Home
http://www.faz.net/-gs3-6m5ze
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bregenzer Festspiele Aufs Rad der Fortuna geflochten

25.07.2011 ·  Showdown mit modernen Märchen am Bodensee: Die Bregenzer Festspiele bringen Umberto Giordanos Oper „André Chenier“ auf die Seebühne und die Uraufführung von Judith Weirs „Achterbahn“ ins Festspielhaus.

Von Gerhard R. Koch
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Das Rad der Fortuna, seit dem Mittelalter Sinnbild eines unberechenbaren Weltlaufs, ist für die erzählenden Künste seit jeher relevant gewesen - ob in Roman, Theater oder Kino. Selbst der aktuelle James Bond ist nicht mehr der alte Strahlemann, sondern laboriert in allem am Rande des Scheiterns. Entsprechend ist er in einer Wirklichkeit angelangt, die nur als künstliche konkret erfahrbar ist: In „Ein Quantum Trost“, dem jüngsten Werk der Agenten-Filmreihe, verschlug es den unfehlbaren Retter der Welt in ein Labyrinth ganz eigener Art: eine „Tosca“-Aufführung der Bregenzer Festspiele mit einem riesigen Auge als dominierender Installation auf der Seebühne.

In diesem Jahr wird auf dieser Seebühne Umberto Giordanos Oper „André Chenier“ gegeben. Sie spielt im Umfeld der Französischen Revolution, auf der Gefühlsachterbahn von Euphorie und Terror. Natürlich ist die große veristische Oper keine getreuliche Geschichtslektion und der eher passive Poet Chenier, der ins Räderwerk der Revolution geriet und 1794 guillotiniert wurde, nicht unbedingt eine effektvolle Identifikationsfigur. Doch in Bregenz sehen wir einen Quid-pro-quo-Showdown, weil eine Zentralfigur der Revolution leibhaftig ins Spiel auf dem See kommt: als Protagonist und als politisch-künstlerische Ikone. Der radikale Revolutionsführer Jean-Paul Marat, Protagonist des Terrors, war 1793 von Charlotte Corday in der Badewanne erstochen worden. Schon vier Monate später malte Jacques-Louis David den Toten, während Chenier in einem Gedicht die Mörderin zur Märtyrerin der Freiheit verklärte.

Der Riesenkopf kann nach hinten geklappt werden

Das ist das realhistorische Motiv für die Bregenzer Bühnenkonstruktion: Der nackte Oberkörper und das mit einer Binde umwickelte Haupt des Toten liefern als gigantische Plastik eine Einheitsdekoration. Gleichwohl hat sie nichts Monolithisches, das Gesicht Marats ist eher androgyn gehalten, verfärbt sich immer wieder vom Leichenblassen zum Blutroten, und aus den Augen seilen sich tränengleich einzelne Akteure ab. Risse überziehen die Stirn, und Riesendornen durchstoßen bisweilen von innen die Haut, bevor sie sich wieder spurlos zurückziehen. Der Riesenkopf kann nach hinten geklappt werden und gibt für die Tribunalszene der Oper den Blick auf einen Bücherberg frei. Der Brief in der Hand des toten Marat wird als ausladendes Plateau rechts zur Spielfläche, während der Steg zur Linken fürs Défilé der Adligen in ihren gewaltigen Perücken dient: ein Tanz der Vampire. Im Übrigen geht der Sensenmann um und fungiert auch als Fährmann. Böcklins „Toteninsel“ liegt im Bodensee.

In diesen Bühnenbauten von David Fielding frappiert Keith Warners Regie durch präzise Agilität und außerordentliche technische Perfektion. So erweist sich „André Chenier“ als packendes Musiktheater. Héctor Sandoval in der Tenor-Titelpartie bietet Verve und schöne Spitzentöne, Scott Hendricks gibt der Rolle des Gérard wuchtigen Baritonnachdruck, Norma Fantini der Maddalena lyrische Sopraneuphorie. Ulf Schirmer hält als Dirigent den besonderen Stilmix des Stücks plastisch in der Balance, und es ist keineswegs überflüssig zu erwähnen, dass die Tontechnik bei der Freiluftaufführung wahre Wunder vollbringt.

Tina will sich in der rauhen Arbeitswelt allein durchschlagen

Unter David Pountney haben die Bregenzer Festspiele deutliche Akzente gesetzt, sei es mit dem Szymanowski-Schwerpunkt, sei es 2010 mit Weinberg und seiner „Passagierin“. Selbst „André Chenier“ ist ja nicht Mainstream. Dazu gibt es in diesem Jahr die jüngste Oper der Britin Judith Weir: „Achterbahn“ lautet ihr deutscher Titel, im Englischen heißt sie „Miss Fortune“. Doch hier kreist nicht nur das Rad der Fortuna, die Hiobsbotschaften nehmen überhand: Ein reiches Paar verliert in einem Finanzcrash sein Vermögen, und Tochter Tina will sich in der rauhen Arbeitswelt allein durchschlagen. Doch alles geht schief: Ihre miesen Jobs verliert sie rasch, rabiate Gangs treten auf, ein netter Döner-Mann erweist sich als hoffnungsloser Underdog. Doch das Märchen nimmt seinen Lauf: Fate, das Schicksal selbst in Gestalt des Countertenors Andrew Watts, greift ein, bringt einen immensen Lottogewinn ins Spiel und verschafft Tina den Beleg, den sie indes in die Menge wirft, um mit ihrem Liebhaber zu verschwinden: ein flackerndes Happy End für eine Mixtur aus Sozialreportage und Wunderseligkeit.

Der Titel „Achterbahn“ trifft nicht wirklich, denn ein Auf und Ab findet nicht statt, sondern der Niedergang wird schließlich ins Heil gewendet, so dass selbst der Überraschungseffekt matt bleibt. Judith Weir, die das Libretto selbst geschrieben hat (nach einem sizilianischen Märchen namens „Sfortuna“), steht für eine Ästhetik nicht unbedingt avantgardistischer oder experimenteller Ausrichtung, sondern greift auf hochdestillierte Folklore und die kantable Stimmführung Brittens zurück - ohne dass ihre Musik primär retrospektiv wäre. Tonalität wie Atonalität werden nicht starr antithetisch gesehen, dafür sind die Anregungen durch die amerikanischen Minimalisten Reich und Riley vital präsent. Diese Musik hat Farbe und rhythmischen Puls; sie generiert charakteristische Klangräume, ohne sich im Deskriptiven zu verlieren.

Die Uraufführung im Festspielhaus wurde von Paul Daniel sehr kompetent dirigiert; Emma Bell als Tina, Noah Stewart als Kebab-Mann und Jacques Imbrailo als gepflegter Aufsteiger sangen und agierten sehr einnehmend. In Chen Shi-Zhengs Regie und Tom Pyes Bühnenbild wurde bunte Glätte präsentiert, aber trotz Breakdance, staunenswerter Dekorkinetik und Arbeitsweltrealistik bleibt ein Moment schöner Distanz. Moderne Märchen mag es geben, so ganz ohne weiteres stellen sie sich jedoch nicht ein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Landesfahrrad

Von Hannes Hintermeier

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf. Mehr