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Bühne Die Eiskönigin: Isabelle Huppert spielt Theater in Berlin

 ·  Knapp zwei Stunden verharrt sie regungslos auf der Bühne und erfüllt das Haus mit einem markanten, klangvollen Singsang: Isabelle Huppert zaubert aus Sarah Kanes schockgefrorenem Drama „4.48 Psychose“ Musik.

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Wenn die Götter reisen, können sie sich schon einmal verspäten, ohne daß ihnen jemand gram wäre. Eine zarte Viertelstunde wartete das Publikum denn auch so gespannt wie geduldig auf den ersten Theaterauftritt von Isabelle Huppert bei den Berliner Festspielen. Schließlich wurde es langsam dunkel und nach ein paar Minuten völliger Finsternis plötzlich sehr hell. Dann stand sie im leuchtend blauen T-Shirt zur schwarzen Lederhose auf der leeren Bühne, unbewegt und nahe den Zuschauern.

Wohin immer sie die bald tränenden Augen richten mochte, wahrzunehmen schien sie nichts. Als reine Introspektion hat Claude Regy, der asketische Regie-Altmeister, 2002 in Paris Sarah Kanes letztes Stück „4.48 Psychose“ zelebriert. Und weil es das Festival „Spielzeit Europa“ so fügte, gastierte die radikal unspektakuläre Inszenierung nun auch noch in der deutschen Hauptstadt.

Fragmente eines Untergangs

Kanes Fragmente eines Untergangs, in denen sich ein zerrüttetes Subjekt erfolglos zu stabilisieren versucht, ehe es sich tötet, hat kein Personenverzeichnis. Seit der Uraufführung 2000 in London wird die lakonisch-pathetische Verfalls- chronik meist auf mehrere Darsteller verteilt, um den Zusammenbruch aus wechselnden Perspektiven erzählen zu können.

Wenn aber Isabelle Huppert mitmacht, kann daraus getrost ein Monolog werden. Als Stichwortgeber taucht hinter dem raumhohen, schimmernden Gazevorhang manchmal schemenhaft Gerard Watkins als Arzt auf. Alles andere vollbringt die Großmeisterin in der Kunst des Understatements allein: Die „Solosymphonie“, von der Kane spricht, wird durch die Huppert Gestalt. Während die exquisiten Lichtstimmungen ihrem aus 1001 Filmen bekannten Gesicht verblüffend neue Facetten abgewinnen, erfüllt sie das Haus der Berliner Festspiele mit einem markanten, klangvollen Singsang.

Okkulter Manierismus

Wie eine Megäre etwa bezichtigt sie sich übler Verbrechen und steigert sich kreischend in Rachephantasien; wie ein Schulmädchen sagt sie, die Vokale genüßlich ausdehnend, rhythmisch Zahlenreihen auf oder leiert sich einen Ausdruck der Hoffnungslosigkeit („Pas d'espoir“) zum tröstlichen Kehrreim zurecht. Mit hellwacher Distanz und souveränem Formwillen entwickelt sie einen geradezu okkulten Manierismus der Leidenschaften.

Die Füße in schwarzen Turnschuhen fest auf dem Boden, die Arme eng am Körper, verharrt Isabelle Huppert knapp zwei Stunden lang reglos auf der Bühne. Selten dreht sie den Kopf oder setzt den kleinen Finger oder auch kurz mal die Hände ein. Am Schluß sind ihre Beine eingeschlafen, sie kann nur ungelenk abgehen: eine Eiskönigin, die sogar aus Kanes schockgefrorenem Psychodrama Musik zaubert.

Quelle: F.A.Z., 25.11.2005, Nr. 275 / Seite 35
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