Home
http://www.faz.net/-gs3-sj8u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Burgtheater Der Richtige für Wien

13.06.2006 ·  In Bochum hatte er mit Gegenwartskost Erfolg, in Zürich baute er in nur einer Saison ein anständiges Aktual-Repertoire auf. Als künftigem Direktor des Burgtheaters wird Matthias Hartmann sein Teflon-Charakter helfen.

Von Gerhard Stadelmaier
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

„Sind die Fragen, die man nicht beantworten kann, die wichtigen oder unwichtigen Fragen?“ - steht im neuen Spielplanprospekt der Saison 2006/07 des Schauspielhauses Zürich neben einem Hochglanzbild des Intendanten Matthias Hartmann, auf dem er großäugig und schnutspitzmäulig die reine physiognomische Antwort auf die Frage nach den Fragen versucht.

Jedem Mitglied des Ensembles werden Fragen gestellt (darunter auch „Wo genau ist der G-Punkt?“), und jedes Mitglied muß dann dementsprechend gucken. Daß ausgerechnet Hartmann sich selbst die Frage nach den nicht beantwortbaren Fragen und deren Wichtigkeit reserviert, besitzt hohen theaterpolitischen Ironiewert.

In der Welttheaterkathedrale

Ist doch der Zürcher Intendant jetzt zur personifizierten Antwort auf die Frage geworden, die in Österreich als die wichtigste Frage überhaupt gilt: Wer wird Burgtheaterdirektor? Die Frage, wer dort den Bundeskanzler spielt, ist absolut zweitrangig. Denn der Burgtheaterdirektor ist so etwas wie ein Welttheaterdirektor. Ist doch das Burgtheater, positiv betrachtet, das weltweit führende Theaterhaus überhaupt, das die ganze Welt bespielt, indem es sie dramatisch umfaßt.

Negativ betrachtet, könnte man das als Gemischtwarenladen bezeichnen. Nun hat der Kulturstaatssekretär im Wiener Kanzleramt sozusagen von der Loggia der Welttheaterkathedrale herab verkündet: Habemus Burgtheaterdirectorem. Und den Namen Hartmann genannt. Der Dreiundvierzigjährige wird von der Spielzeit 2009/10 an Nachfolger von Klaus Bachler, der als Chef an die Münchner Staatsoper wechselt.

Im Teflon-Charakter ebenbürtig

Matthias Hartmann ist einer der schnellsten Aufsteiger der Szene. Nur drei Jahre hielt er es in Bochum aus, bevor er an die Limmat hetzte. Und dort wird er im Jahre 2009 das Schauspielhaus am Pfauen auch nur fünf Jahre geleitet haben. Das ist jeweils zuwenig Zeit, um ein Haus wirklich prägen und einer Stadt richtig mitspielen zu können. Trotzdem oder gerade deswegen ist Hartmann der absolut Richtige für Wien. Abgesehen davon, daß er dort zu Peymanns Zeiten schon inszeniert hatte, besitzt er im Persönlichen die Eitelkeit und die Überheblichkeit eines Peymann (Leichen - bitte, metaphorisch! - pflastern dessen Weg), aber auch die eiseskühle Karriere-Sicherheit eines Bachler, der sich alles (Oper wie Schauspiel) zutraut und alles zuläßt, sofern er sagen kann, er lasse ihn halt zu, den Schlingensief, aber er gehe ihn nicht wirklich etwas an. Es ist diese Art von Teflon-Charakter, den ein Burgtheaterdirektor unbedingt mitbringen muß. Da ist Hartmann seinen unmittelbaren Vorgängern absolut ebenbürtig.

Aber der gebürtige Osnabrücker, der über Kiel und Hannover sehr rasch ans Münchner Staatsschauspiel kam und als eine junge Regie-Hoffnung galt, die allerdings meist mehr gefällig glänzte als tief schürfte, ist auch im Fachlichen tadellos. Er hat die große Jutta Lampe zum Beispiel wieder an sein Ensemble gebunden, hat ein untrügliches Gespür für Schauspieler und deren Qualitäten - für Wien eine unabdingbare Tugend. Auch kann er neben sich andere gelten lassen: die zweite für Wien wichtige Eigenschaft; er wird ja dort lächelnd akzeptieren können müssen, daß eine Andrea Breth ihm regiekünstlerisch himmelweit überlegen ist. Und er hat ein Gespür für Stücke, was man nicht von jedem seiner Kollegen sagen kann; die dritte Voraussetzung für Wien. Und daß Botho Strauß ihm den „Kuß des Vergessens“ und „Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte“ zur Uraufführung überlassen hat, spricht für die intelligente Leichtigkeit, mit der Strauß inszeniert sein will.

Matthias Hartmann besitzt also die Eigenschaften, um den Gemischtwarenladen Burgtheater aufzumischen, ohne ihn durcheinanderzubringen. In Bochum hatte er mit Gegenwartskost Erfolg, in Zürich baute er in nur einer Saison ein anständiges Aktual-Repertoire auf. Die demütige Mutprobe mit den Klassikern aber, die gewaltigste Herausforderung, hat er hier wie dort nicht richtig gewagt oder (“Othello“) eher modisch absolviert. Also wird es auch da höchste Wien-Zeit für ihn.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3