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Veröffentlicht: 08.03.2014, 00:05 Uhr

Carl Philipp Emanuel Bach Ein unbekannter Riese im Schatten seines Vaters

Carl Philipp Emanuel Bach, vor dreihundert Jahren geboren, steht bis heute im Schatten seines großen Vaters. Er hat ein riesenhaftes Œuvre hinterlassen, voller Brüche und Widersprüche.

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© ZB Willensstarke Unterlippe, Doppelkinn, Perückenzopf: Ganz der Vater. Ein Portrait von Carl Philipp Emanuel Bach aus dem Jahre 1773

Seraphim rufen, die Völker der Welt antworten. So steht es geschrieben bei Jesaja, Kapitel sechs, Vers drei. Und so hat es Bach verkomponiert, in raffinierter Simulation der räumlichen Verhältnisse, die sich auftun zwischen Himmel und Erde. Zwei getrennt aufgestellte Chöre rufen einander das „Heilig, heilig, heilig“ zu. Dabei singt der Engelschor leise, zart und nobel, wie aus weiter Ferne. Der Menschenchor antwortet bunt und prächtig im Fortissimo, verstärkt durch allerlei Blas- und Streichinstrumente, denn die Welt ist groß, es sind der Völker viele.

Eleonore Büning Folgen:

Als das Werk veröffentlicht wurde, 1779, schrieb der Autor an seinen Verleger: „Dieses Heilig ist der Versuch, durch ganz natürliche und gewöhnliche harmonische Fortschreitungen eine weit stärkere Aufmerksamkeit und Empfindung zu erregen, als man mit aller ängstlichen Chromatik nicht im Stande zu thun. Es soll mein Schwanen Lied, von dieser Art, seyn, und dazu dienen, daß man meiner nach meinem Tode nicht zu bald vergeßen möge.“ Genau das ist Bach dann, neun Jahre später, passiert: Er wurde vergessen, weitgehend.

Vergessener Star am Rande des Repertoires

Carl Philipp Emanuel Bach - den man zu Lebzeiten nur kurz und bündig „den Bach“ nannte, eben weil es neben ihm keinen berühmteren, größeren, bedeutenderen Bach gab - starb im Jahr 1788, da war die Welt im Umbruch und die Musikwelt mit ihr. Es dauerte nicht lange, und „CPE“ war vergessen wie ein Grab. Er wurde zu einem der großen Unbekannten aus dieser Übergangszeit zwischen Aufklärung und Revolution, und das ist, im Großen und Ganzen, bis heute so geblieben. Freilich wissen Musiker und Musikwissenschaftler von der Bedeutung dieses Komponisten, auch hat die Alte-Musik-Bewegung viel dazu getan, einige seiner Werke wieder ins Gedächtnis zu rufen, ab und zu wird eines aufgeführt oder eingespielt.

Im Übrigen steht dieser zweitälteste Sohn Johann Sebastian Bachs, auch genannt der „Hamburger Bach“, wie alle anderen komponierenden Bach-Söhne im Schatten des Vaters, am Rand des Repertoires. Und die Feiern, die in diesen Tagen aus Anlass der dreihundertsten Wiederkehr seines Geburtstages rund um diesen Samstag, den 8. März herum stattfinden, mit Konzerten in den fünf „CPE-Bach-Städten“ Hamburg, Leipzig, Potsdam, Berlin und Weimar, werden diesen Rezeptionsprozess kaum umkehren können. Es gibt aber etliche Neueinspielungen, die das Zeug haben, nicht bloß ein Spezialistenpublikum zu fesseln. Einfach großartig, was sich der RIAS-Kammerchor hat einfallen lassen!

Potpourrikonzert mit barocker Treppendynamik

Der Chor hat, im Konzert und auf CD, eine Benefizveranstaltung nachgestellt, die der Hamburger Musikdirektor CPE Bach im April 1786 zugunsten des „Medizinischen Armeninstituts“ in der Hamburgischen Handelsakademie organisiert und selbst dirigiert hatte. Die Programmfolge ist außergewöhnlich. Sie hält exemplarisch Rückschau auf die Stationen des musikalischen Stilwandels im achtzehnten Jahrhundert.

Auf das Credo aus der h-Moll-Messe Johann Sebastian Bachs folgen zunächst zwei Arien aus Händels „Messiah“, alsdann, als Intermezzo oder Brückenstück, eine der „modernen“, empfindsamen Symphonien von CPE Bach selbst. Höhepunkt und Abschluss bilden zwei seiner wichtigsten geistlichen Kompositionen: der eingangs erwähnte Schwanengesang, die doppelchörige „Heilig“- Komposition Wq 217; sowie das große Magnificat Wq 215, welches CPE Bach in seiner Berliner Zeit als Hofcembalist Friedrichs des Großen komponiert hat, vermutlich, um sich aus dieser Karrieresackgasse wieder wegzubewerben.

28167072 Carl Philipp Emanuel Bach: Magnificat Wq 215; Heilig ist Gott Wq 217; Sinfonie D-Dur Wq 183/1. harmonia mundi CD HMC 902167 © harmonia mundi Bilderstrecke 

Der glanzvolle Eingangschor mit seiner barocken Treppendynamik, den Pauken und Trompeten im alten Stil, vor allem aber die kunstreiche Schlussfuge des Magnificats sind deutlich entworfen als Hommage an die h-Moll-Messe. Bachs Sohn stellte sich also in diesem historischen Potpourrikonzert selbstbewusst in die Nachfolge seines (zu diesem Zeitpunkt vergessenen) Vaters: Er hat den Vergleich gezielt gesucht, nicht gescheut.

Synphonien wie Juwelen, tollkühn blitzende Bläser

Das Album befasst sich nur mit dem zweiten Teil des Konzerts: nur mit den drei Kompositionen CPE Bachs. Dabei ist die Frische, mit der sich dieser Ausnahmechor unter Leitung von Hans-Christoph Rademann in das Magnificat hineinstürzt, so unwiderstehlich, die Leuchtkraft der Klangfarben so mächtig, die dynamische Ausgestaltung so springlebendig und so temporeich, dass man schier süchtig werden könnte nach dieser Musik. Die vier Solisten schließen dicht auf. Und die begleitende Akademie für Alte Musik Berlin übertrifft gar noch dieses hohe Interpretationsniveau.

Sie präsentiert die Symphonie D-Dur Wq 183, die zu den letzten von CPE Bach komponierten Symphonien rechnet, wie ein Juwel: Tollkühn blitzen die Bläser, stürzen sich die Streicher in wild aufspringende Passagen, setzen Trugschlüsse kauzige Pointen. Von hier zu Haydn ist der Weg kürzer als ein Katzensprung. Ja, Mozart hatte wohl doch recht, als er, berühmtes Bonmot, von Emanuel Bach sagte: „Er ist der Vater, wir sind die Bubn. Wer von uns was Rechts kann, hats von ihm gelernt.“

Letzte Verneigung des Kammerorchesters aus Berlin

Auch die fünf sogenannten Berliner Symphonien, die demnächst, Mitte März, vom Label Brilliant in einer maßstäblichen Aufnahme des Ostberliner Labels Eterna neu aufgelegt werden, sind von diesem Feuer des Sturm und Drang beseelt. Eine Lesart aus den Mittachtzigern mit Hartmut Haenchen und dem „Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach“, die einst Interpretationsgeschichte geschrieben hatte.

Haenchens Ensemble spielt nicht auf „historischen“ Instrumenten, aber es fing früh, vor allen anderen, damit an, die Aufführungspraxis der frühklassischen Musik zu analysieren und stilsicher zu adaptieren. Trotz der schwierigen Überlebensbedingungen und trotz des komplizierten Namens hat dieses kleine Kammerorchester eine beachtliche internationale Karriere, im Westen wie im Osten, gemacht.

Viele Preise, rund fünfzig Platteneinspielungen zeugen von einer Ära, die nun vorüber ist: Auf das Geburtstagskonzert für den Namenspatron, mit dem Oratorium „Die letzten Leiden des Erlösers“ Wq 233 folgt das Abschiedskonzert, mit den drei letzten Mozart-Symphonien. Dann löst sich das „Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach“ auf, nach über vierzig Jahren, mangels Finanzierung.

Seine große Liebe galt dem Klavier

Ein riesenhaftes OEuvre, Vokales und Instrumentales, voller Brüche, voller Widersprüche, hat Carl Philipp Emanuel Bach hinterlassen. Es ist der Stilwandel seiner Zeit, der sich darin spiegelt. Nicht jede seiner Kompositionen erscheint uns heute, rückblickend, gleichermaßen stark, kühne, originelle Entwürfe stehen neben Konvention.

Dies gilt vor allem für die unzähligen Sonaten und Übungsstücke, die er seinem Lieblingsinstrument, dem Klavier, gewidmet hat - einem Instrument, das seinerseits damals große Sprünge tat, sich entwickelnd vom Cembalo zum Hammerflügel. Ana-Marija Markovina hat für ihre mutige und fleißige Gesamteinspielung sämtlicher Klavierwerke CPE Bachs einen Bösendorfer Imperial gewählt. Der hilft, rund und schön tönend, auch über die flachen Stellen hinweg.

Glosse

Kollegah

Von Thomas Thiel

Wer Hip-Hop nicht mag, soll seine Stimme erheben. Da steigen wir doch gern in den Ring. Mehr 0

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