19.07.2004 · Die Laufbahn Carlos Kleibers war gekennzeichnet von der skrupulösen Annäherung an ein bemerkenswert schmales Repertoire, der fanatischen Intensität der Interpretation und den langen Perioden des Schweigens.
Von Wolfgang SandnerWährend einer Probe zur Oper "Elektra" wurde Erich Kleiber von einem aufmerksamen Beobachter auf eigenartige Weise beschrieben. Gegen Mitte der Vorstellung sei der Dirigent so sichtbar von dem Werk bewegt gewesen, daß seine Arme länger und länger zu werden schienen, die ganze Figur ins Riesenhafte wuchs. Eine fremde, mysteriöse, einzigartige Geste.
Wäre die Beobachtung auf der Couch von Sigmund Freud formuliert worden, die Analyse wäre keinem Psychiater der Welt schwergefallen. Denn die szenische Beschreibung stammt von Carlos Kleiber, der zu einem der außergewöhnlichsten Interpreten des zwanzigsten Jahrhunderts nicht wegen seines dirigierenden Vaters wurde, sondern ganz entschieden gegen dessen Willen. Vielleicht wäre Carlos Kleiber ja auch ein herausragender Chemiker geworden, hätte er auf seinen autokratischen Vater gehört. Die musikalische Öffentlichkeit aber wäre dann nicht nur um eine der schillerndsten Figuren am Orchesterpult ärmer gewesen, sie hätte auch auf Sternstunden der musikalischen Interpretation verzichten müssen, wie sie wenige Dirigenten offenbar noch im Moment der Aufführung nahezu auf wunderbare Weise hervorbringen lassen können.
Fast autistische Scheu, schmales Repertoire
Carlos Kleibers Karriere wurde von Erich Kleiber nicht verhindert. Aber es ist keine Frage, daß die Ingredienzien dieser einzigartigen Musikerlaufbahn - eine fast autistische Scheu, die skrupulöse Annäherung an ein bemerkenswert schmales Repertoire, die fanatische Intensität der Interpretation und die langen Perioden des Schweigens - durch ein mit Anerkennung geizendes, dafür mit Kritik nicht hinter dem Berg haltendes Über-Ich beeinflußt worden sind. Die Frage, was aus Carlos Kleiber geworden wäre, hätte er einen Vater wie Ferenc Fricsay gehabt, sollte man lieber nicht stellen.
Fricsay wurde im Alter von sechs Jahren von seinem Vater ans Klavier gesetzt, kam mit zehn Jahren als Geigenschüler an die Budapester Musikhochschule, mußte danach sukzessive Klarinette, Ventilposaune und Schlagzeug lernen, hatte schließlich im Alter von zwölf Jahren schon Gelegenheit, die Nachwuchskräfte des väterlichen Orchesters zu leiten. Was hätte er werden können, wenn nicht Dirigent? Solche idealen Voraussetzungen lassen sich kaum auf andere Künstler hochrechnen. Musikalische Karrieren entwickeln sich nicht linear, und was dem einen durch Liebe nahegebracht wird, gelingt dem anderen sozusagen durch Widerstand gegen die ästhetische Staatsgewalt.
Ein dramatischer Dirigent, ein Stratege
Es ist viel spekuliert worden, warum Carlos Kleiber sich in seinem Repertoire so sehr beschränkte. Mit Faktur und Klanggestalt der zweiten Symphonie von Johannes Brahms etwa, die er immer wieder dirigierte, war er schließlich so vertraut, daß die Rollen von Komponist und Dirigent in grotesker Weise vertauscht schienen: Carlos Kleibers zweite Symphonie, von Johannes Brahms gewissermaßen aus dem Jenseits dirigiert. Die nahezu manische Auseinandersetzung mit wenigen Werken hat zu Interpretationen geführt, wie man sie selten erleben konnte. Dabei stellte sich die Faszination, die von diesen Interpretationen ausging, häufig erst gegen Ende eines Werkes ein, oder wenn der letzte Ton verklungen war: Zeichen seiner ungewöhnlichen architektonischen Begabung. Denn dann war nicht nur die Kontur hörbar geworden, sondern das gesamte musikalische Gebäude im Klang erstanden.
Kleiber war in diesem Sinne ein dramatischer Dirigent, ein Stratege, ein in Proportionen denkender, voraushörender, abwägender Musiker. Kein Wunder, daß sich sein Genius gerade an Brahms entzündete, an der Komplexität des Tonsatzes, dem reichen Mittelstimmengeflecht, der geradezu hypertrophen theamtischen Arbeit. Sein "liebliches Ungeheuer" hatte Brahms diese Symphonie in Dur mit einer solchen Gravitation zum Moll genannt, daß er die Partitur nur mit Trauerrand drucken lassen und entsprechendem Trauerflor spielen lassen wollte.
Karajan und Markewitsch in einer Person
Als Kleiber sie 1989 dirigierte - bei seinem späten Debüt mit den Berliner Philharmonikern -, wirkte das Werk in grandioser Weise nahezu ruppig; als habe der Dirigent den Musikern, vor allem den Bläsern betörenden Schmelzklang untersagt, um gewissermaßen einen doppelten Höreindruck zu gestatten: den Klang und seine instrumentale Zusammensetzung. Im Grunde war Kleiber sowohl Strukturalist als auch Klangfarbenporduzent: Herbert von Karajan und Igor Markewitsch in einer Person, wenn man so will.
Noch etwas anderes wies ihn stets als dramaturgisch denkenden Musiker aus. So wichtig der Beginn einer Komposition sein mag, also der Auftritt des Werkes, viel entscheidender ist, wie der Schluß gestaltet wird. Carlos Kleiber besaß stets einen eminenten Sinn für die Steigerungen und die Katastrophen einer Komposition und für den letzten Satz: Er ist das Ende des Werkes und der Anfang der Erinnerung. Vielleicht blieben deshalb auch Kleibers Interpretationen so plastisch im Gedächtnis haften. Natürlich auch, weil sie so rar waren. Aber die Erwartung an ein großes musikalisches Ereignis und das tatsächliche künstlerische Ergebnis kamen bei ihm nicht etwa durch Magie so oft zur Deckung, sondern durch die Kompetenz einer akribisch genauen Partiturkenntnis und eine Unbedingtheit, diese in Klang umzusetzen.
Um sich des Traumwandlerischen bewußt zu werden
Die Gefahr von Routine wird durch ein Repertoire, das im Hinblick auf Kleiber schmal zu nennen geradezu als euphemistisch erscheint, natürlich nicht gebannt. Die musikalische Selbstberwegung wird so eher noch verstärkt. Kleiber dirigierte immer wieder dieselben Werke - Brahms' Zweite, Beethovens Fünfte, Schuberts Dritte, Tristan, La Traviata und die Fledermaus und den Rosenkavalier. Aber er dirigierte sie eben nicht, weil er als Generalmusikdirektor oder Chefdirigent eines Orchesters oder eines Opernhauses sich dazu verpflichtet fühlte, sondern weil er es in freier Entscheidung so wollte. Und bisweilen hatte es den Anschein, als dirigierte er sie, um sich auch noch des Traumwandlerischen seines wieder und wieder interpretierten Minirepertoires bewußt zu werden.
Seit den siebziger Jahren ist Kleiber im Grunde keine feste Position mehr eingegangen, und selbst die Tätigkeiten als Gastdirigent blieben stets gefährdet durch die ästhetischen Ansprüche, die Selbstzweifel, die ihn immer wieder dazu bewegten, sich auf sein privates Partiturstudium zurückzuziehen, aber auch sein streitbares Temperament, das nicht vor den renommiertesten Institutionen kapitulierte. In den frühen Jahren hatte er sich noch an Opernhäuser in Düsseldorf und Zürich, in Stuttgart und München gebunden. In Wien konnte man ihn heiter und entspannt erleben, etwa wenn er die berühmten Neujahrskonzerte aus dem goldenen Musikvereinssaal dirigierte. In Amerika hat er sich ebenso rar gemacht. Erst 1978 debütierte er dort mit dem Chicago Symphony Orchestra. Schallplatten mit Aufnahmen von ihm nehmen einen schmalen Platz in den Regalen ein und die letzten Auftritte liegen einige Jahre zurück. Nun ist er abgetreten, wie er gelebt hat. Am 13. Juli ist er vierundsiebzigjährig in dem kleinen slowenischen Dorf Konjsica - ohne daß die musikalische Welt daran hätte Anteil nehmen können - verstorben. In einem Landstrich, aus dem seine Mutter, nicht sein Vater, stammte.