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Veröffentlicht: 25.04.2017, 23:24 Uhr

Busonis „Doktor Faustus“ Lauter Luftspiegelungen und Geistererscheinungen

Ein Wunder zum Abschied des Generalmusikdirektors Werner Seitzer: Die klangvolle Aufführung Ferruccio Busonis höchst komplexer Oper „Doktor Faust“ in Hildesheim.

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© Jochen Quast „Gewiss ist nur, dass wir kommen, um zu gehen, was dazwischenliegt, ist das, was uns betrifft“: In den Worten von Ferruccio Busoni lebt „Doktor Faustus“ auf.

Nicht jeder Teufel singt Tenor. Und nicht alle Kräfte des Bösen wissen so lustig mit Illusionen zu handeln wie der Teufel mit den roten Haaren, der in diesem Jahr zu Ostern in der alten Bischofsstadt Hildesheim auftauchte, in welcher, als der Auferstehungsmorgen noch nicht mal angebrochen war, plötzlich alle Kirchenglocken läuteten. Am Vorabend trat im Stadttheater ein Mephisto auf, wie er im Buch steht. Hatte leuchtende Reptilienaugen und eine helle, kräftige, jugendstarke Stimme, kann Luftgitarre spielen, dass uns die Ohren klirren, geht durch Spiegel und Schränke, zündet mit einem Fingerschnippen bengalische Feuer an und springt, um die Studenten des Professors zu beeindrucken, mit einem akrobatischen Satz aus dem Stand auf den Schreibtisch, um dort nahtlos weiterzusingen.

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Hans-Jürgen Schöpflin macht seine Sache als Mephistopheles prächtig. Diese zwielichtige Figur ist in Ferruccio Busonis „Doktor Faustus“ ein mehr im Souterrain des Varietés als in der Beletage hochfliegender Sinnfragen ansässiger Teufel, der ungern lange diskutiert. Vor allem ist es eine extrem hohe, dramatische, kräftezehrende Partie, die Busoni für seine letzte, 1924 unvollendet hinterlassene Oper verkomponiert und auch selbst betextet hatte. Ein farbenreich instrumentiertes, kaleidoskopisches Stück, mit kühnen Einfällen, die teils aus alten, teils neueren Tonsatzkisten leben, Kontrapunkt mit Atonalität, Wagner mit Bach in Balance bringen.

Es wird heute nur noch selten aufgeführt, und wenn, dann von sogenannten „großen“ Häusern, die das Ensemble haben für all die vielen kleinen und großen Nebenrollen, Chöre und Extrachöre, aber auch genügend Holz- und Blechbläser im Graben. Erst kürzlich war Busonis „Faust“ als Neuinszenierung an der Semperoper Dresden zu erleben, in der Regie von Keith Warner (F.A.Z. vom 23. März).

46053027 © Jochen Quast Vergrößern Er bringt unsere Ohren zum Klirren: Mephisto (Hans-Jürgen Schöpflin) ist ein Meister der Luftgitarre

Nun also – ein Wunder – in Hildesheim. Werner Seitzer hat über dreißig Jahre hier segensreich als Generalmusikdirektor gewirkt. Phantasievoll soll er in dieser Zeit das Musikleben der Stadt auf ein hohes Niveau befördert haben, was jeder bestätigen kann, der an diesem „Faust“-Abend das Hildesheimer B-Orchester erlebt, konzentriert und klangvoll, die Sänger auf Händen tragend, die Melodielinien transparent auffächernd. Dabei aufrauschend zu machtvollen Tutti und beachtlichen Blechbläserchören. Bühnenmusiken und Geisterstimmen aus dem Off integrieren sich wie von allein. Die Stimmen aus der Höhe, engelsgleiche Soprane und Mezzosoprane, schweben zauberisch zart herab, sie scheinen direkt aus dem prosaisch-handgeknüpften Parkett-Kronleuchter zu fließen.

Seitzer hat sich diese höchst komplexe Busonische Künstleroper zum Abschied gewünscht. Er geht am Ende dieser Spielzeit in den Ruhestand. Der Dirigent vor allem ist es, den das Publikum im ausverkauften Haus stehend bejubelt, viertelstundenlang. Die Sänger sind allerdings auch gemeint. Mephisto Schöpflin ist als Gast engagiert worden. Auch sein Gegenspieler und Kumpan, der willensstarke Faust, wird von einem Gast gesungen: Albrecht Pöhl erfüllt den Part perfekt, mit beweglich-kernigem Bariton. Interaktion und vereinigte Stimmenpracht der beiden ist so beeindruckend wie die sängerische Kondition.

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Dabei ist es keine durchlaufende Handlung, die Busoni sich aus dem „Faust“-Stoff zusammenstellte, vielmehr eine Folge von Episoden. Regisseur Uwe Schwarz liefert dazu, gemeinsam mit Bühnen- und Kostümbildner Philippe Miesch, ein klassisches Bühnenbildkästchen mit angedeuteten Gassen, perspektivisch zulaufend, gebaut aus Licht und Schatten, mit Schnürboden und Versenkung. Alles, was das Libretto fordert, kann mit diesen altmodischen, einfachen Mitteln wunderbar werktreu umgesetzt werden: Luftspiegelungen wie Geistererscheinungen. Die Massenszenen, etwa der gewaltige, in Soli aufgespaltene Streit- und Prügelchor der Wittenberger Studenten, die sich in Lutheraner und Katholiken aufspalten, sprengt beinahe diesen Rahmen. Aber gerade das passt bestens zur Musik.

Herausragend singt, exemplarisch boulevardesk agiert Uwe Tobias Hieronimi in der Rolle des Famulus Wagner. Vollends aus dem Puppenspiel entsprungen sind die drei höllischen Krakauer Studenten (Aljoscha Lennert, Levente György, Peter Kubik), die dem Faust anfangs das Zauberbuch überbringen und am Ende die Botschaft, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, den Löffel abzugeben.

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Und so geschieht es. In Hildesheim wird die erste, von Busonis Schüler Philipp Jarnach vollendete Fassung gespielt, die mit dem Untergang Faustens und den höhnisch gesprochenen Worten Mephistos endet: „Sollte dieser Mann verunglückt sein?“ Und doch hat das Hildesheimer Team jene andere Fassung, die auf den Skizzen Busonis basiert und erst 1987 von Antony Beaumont erstellt wurde, mitintegriert: Auf dem transparenten Zwischenvorhang gibt Faust die passenden Widerworte „Ich, Faust, ewiger Wille.“ Hinten findet die Auferstehung statt, ein schöner, parsifalesker Jüngling taucht auf, mit blühendem Zweig in Händen.

Bereits den Wittenberger Studentenstreit hatte er mit den Worten Busonis relativiert und vermenschlicht: „Nichts ist bewiesen, und nichts ist beweisbar/ bei jeder Lehre hab ich neu geirrt/ Gewiss ist nur, dass wir kommen, um zu gehen, was dazwischenliegt, ist das, was uns betrifft.“ Seitzer weist im Programmbuch darauf hin, dass diese einfache Lehre des vereinzelten Einsamen neue Aktualität gewonnen habe in einer Zeit, in der die „bedingungslose Dauer-Kommunikation aller mit allen götzengleichen Kultstatus“ erreicht hat. Um nicht zu sagen: Twittern ist des Teufels.

Glosse

Barfuß über das ganze Dach

Von Andreas Rossmann

Der Bahnhof von Syrakus sieht aus wie viele Bahnhöfe. Aber im Jahre 1927 hat sich hier eine Romanze zugetragen, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Mehr 4

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