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Wagners „Parsifal“ in München : Kopf steht hier nur die Bühne

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Recht bescheiden ist das nun und trägt zum Stück selbst wenig bei, abgesehen von einer Ahnung maximaler Erlösungsbedürftigkeit (verkohltes Wäldchen) und einer Dunkelheit, die nur kurz und dann äußerst plakativ unterbrochen wird als Parsifal im zweiten Akt ein Licht aufgeht bei Kundrys Kuss, der ihn „welthellsichtig“ werden lässt.

Warum nur adipöse Weiblein?

Baselitz’ Einfallslosigkeit allerdings wirft sich der Rest des Regieteams (angefangen mit Pierre Audi) ehrfürchtig zu Füßen. Was hat sich Audi nicht alles für Gedanken gemacht, im Programmheft zu lesen, über den „Parsifal“! Über Liebe, Selbsterkenntnis, gar über den Heiligen Geist. Und über die Natur, die in diesem Werk eine so große Rolle spielt. Von Baselitz jedoch lässt er sich verkohlte Bäume hinstellen. Und vom Rest der „Ideen“: nichts zu sehen.

Wenn die Darsteller ihre Hände vors Gesicht halten, wie etwa Parsifal in der Verwandlungsszene, wenn „zum Raum“ „die Zeit“ wird, ist das schon eine gestische Auffälligkeit, ansonsten herrscht jenes Nichttun, das Audi zuvor als Wert verkaufen wollte, das hier aber im Gewand völliger Inspirationslosigkeit erscheint. Tragikomisch schließlich sind Florence von Gerkans Kostüme, für die sie zum Teil auf Skizzen von Baselitz zurückgriff. In sackartige Mäntel sind die meisten Beteiligten gesteckt, in der Gralsszene werfen die Ritter diese Mäntel ab und stecken nun in weiten Schlafanzügen, auf die ihre Nacktheit gemalt ist. Aufgenähte Gesäßbacken hängen herunter wie später den in ähnlicher Weise nackten Blumenmädchen schlaffe Brüste und wabbelige Bäuche. Die Blumenmädchen sind hier adipöse Weiblein. Warum? Baselitz wollte es so.

Souveräne Eleganz als Problem

Die Bühne strahlt ab auf den Orchestergraben, wo Kirill Petrenko und das Staatsorchester vor allem im ersten Akt eine eigenartige Zurückhaltung an den Tag legen. Das tut zwar den Sängern gut, die hier mühelos singen dürfen, hinterlässt aber auch den Eindruck, Petrenko wisse nicht so recht, wie er die Musik des „Parsifal“ denn nun anfassen soll – oder auch: wie sie in dieser Inszenierung unterzubringen sei. Angenehm frei von allem Weihevollem ist der Ton, er ist aber oft auch erstaunlich kühl und informationsarm. Dass diese Zurückhaltung im zweiten, dramatischeren Akt über Bord geworfen wird, hebt die Laune sehr. Ebenso, dass sich nicht alle Sänger vom Phlegma dieser Inszenierung anstecken lassen.

Weniger René Pape, der einen Gurnemanz von bärenhafter Gemütlichkeit gibt und bei den langen Erzählungen zu selten von den enormen gestalterischen Möglichkeiten Gebrauch macht, die doch immer wieder durchblitzen. Nina Stemme hingegen singt die Kundry mit unermüdlicher Durchschlagskraft und einer Dramatik, die sich im Energielevel deutlich vom übrigen Geschehen auf der Bühne abhebt. Jonas Kaufmann wiederum betört durch Intensität im Leisen. Nichts vordergründig Heldisches hat sein Parsifal, die Zartheit, mit der er die Rolle gestaltet, berührt unmittelbar, nicht weniger seine stimmliche Kultiviertheit. Über die verfügt auch Christian Gerhaher als Amfortas, jedoch wird seine souveräne Eleganz hier schon zum Problem. Meilenweit scheint er über seiner Rolle zu schweben, gleichsam als Wissender, der der Erlösung eigentlich nicht mehr bedarf. Er schwebt damit allerdings auch über allem, was man sich hier von Georg Baselitz anrichten ließ.

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