Souveräne Menschen sind frei von Aggressivität. Nicht, weil sie keine Angst hätten. Die kennen sie auch. Sondern weil sie keine Angst vor der Angst haben und weil ihr Selbstwertgefühl stark genug ist, unvermeidliche Ängste zuzulassen. Julia Rutigliano als Carmen in Georges Bizets gleichnamiger Oper gibt ein Bild eines solchen Menschen ab. Dass sie und der Brigadier Don José sich auseinandergelebt haben, wie man so sagt, stellt sie ebenso ruhig fest, wie sie diesen pflichtbewussten Soldaten vormals mit selbstsicherer Gelassenheit verführt hatte.
Ihr ist wohl schon klar, dass er sie umbringen wird, wenn sie ihm, sanft und ohne Groll, ein „Geh doch!“ zuruft. Mehr noch als der kraftvoll leuchtende, manchmal zu tief intonierte Gesang ist es ihre samtene, unangestrengt geführte Sprechstimme, die zu diesem Bild wirklicher Souveränität beiträgt. Warum, so fragt man sich bei Volker Schlöndorffs Inszenierung dieser „Carmen“ für die Seefestspiele Berlin, muss diese Frau aber gleich im ersten Bild nach einer Messerstecherei in einen Campinganhänger rennen und ihn von innen anzünden?
Wunsch nach Schwere
Warum hat sie solch ein autoaggressives Verhalten nötig, das die Männer provoziert, ihretwegen etwas zu riskieren? Braucht sie diese Selbstbestätigung von außen? Mag sein, dass Carmen als Figur ein Rätsel ist, innerlich zerrissen. Aber vielleicht ist der brennende Hänger auch nur der hilflose Versuch, ein bisschen Sensation zu machen bei diesem Bühnenspektakel am Wannsee, ähnlich hilflos wie der Einsatz der fabelhaften, aber etwas unkoordiniert turnenden Akrobaten. So hilflos auch wie die Idee, den Hauptmann Zuniga stottern zu lassen, damit etwas Witz in die Genreszenen kommt. Und so hilflos wie der Einsatz eines Oldtimer-Caddys mit Campinganhänger, der am Ende des zweiten Aktes durch die Gasse zwischen Publikum und Bühne fährt und dabei eine der Boxen umreißt, aus denen die verstärkte Musik abgestrahlt wird.
So eine Seebühnenoper braucht ja durchaus das Spektakel. Es ist dies eine eigene Kunst, die Genrekenntnisse, Einfälle, Dramaturgie und Timing verlangt. Katharina Thalbach zum Beispiel, die im vergangenen Jahr hier Mozarts „Zauberflöte“ inszeniert hat, versteht sich darauf. Man muss dazu spinnen können, auf gutmütige Art hemmungslos sein, man darf sich auch vor der Kirmes nicht scheuen. Aber anders als Thalbach ist Schlöndorff kein Gaukler. Er liebt das Gewicht, mit dem man nicht auf dem Seil tanzen darf. So muss er also „Carmen“-Stummfilme von 1915 auf die Bettlaken an der Wäscheleine projizieren, um der Inszenierung historische Vielschichtigkeit zu geben. Und so besteht dann die Schmugglerbande aus Menschenschleusern: Einmal wird der Container geöffnet, und halberstickte Flüchtlinge plumpsen japsend ins Freie. In solchen Augenblicken werden einfach zu viel Probleme gewälzt, für diesen Abend.
Die Bühne von Volker Hintermeier ist aber recht gelungen: Ein Fächer von zwölf Metern in der Höhe und vierundzwanzig Metern in der Breite dominiert sie, er sieht aus wie ein zur Hälfte versunkenes Riesenrad oder aber der Eingang zu einem Weltausstellungspavillon. Und die Kammerakademie Potsdam unter der Leitung von Judith Kubitz macht ihre Sache gut: Sie musiziert rhythmisch straff, mit Leichtigkeit und immer wieder klangschönen Soli, etwa wenn das Cello im dritten Akt das Stierkämpferlied zitiert.
Doch der arg tremolierende Michael Vier als Don Escamillo ist kein guter Griff. Wenn diese offenkundig ermüdete Stimme doch noch einmal mit ihrer vokalen Potenz protzen will, begibt sie sich an den Rand des Lächerlichen. Auch Hans-Georg Priese sollte darüber nachdenken, ob der Don José wirklich seine Partie ist. Charakterlich mag der Brigadier ja durchaus die Pflaume sein, als die er hier erscheint. Aber ist der Mann, in den sich Carmen verliebt, auch stimmlich ein so mürber Keks?
Dagegen nimmt Viktorija Kaminskaite als Micaëla alle gefangen. Ihr Gebet im dritten Akt führt die ganze Produktion musikalisch zum Höhepunkt: ein klarer, kräftiger, reiner Sopran, gar nicht mehr verdruckst mädchenhaft, sondern schon voll aufgeblüht. Eigentlich hätte diese Micaëla es nicht mehr nötig, ihre Gefühle gegenüber Don José zu verstecken hinter den Botschaften von seiner Mutter.
Die beste Szene des Abends aber hielt die Pause bereit: Die Prominenten aus dem VIP-Zelt verspäteten sich um zwanzig Minuten zum zweiten Teil. Sie wurden vom Rest der Zuschauer mit „Pfui!“, „Buh!“ und mit Pfiffen begrüßt sowie mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“. Diese Schlagfertigkeit hätte Schlöndorffs Inszenierung gutgetan.
Die Wende hat begonnen
Beat Leutwyler (beat126)
- 18.08.2012, 11:39 Uhr