Im Wiener Burgtheater steht eine hohe, düstere Fassadenwand. Sie ist per Video projiziert. Wenn sie am Ende einstürzt, braucht es dazu nur eines Knopfdrucks. Wie aber bringt man wirklich eine ganze Welt aus Bürokraten, Milizionären, Funktionären, Spitzeln, Denunzianten, Zensoren, Geschmacks- und Gedankendiktatoren zum Einsturz? Indem man ihr eine Bananenschale hinlegt. Auf der sie ausrutscht - und sich eventuell das Genick bricht. Dies wirkt umso grotesker, wenn diese Welt gar nicht glaubt, dass es Bananen überhaupt gibt. Aber diese Welt ist im Burgtheater auch nur videoprojiziert.
Stalins sowjetischer Welt der dreißiger Jahre, einer Diktatur des unbedingten Unglaubens an alles Übersinnliche, aber des unbedingten Glaubens an Stalin, ist eine solche Bananenschale genial hingeworfen worden. In Form des Romans „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow. Er schrieb bis zu seinem Tod 1940 daran und konnte ihn naturgemäß unter Stalin nicht veröffentlichen. Weshalb Stalins Welt auch ebenso naturgemäß nur im Roman auf der Bananenschale ausrutscht. Wobei es der Teufel höchstpersönlich ist, der sie hinwirft. Im Burgtheater sieht er mit schwarzer Baskenmütze, schwarzer Sonnenbrille und langem schwarzen Mantel so aus, als komme er aus einem Schulfunk-Video mit dem Titel „Dr. Mephistos Mission“, sei aber vor lauter spitzmündigem Sätzeaufsagen nie zum Bananenschälen gekommen.
Auerbachs Keller in Moskau
Satan, der bei Bulgakow den Namen Voland trägt, kommt mit drei Satansgehilfen in ein Moskau, in dem alle, die vom Teufel reden, sofort ins Irrenhaus verbracht werden - aber auch jene, die glauben, dass Jesus Christus gelebt und unter Pontius Pilatus gelitten hat, und wie der Schriftsteller, der sich „Meister“ nennt, einen Christus-und-Pilatus-Roman schrieben, den die sowjetischen Schriftsteller- und Kritikerfunktionäre in der atheistischen Luft verreißen. Und diesem Moskau wirft Bulgakows Teufel die Bananenschale der Metaphysik hin. Und eine allgemeine burlesk-groteske Ausrutschpartie beginnt. Im Burgtheater geht das allenfalls als Gruppengymnastik durch.
Ganze Horden anständiger Frauen, denen der Teufel im Varieté die teuersten kapitalistischsten Pariser Modellkleider auf die sowjetisch proletarischen Leiber gezaubert hat, rennen bei Bulgakow auf einmal halbnackt in Unterwäsche durch die Stadt. Im Burgtheater wird daraus das verschämte Korsett-Solo einer kleinen Stämmigen. Schriftstellerfunktionären wird von Straßenbahnen der Kopf abgetrennt. Im Burgtheater per Video. Theaterdirektoren lösen sich in Luft auf. Im Burgtheater per Video. Büroangestellte singen zwanghaft öffentlich Opernchöre. Im Burgtheater gestrichen. Wohnungsschieber und Spekulanten werden entblößt. Im Burgtheater gestrichen. Einem Variété-Conférencier wird der Kopf abgerissen - und wieder angenäht. Im Burgtheater per Video.
Der „Meister“ wird aus der Klapsmühle befreit. Im Burgtheater bleibt er gleich drin, denn alles, die Welt, der Teufel möglicherweise und sein Roman sind hier irgendwie Phantasiegebilde eines lieben, wirren Schriftstellerkerls in T-Shirt und Schlabberhosen. Seine Geliebte Margarita reitet als Hexe auf Besen durch die Luft (im Burgtheater per Video) und steht als Königin einem Satansball vor, in dem Mörder, Giftmischer, Kindstöterinnen und alle Arten von Verbrechern ihren nekrospaßigen sarghüpfenden Totentanz tanzen (im Burgtheater per Gruppengymnastik). Es züngeln Flammen, es sprudeln Spirituosen, es ist immerwährende Walpurgisnacht plus immerwährender Auerbachs Keller in Moskau: Der Hokuspokus regiert, die Rationalität hat Pause. Stalins Welt wirbelt in diesem ungeheuerlichen Faust-Pakt auf dem Kopf, den sie längst verloren hat. Im Burgtheater: gestrichen.
Nur für Kopfbühnen geeignet
Und immer wieder taucht aus dem Roman des „Meisters“, der fragmentarisch zwischen all das gestreut ist, Pontius Pilatus und jener Joshua han-Nasri (vulgo Jesus Christus) auf, den er kreuzigen lässt und mit dessen Kreuzestod er sich nicht abfinden kann. Im Burgtheater sehr hübsch als Zeitlupengymnastik eines hageren Nackten mit zwei langen Kreuzigungsstangen. Und am Ende fliegt der „Meister“ mit seiner Margarita in den ewigen Frieden davon: Gestorben für die Welt, gerettet für den Himmel, den ihnen ein wohlwollender Teufel (der ja auch nur ein gefallener Engel ist) hat öffnen helfen. Im Burgtheater bleiben sie beide im Dunkel der Psychiatrie liegen.
Der Roman sagt dann zu den beiden tollen Liebenden: Amen! Und: Tusch! Das Theater sagt zu den beiden Liebenden: Futsch! Und: Kitsch! Weshalb es die Finger von ihnen lassen sollte. Denn abgesehen davon, dass ein Roman und vor allem dieser völlig inkommensurable Roman eben erzählt werden muss und das Theater nichts erzählen kann, sondern alles nur darstellen muss; und abgesehen auch davon, dass die Theater, die sich sowieso schon blind und blöd auf jeden Roman stürzen, den ihre Dramaturgen gerade noch entziffern können, zu Bulgakows „Meister und Margarita“ aber eine geradezu perverse, unglückliche Liebe entwickelt haben (wird landauf, landab zu spielen versucht) - dieser Roman gewinnt an Gestalt nur auf Kopfbühnen. Weil er körperlos ist. Dafür aber überwältigend geistreich. Seine Figuren bestehen aus Feuer, Luft, Phantasie, Schmerz und Witz und reiner, grenzensprengender erzählerischer Vorstellung. Schauspielerhäute taugen ihnen nichts, lassen sie lächerlich wirken. Außerdem glauben die Theater sowieso nicht an Bananenschalen, schon gar nicht an metaphysische. Also rutschen sie prompt auf ihnen aus.
Aufgedonnert und übersentimentalisiert
Der jüngste Ausrutscher also jetzt im Burgtheater bei den Wiener Festwochen. Ihn verantwortet Simon McBurney, weltberühmter englischer Theaterlaborant, der mit seiner angeblich kollektiv regieführenden internationalen Londoner „Complicite“-Truppe zur Zeit mit „Meister und Margarita“ durch die europäischen Festivals tourt und sich auch schon des Ötzis (“Mnemonic“) und eines indischen Mathematikgenies (“The Disappearing Number“) gruppentheatralisch angenommen hat. McBurnrey stellt seinen sechzehn Schauspielern vor der videoprojizierten Fassadenwand sechzehn Stühle hin. Das sind mehr, als Stalins Welt brauchte - aber hier offenbar immer noch zu wenig. Denn man spürt nichts, wogegen der Teufel da sein könnte. Keine Welt. Dieser Schulfunk-Satan ist ja samt seiner völlig harmlosen Teufelstruppe, einem Kater als Plüschpuppenkatze, einem Strizzi im steifen Hut und einem Baseballkappen-Bubi ja auch nur das, wofür ihn die Welt hielt, gegen die Bulgakow anschrieb: ein Phantasma, eine Halluzination des irren Meisters. Der bei McBurney seine Klapsmühle nie verlässt. Und in die auch seine Geliebte Margarita sich hier sozusagen szenisch einschreibt, indem sie sich in ein irres bubikopfbehelmtes Pathos hineinsteigert.
Diesem harmlos verrückten Liebespaar hat McBurney ein anderes verrücktes beigesellt, das sich aus den Halluzinationen des ersten gleichsam herauswindet: Pontius Pilatus in weißer Dinner-Jackett-Uniform und Jesus, halbnackt am Kreuz. Was sie sich jeweils zu sagen haben, sagen sie mit Verve und großem Getue. So dass aus dem sowieso schon gaumig übersüßten Theater-Englisch dauernd eine Art feuchtheißer Gefühlshochdrucksluft entweicht, die womöglich irrenhausmäßig bedingt ist, zu Bulgakows trockenem sarkastischen Witz nicht passt.
So wird aus dem satirischen Welt-Roman Bulgakows die schick aufgedonnerte, mikrophon- und videounterstüzte Boulevardfassung der Beziehungstragödie zweier erschöpfter Paare, die zueinander nicht kommen können - außer im Tode, der prompt auch gleich die Videohausmauer zum Einsturz bringt. McBurney unterteufelt die Welt Bulgakows - und übersentimentalisiert sie. Dabei hätte er nur an Bananen glauben müssen. Oder einfach den Roman lesen.
TV Serie
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 07.06.2012, 07:55 Uhr
Das Gute an dieser Theaterproduktion ist, dass sie den Namen Bulgakow
wieder bekannt macht.
Wolfgang Wurtz (wolwul)
- 07.06.2012, 01:59 Uhr