botschafter in Rom, David Thorne, nahmen dieses Schweigen in der Mittelloge schweigend hin. Enden sollte der Abend aber auch im Saal mit Tumult.

Hunderte von Blumen regneten aus den Galerien und Logen auf einen Mann herab, der sich zu einem neuen Triumph gesungen hatte: der Tenor Jonas Kaufmann. Mit dem Don José ist ihm das vielschichtige Charakterbild eines Menschen gelungen, der aus zu starker Sensibilität heraus zum Gewalttäter wird. Als er im zweiten Akt von der Blume sang, die Carmen ihm zugeworfen hatte, verband seine Stimme im tiefen Register auf ganz seltsame Weise Kraft und Versehrbarkeit, in der Höhe aber Glanz und Weichheit. Den Mord am Ende motivierte er stimmlich aus einem Überfluss an Zärtlichkeit, an geradezu fiebriger Süße des Singens, die beängstigender war als die szenisch angedeutete Vergewaltigung.

Triumphales Debüt

Kaum weniger triumphal gestaltete sich das Debüt der fünfundzwanzigjährigen Georgierin Anita Rachvelishvili, die Barenboim aus den Nachwuchsbegabungen des Opernstudios an der Scala für die Rolle der Carmen ausgewählt hatte. Da ist dem Maestro eine echte Entdeckung geglückt. Ein erdiger, schwarzschlundiger Mezzosopran war zu bestaunen, dem es keineswegs an Beweglichkeit und Tonreinheit fehlte. Mag auch Rachvelishvili ein wenig zu offensiv mit ihren Mitteln umgegangen sein – noch kann sie es sich leisten: Selbst bei überwiegend lautem Gesang blieb ihre Stimme tonschön, warm, voll und wurde niemals schrill. Umwerfend aber ist ihr Singen als gesteigertes Sprechen: In der Habanera nutzte sie die Kommata im Text zu expressivem Atmen, das sich zugleich in Gesten verwandelte. Diese Einheit von Musik, Sprache und Körperbewegung soll ja das Wesen des antiken Dramas ausgemacht haben, das einige Florentiner Gelehrte Ende des 16. Jahrhunderts wiederzubeleben suchten, als sie die Oper erfanden. Rachvelishvili hat diese Erfindung nochmals legitimiert durch eine leibliche, fast tänzerische Intelligenz der Stimme. Dass gegen ein solches Hauptdarstellerpaar Erwin Schrott als Escamillo und Adriana Damato als Micaëla nur verhaltenen Applaus bekamen, war zwar etwas ungerecht, aber aus dem charismatischen Schwung des Abends heraus begreiflich.

Auf lautstarke Ablehnung hingegen stieß die Regisseurin und Kostümbildnerin Emma Dante für ihre Arbeit. Das ist nun überhaupt nicht zu verstehen. Vielmehr kann man an ihrer behutsamen und klaren Inszenierung bewundern, wie sie Kostüme als Bedeutungsträger einsetzt und mit ihnen nach dem Vorbild motivischer Arbeit in der Musik ihre Gedanken entwickelt. Da wird der Kragen der Fabrikarbeiterinnen auf einmal zur Nonnenhaube, da wandelt sich Micaëlas schwarzer Mantel nur durch das Fallen des Saumes in ein Brautkleid. Und immer machen solche Rollen- und Bedeutungswechsel komplexe psychische Prozesse sichtbar – aber eben nicht durch Einfühlungsschauspiel, sondern durch formalisierte Choreographie.

Die schönste Verdichtung von Vorgängen zum Bild findet wohl statt, wenn Micaëla von der sterbenden Mutter Josés singt: Ihr Mantel verwandelt sich in ein Brautkleid, das Brautkleid weitet sich zum Bett. Es ist Brautbett und Totenbett zugleich. Micaëla, die immer im Namen der Mutter um die Liebe von José wirbt, begräbt hier die Hoffnung auf ihre Heirat gleich mit.

Am Ende des Applauses ging Barenboim, der den Abend ebenso straff wie einfühlsam geleitet hatte, demonstrativ allein mit Emma Dante vor den Vorhang, um sie gegen die Buhrufer zu verteidigen. Bei der Premierenfeier ließ er der Geste dann Worte folgen: „Ich komme aus Israel, dem Land der Propheten, und ich kann Ihnen garantieren, dass diese Carmen zur Legende wird. Ich bin sehr stolz, diese Aufführung dirigiert zu haben.“

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