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Brecht-Aufführung in Mülheim : Die große Untergangsshow

Unaufführbar? Sie haben Brechts „Fatzer“ für Asien entdeckt: Mitglieder der Theatergruppe „Chiten“ aus Kyoto. Bild: Hisaki Matsumoto

Die japanische Theatergruppe „Chiten“ spielt in Mülheim Bertolt Brechts Fragment „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“. Brecht meinte, das Stück sei „unaufführbar“. Doch siehe da: Es geht.

          Die Stadt Mülheim an der Ruhr hat sich spät, doch mit Aplomb und unverwechselbar auf die Theaterlandkarte gesetzt: 1976 mit den Theatertagen, die, Supplement zum Berliner Theatertreffen, die besten neuen Stücke bilanzieren, und 1980 mit dem Theater an der Ruhr, das, gegründet und geführt von Roberto Ciulli, künstlerisch und organisatorisch eine Alternative zum Stadttheater sein will.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          Literarisch aber blieb der Ort ein weißer Fleck, und daran hat auch die Entdeckung eines Fragments von Bertolt Brecht, das 1976 an der Berliner Schaubühne uraufgeführt wurde, lange nichts geändert: „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, mit dem sich der Autor von 1927 bis 1931 herumschlug, spielt zwar in Mülheim, dort angekommen aber ist er erst 2008, als der Jugendclub Junge Performer im Ringlokschuppen die Reihe „play: FATZER“ auflegte. Aus ihr sind 2011 die „Mülheimer Fatzer Tage“ hervorgegangen, „ein öffentliches Laboratorium“, das Brechts Fragment, so die Agenda, „unter wechselnden Fragestellungen sowohl szenisch als auch wissenschaftlich untersucht“ - in Aufführungen, Symposien, Workshops, Konzerten. Auch vier Jahrbücher sind erschienen.

          Klingt speziell, ein Thema eher für Forscher als für Zuschauer. Das Textkonvolut ist mit 550 Seiten zwar der umfangreichste Torso in Brechts Nachlass, doch, reich an Abweichungen, Debatten, Kommentaren, nur schwer zugänglich. Brechts Fabelschema erzählt von vier Soldaten, die im Winter 1917/18 desertieren, auf Umwegen nach Mülheim kommen, bei der Frau des einen Unterschlupf finde, sich im Keller verstecken und, von der neuen Gesellschaft schwärmend, auf die Revolution warten. Von den Arbeitern der Schwerindustrie nehmen sie keine Notiz, untereinander kämpfen sie um die Macht. Der Egoist Fatzer setzt sich listig und lustvoll durch, verführt die Frau des Freundes und will sich erhängen. Doch die Gruppe braucht den Alleingänger noch; später exekutieren ihn die Kameraden, ehe sie ergriffen und selbst umgebracht werden.

          „Demokratie als Standortnachteil“

          „Ein harter Bissen“, so Brecht 1928 an Helene Weigel, „unmöglich“ und „unaufführbar“. Auf den Speisekarten der Theater findet er sich, auch in der von Heiner Müller 1978 zubereiteten Fassung, nur selten, und so mussten sich die Veranstalter der fünften „Fatzer Tage“ in diesem Jahr weit umsehen, um zwei Inszenierungen einladen zu können: Die eine fanden sie am Westrand der Republik, beim Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken, die andere in Fernost, bei der Gruppe „Chiten“ in Kyoto, die „Fatzer“ als erstes Theater in Asien aufgreift und damit - im Anschluss an einen Auftritt in St. Petersburg - erstmals in Deutschland gastiert.

          Die Programm-Dramaturgie setzte das Doppel aufeinander, als könnte der deutsche „Fatzer“ die Verstehensgrundlage für den japanischen legen. Doch daraus wurde schon deshalb nichts, weil das Textmaterial viele verschiedene Steinbrüche zulässt. Die Saarbrücker Regisseurin Alexandra Holtsch zwängt das Stück auf eine Varieté-Bühne, die den Guckkasten aufhebt. „Wo der Fatzer wohl bleibt?“ wird zur bestimmenden Frage der Inszenierung: Die Figur wird nicht besetzt, sondern zwischen den Darstellern, vier Herren in Abendgarderobe und eine Dame im hochgeschlitzten Fummel, redend und streitend, raufend und turnend, hin- und hergeschoben, dann wieder geteilt und ins Publikum verwiesen. Icons flimmern über Monitore, „Gute Nacht, Freunde“, singt Reinhard Mey leitmotivisch.

          Sie gehen das Publikum frontal an: Die Theatergruppe „Chiten“ spielt Brecht durch.
          Sie gehen das Publikum frontal an: Die Theatergruppe „Chiten“ spielt Brecht durch. : Bild: Hisaki Matsumoto

          Nach der Pause treffen sich die Akteure in schmuddeligen Ganzkörpernacktkostümen zur „großen Fatzer Untergangsshow“ und „aktualisieren“ Brechts Diskussion über „Herrschende“ und „Beherrschte“ mit einem Talk über „Demokratie als Standortnachteil“, ehe eine „Einübung in die eigene Abwesenheit“, bei der Fatzer sich den Penis abschneidet und durch den Fleischwolf dreht, den pseudoprovokanten Höhepunkt setzt. Der Einfall, jedem der (wenigen) Zuschauer am Ende die Hand zu drücken, erscheint als Eingeständnis mangelnder Verbindlichkeit. „Fatzer“, flott versampelt und versimpelt.

          „Chiten“ gibt dem Theater Emotionen zurück

          Die Aufführung aus Saarbrücken konventionalisiert den Text, die Annäherung aus Kyoto atomisiert ihn. Nicht Deklamation, sondern Demonstration; nicht Allotria, sondern Analyse. Die Fragmentierung wird zur Spielweise und Ausdrucksform. Die vier Elemente Klang, Bewegung, Raum und Stimme werden, Brechts Anmerkung zu „Mahagonny“ folgend, radikal getrennt. Der Regisseur Motoi Miura stellt die Figuren vor eine weiße, von vielen Schuhabdrücken beschmutzte Wand, vor der ein mit Silberfolie ausgelegter und mit Neonlicht beflackerter Graben einen schmalen Spielstreifen lässt. Die Schauspieler, drei Frauen, drei Männer, die aus Flicken zusammengesetzte Kleider tragen, gehen das Publikum frontal an, Turbo-Puppen, die sich akrobatisch bewegen und dabei sprechen, schreien, lautmalen.

          Eine Band namens „Kukangendai“ (Gitarre, Bass, Schlagzeug) gibt den harten Rhythmus eines staccatohaften Trommelfeuers vor, das den Figuren in die Glieder peitscht, sie zappeln und erstarren, springen und purzeln, auf der Stelle treten und aufprallen, sich verrenken und verwickeln lässt. Keine Psychologie, keine Identifikation, eine rasante Choreographie und radikale Vergegenwärtigung, furios und furchteinflößend. Verfremdung der Verfremdung. Standbilder, die zusammensacken und wieder aufstehen, den Protagonisten viele Bühnentode sterben lassen und den Text quicklebendig machen. „Fatzer“ als Experiment und als Energiequelle.

          Was die Inszenierung, die in Mülheim mit deutschen Übertiteln gezeigt wurde, für das japanische Theater bedeutet, lässt sich von hier aus nicht ermessen. Was sie für Brecht, der, Ende der zwanziger Jahre, unter dem Eindruck des Nô-Dramas „Taniko“ die Schuloper „Der Jasager“ und das Lehrstück „Die Maßnahme“ schrieb, bedeutet haben könnte, schon eher. „Chiten“ gibt seinem Theater zurück, was die hiesige Aufführungstradition gegen die Rationalität - im doppelten Wortsinn - ausgespielt hat und vertrocknen ließ: Emotionen.

          Quelle: F.A.Z.

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