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Carl Philipp Emanuel Bach : Ein unbekannter Riese im Schatten seines Vaters

Willensstarke Unterlippe, Doppelkinn, Perückenzopf: Ganz der Vater. Ein Portrait von Carl Philipp Emanuel Bach aus dem Jahre 1773 Bild: ZB

Carl Philipp Emanuel Bach, vor dreihundert Jahren geboren, steht bis heute im Schatten seines großen Vaters. Er hat ein riesenhaftes Œuvre hinterlassen, voller Brüche und Widersprüche.

          Seraphim rufen, die Völker der Welt antworten. So steht es geschrieben bei Jesaja, Kapitel sechs, Vers drei. Und so hat es Bach verkomponiert, in raffinierter Simulation der räumlichen Verhältnisse, die sich auftun zwischen Himmel und Erde. Zwei getrennt aufgestellte Chöre rufen einander das „Heilig, heilig, heilig“ zu. Dabei singt der Engelschor leise, zart und nobel, wie aus weiter Ferne. Der Menschenchor antwortet bunt und prächtig im Fortissimo, verstärkt durch allerlei Blas- und Streichinstrumente, denn die Welt ist groß, es sind der Völker viele.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Als das Werk veröffentlicht wurde, 1779, schrieb der Autor an seinen Verleger: „Dieses Heilig ist der Versuch, durch ganz natürliche und gewöhnliche harmonische Fortschreitungen eine weit stärkere Aufmerksamkeit und Empfindung zu erregen, als man mit aller ängstlichen Chromatik nicht im Stande zu thun. Es soll mein Schwanen Lied, von dieser Art, seyn, und dazu dienen, daß man meiner nach meinem Tode nicht zu bald vergeßen möge.“ Genau das ist Bach dann, neun Jahre später, passiert: Er wurde vergessen, weitgehend.

          Vergessener Star am Rande des Repertoires

          Carl Philipp Emanuel Bach - den man zu Lebzeiten nur kurz und bündig „den Bach“ nannte, eben weil es neben ihm keinen berühmteren, größeren, bedeutenderen Bach gab - starb im Jahr 1788, da war die Welt im Umbruch und die Musikwelt mit ihr. Es dauerte nicht lange, und „CPE“ war vergessen wie ein Grab. Er wurde zu einem der großen Unbekannten aus dieser Übergangszeit zwischen Aufklärung und Revolution, und das ist, im Großen und Ganzen, bis heute so geblieben. Freilich wissen Musiker und Musikwissenschaftler von der Bedeutung dieses Komponisten, auch hat die Alte-Musik-Bewegung viel dazu getan, einige seiner Werke wieder ins Gedächtnis zu rufen, ab und zu wird eines aufgeführt oder eingespielt.

          Im Übrigen steht dieser zweitälteste Sohn Johann Sebastian Bachs, auch genannt der „Hamburger Bach“, wie alle anderen komponierenden Bach-Söhne im Schatten des Vaters, am Rand des Repertoires. Und die Feiern, die in diesen Tagen aus Anlass der dreihundertsten Wiederkehr seines Geburtstages rund um diesen Samstag, den 8. März herum stattfinden, mit Konzerten in den fünf „CPE-Bach-Städten“ Hamburg, Leipzig, Potsdam, Berlin und Weimar, werden diesen Rezeptionsprozess kaum umkehren können. Es gibt aber etliche Neueinspielungen, die das Zeug haben, nicht bloß ein Spezialistenpublikum zu fesseln. Einfach großartig, was sich der RIAS-Kammerchor hat einfallen lassen!

          Potpourrikonzert mit barocker Treppendynamik

          Der Chor hat, im Konzert und auf CD, eine Benefizveranstaltung nachgestellt, die der Hamburger Musikdirektor CPE Bach im April 1786 zugunsten des „Medizinischen Armeninstituts“ in der Hamburgischen Handelsakademie organisiert und selbst dirigiert hatte. Die Programmfolge ist außergewöhnlich. Sie hält exemplarisch Rückschau auf die Stationen des musikalischen Stilwandels im achtzehnten Jahrhundert.

          Auf das Credo aus der h-Moll-Messe Johann Sebastian Bachs folgen zunächst zwei Arien aus Händels „Messiah“, alsdann, als Intermezzo oder Brückenstück, eine der „modernen“, empfindsamen Symphonien von CPE Bach selbst. Höhepunkt und Abschluss bilden zwei seiner wichtigsten geistlichen Kompositionen: der eingangs erwähnte Schwanengesang, die doppelchörige „Heilig“- Komposition Wq 217; sowie das große Magnificat Wq 215, welches CPE Bach in seiner Berliner Zeit als Hofcembalist Friedrichs des Großen komponiert hat, vermutlich, um sich aus dieser Karrieresackgasse wieder wegzubewerben.

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