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Botho Strauß in München Das große Weiberwelttheater

 ·  Uraufführungen von Botho Strauß sind Feste des Theaters. Jetzt inszeniert Dieter Dorn im Münchner Residenz Theater „Leichtes Spiel. Neun Leben einer Frau“ als Komödienkettenreaktion. Gerhard Stadelmaier sah eine Aufführung voller Glanz und Lust.

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Was ist der Mann für die Frau - aufs ganze Leben hin gesehen? Es ist ungefähr so mit ihm, „wie wenn man in einem großen Haus voller Menschen, im Gedränge einer Treppe plötzlich bemerkt, dass man irgendwo seinen Schlüpfer liegenließ, vergessen hat, in einem der unzähligen Zimmer bei einem der vielen Handgemenge, der vielen Aussprachen, Verwechslungen oder traurigen Versöhnungen, die man hinter sich brachte ... in einem der vielen Zimmer, die man Hals über Kopf verlassen hat“. Mehr nicht als ein intimes Accessoire, das man tunlichst täglich wechselt. Ein Episodenstück. Eine Nebenrolle.

Dieser männerfeindliche Witz fällt in neunfacher Ausfertigung. Im Münchner Residenz Theater schreiten neun schöne, überlegene, ironisch lächelnde, von weißen, fließenden Morgenmänteln körperlich umschmeichelte Frauen von links oben nach rechts unten eine große, weiße Treppe herunter: Kattrin; Katja; Kathinka; Käthchen, das Mädchen; Katharina Minola; Katharina; Kitty; Kathie; Käthchen, das späte Mädchen. Der Witz hat sozusagen Qualitätsstufe „K“. Denn diese Katharinennamensabwandlerinnen, die allen Männern, die ihnen übern Weg laufen, nichts als ihre K-Frage stellen, in der ihre ganze Person, ihr ganzes Wesen auf dem Spiel steht, sind eine für alle, alle für eine, neun Lebensstimmen einer einzigen Frau: ihre Chorfassung.

Die Hirnhinterzimmer der Ängste und Entzückungen

„In mir gerieten Alt und Jung in Bewegung. Alle strömten aus mir hervor und steigen nun mit mir hinab“, raunt lächelnd die neunfache Katharinen-Person auf einen Mann hinab, einen etwas arrogant schlaksigen Schlaffi, der vor der Treppe über Bücher gebeugt an einem Schreibtisch sitzt, sich leicht verzweifelt die Haare rauft („Ich kann nicht mit allen schlafen!“), weil er - ja, das Studium der Weiber ist schwer! - keine Katharina in allen Katharinen erkennt. Für sie alle aber war er höchstens eine „Sternschnuppe in unserer Nacht“ (was immerhin poetischer klingt als „vergessener Schlüpfer“). Er heißt „Tommi, die Nebenrolle“. Und Felix Rech spielt ihn mit der achselzuckenden fröhlichen Chuzpe eines verlorenen Hauptrollenspielers. Aus dem leeren Bühnenhimmel senkt sich langsam eine riesige zauberische Glasplatte herab, worauf die neun Frauen wie huschende, wuselnde, sich windende, entblößende Projektionen erscheinen. Hauptrollen-Geistererscheinungen, die eine Nebenrolle foppen, wozu eine siebenköpfige Jazz-Combo ebenso zauberische Klänge bläst, zupft, trommelt, geigt, singt.

Dieter Dorn inszeniert nicht nur das Mittelstück, sondern auch die zehn anderen Bilder seiner Uraufführung des neuen Stücks von Botho Strauß als eine große, witzige Schmachtmusik, die er so leicht instrumentiert, wie er noch alle seine Strauß-Inszenierungen instrumentiert hat. Die Jazz-Combo des Musikers Claus Reichenstaller, die zu beiden Seiten der Bühne postiert ist, gibt dem Abend Drive und Rhythmus. Die Szenen werden nicht einfach musikalisch untermalt und verdoppelt, sondern weitergetrieben, in eine tonal schwirrende Atmosphäre gehoben, gleichsam doppelt leicht gemacht. Die Schauspieler wirken manchmal wie auf dem Synkopenfuß schwebende Blue notes, Swingspieler mehr als Schauspieler.

Der Leichtnehmer Dorn ist der kongeniale Regie-Partner des Dramatikers Strauß, der das Schwerste leicht nimmt, weil er es nicht löst, sondern in der Schwebe hält, in der es nach allen Seiten Anschluss und Durchlass hat: nach unten und oben ins Himmlischhöllische, Mythologische, in die Hirnhinterzimmer der Ängste und Entzückungen, der Denkabenteuer hinein, in die Katakomben hinunter, in denen unterm Boulevard die archaischen Götter und Göttinnen des Gemetzels die glatten republikanischen Gesellschaftswesen narren. Die Luft aber, in der Strauß sein Schweres in der Schwebe hält, ist: Paar-Luft. Wie das eine nicht mehr zum anderen kommt, ist seine dramatische Klage und Laune. Er ist der Einzige (außer dem Papst), der ans Paar als Möglichkeit, als Utopie noch glaubt und über die Paar-Unmöglichkeiten in seinen Stücken traurig bis zornig lächelt.

Ein Kommunikationsungeheuer als Verstummungsrhetoriker

„Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau“ ist sozusagen die Paar-Komödien-Summe des bald Fünfundsechzigjährigen, der ja auch einer der größten, empfindsamsten Frauenfigurenbildner der Gegenwartsdramatik ist. Seine Neun-in-einer-Katharinen sind die komisch triumphalen Schwestern der Lotte in „Groß und klein“ (1978), die er in zehn Stationen auf Anschluss-Suche durch die alte Bundesrepublik, der Lilly Groth im „Gleichgewicht“ (1993), die er in einen Paar-Bewahrungskampf, der Agathe, Vilma und Magda in den „Ähnlichen“ (1998), die er in einen Paar-Dschungelkampf, der Ingrid in der „Unerwarteten Rückkehr“ (2002), die er in einen Paar-Duldungskampf, der Insa und der Lissie in der „Einen und der anderen“ (2005), die er in einen Paar-Abnutzungskampf schickte. In Komödienform.

Die Kämpfe sind vorbei. Die Komödie bleibt. In zehn Stationen, zehn Lebensaltersabschnitten (wie schon in „Groß und klein“) kommt die neunfache Katharina, die „in Männern herumstochert wie in einer ungemochten Speise“, zum Bewusstsein ihres Selbst, das für „den Mann“ immer nur Durchgangsstation war, vorübergehende Anschluss-Stelle, das leichte Spiel, das alle mit ihr hatten, weil auch sie nichts weiter sein wollte als leichtes Spiel. Sie: die Hauptrolle, neunfach. Er: die Nebenrolle, tausendfach. Zwischen Haupt- und Nebenrolle aber: die Luft des Liebesentzuges, der Liebesenttäuschung, des Absterbens, des Schwankens, der Geruch des Liebesgrabes, das nach Erde und Verwesung schmeckt, der Geister der Gesellschaft, die einem dazwischenfunken, darunter Banker und Krisen-Kapitalisten, oder einfach ein zusammengesunkener, missgelaunter Ehemann, der keine Geburtstagsrede auf die Liebste hinkriegt.

Das „Leichte Spiel“ ist auch ein Todes-, ein End-, ein Krankheitsspiel. „Warte, bald!“ oder „Warte, bis der Vorhang fällt!“ sind dessen Leitmotiv. In München aber sind die Enden und Einsamkeiten, sind das Verdrillen, Versehen, Verkordeln und Zerreißen der Katharinen-Verhältnisse und der Paar-Unmöglichkeiten: virtuose Revue-Katastrophen, also Gelächterschlachten. Und der Tod ist leicht wie eine Feder. Die junge Kathinka, „die Kreative“, ist Spezialistin für innovative Prothesentechnik. Lisa Wagner aber setzt sie struppig und ruppig an einen elendslangen Konferenztisch, der vom Himmel herniederschwebt, während sie ihrem Gegenüber dabei zuhört, wie er zu sprechen versucht. Und Jens Harzer drückt die Worte eines dauernden verfehlten, verdrucksten, gehemmten Versprechens von Liebe und Interesse, die sein „Umständlicher“ ihr in einem Brief dargelegt hat, wie Papierwürmer aus einem komisch entzündeten Hirn. Ein Kommunikationsungeheuer als Verstummungsrhetoriker. Die noch jüngere Katja wünscht sich von ihrem Arzt ein anatomisches Präparat. Nadine Germann lümmelt in gelbem Top und weißem Höschen in einem Nischengestänge, von dem herab aus einem Kanister der Sand der Vergänglichkeit in einen Autoreifen rieselt, während sie unter ihrer Blondhaarperücke gelangweilt nach dem Herzen giert, von dem ihr Stefan Wilkenings snobistischer Arzt erzählt, es zucke, wenn es der Chirurg lebend in der Hand halte, wie ein „Haufen Würmer“. Sie wirkt, als wolle sie die Würmer gleich lachend verschlucken.

Die große Studie einer liebessüchtig Frustrierten

Käthchen, das Mädchen, die Pennerin aus dem dritten Stationenbild, lässt sich vom Mond beschlafen, treibt es mit dem kalten Gestirn und muss sich vor Greifarmen in Acht nehmen, die aus Gullies und Schächten heraus nach ihren Beinen grapschen. Stephanie Leue nimmt das Himmelsrätselgestirn, das wie ein Pfannkuchen-Comic im Residenz-Himmel hängt und den Mund zynisch bewegt, und überhaupt die ganze Untergrundmystik zwischen ihre Beine, als sei's ein irrer kosmischer Witz. Am Anfang rast eine von irgendeiner Krise, einer Katastrophe aufgeschreckte ganz junge Kattrin, ein Baby vor den Bauch geschnallt, mit ihrem Einkaufswagen durch einen von panischen Bevölkerungsmassen längst ratzekahl und leer gekauften Supermarkt (es gibt nur noch Topflappen), während ein übrig gebliebenes Mannsexemplar seine Einkäufe in ihren Wagen legen und mit ihr anbändeln will. Katharina Hauter und Felix Rech machen daraus in leerer Bühne eine komische Schreckensnummer, wobei sie, als er „Sie sind doch eine gescheite Frau!“ bei „gescheit“ einen Wahnsinnsschrei ausstößt: Wenn ein Mann eine Frau für „gescheit“ hält, dann tut er ihr auch gleich was an.

Am Ende hilft eine älter gewordene Kathie einem übrig gebliebenen alten Mann ins Jenseits, das ausschaut wie ein zugefrorener Ozean mit lauter alten Autoreifen darauf, in dem aber jeder Mensch unendlich viel Platz hat; zuvor hat Kathie einen Mörder, der eine vornehme Tischgesellschaft mit seinen Untaten unterhält, dadurch in die Flucht geschlagen, dass sie ihn unaufhörlich mit einer Kamera und einem Handy fotografierte. Barbara Melzl macht die „Ungehörige“ mit schwyzerdütschem Tonfall und komischer Stör-Penetranz zu einer Sterbehelferin mit sarkastisch tröstendem Himmelshumor, lächelnd über Mord und Tod. Und Käthchen, das späte Mädchen, das in einer blutroten Nische in roten Ballettstrümpfen und rotem Tütü mit Schleife im Haar zurückblickt auf ein Leben voller ungenügender Männer, hat einen Film im Kopf, der ihr, also aller neun Katharinen, Leben Revue passieren lässt wie bei einer Sterbenden, die bald „ins grüne Zimmer“ (das Grab) wechselt und der die Erde schon „in den Schädel sintert“. Cornelia Froboess, die vor gut dreißig Jahren in Dieter Dorns erster Strauß-Inszenierung, in „Groß und klein“, die junge Lotte war und burschikos und ungerührt durchs Eiszeit-Deutschland stiefelte, liegt hier als alte Göre in einem Buchregal und nimmt die Liebes- und Männerkatastrophen einer deutschen Lauzeit mit der linken Hand, während sie mit der rechten ihren Freiraum fürs kommende Grab lustig, wiewohl etwas penetrant stimmgewaltig in die Luft haut.

Zwischen Panikkauf und Jenseitstrost hat Katharina Minola, die Botho Strauß aus Shakespeares Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ entlehnt hat, versucht, einen Mann abzuwimmeln, der ihr Geld anlegen möchte: Gina Henkel flitzt als Eisprinzessin in Schlittschuhen übers glatte Parkett, während Thomas Loibl als lächerlicher Deus ex machina fallschirmspringermäßig vom Himmel herabschwebt und auf dem Eis zum Gotterbarmen herumrutscht, bis er ihr einen Kuss geraubt hat, der zu Kapital werden soll, das sie ihm aber wohl nie auszahlen wird. Ulrike Willenbacher als Katharina und Ulrich Beseler (als „Der Mann“) sitzen vor der hohen Pforte einer Bank, die ihnen den Kredit sperren will: zwei elegante, bürgerlich gebildete „Wortschatzhüter“, die vor den „Zinsstrolchen“ keine Chancen haben, die Mitarbeiterinnen einfach „ausixen“, durchstreichen, nachdem sie mit faulen Derivaten und Subprimes die Finanzwirtschaft ruiniert haben. Und Sibylle Canonica als Kitty und Gerd Anthoff (als „Der Mann“) müssen ein Hotelzimmer mit einem Hochzeitspaar teilen, während sie hysterisch darauf dringt, dass er endlich eine Geburtstagsrede auf sie verfasst, gelobt, geehrt, geachtet werden will, er aber wohl über nichts als über ihre Hysterie, ihre Bitternis sprechen möchte, aus der die Canonica im verspiegelten Hotelzimmerlabyrinth die große Studie einer liebessüchtig Frustrierten macht.

Mit Glanz und Lust

Es sind nicht nur neun Katharinen in einer. Es sind neun Stücke in einem. Neun Lebensdramen, Gesellschaftsfarcen, Beziehungstragödien, Wirtschaftspossen in einer Universalkomödie, die unendlich leicht und luftig und tollmundig geschrieben ist. Es ist wie immer bei Botho Strauß: das Platte neben dem Schönen, das Erhabene neben dem Geisterhaften, das Rätselhafte neben dem Derben, das Gesellschaftliche neben dem Vereinzelten - und eben nicht nur neben, sondern immerfort auch in einem und allem. Das Stationendrama funktioniert kontrapunktisch.

Aus diesem grandiosen Ineinander der Frauenlieben und -leben macht Dieter Dorn das große Münchner Weiberwelttheater. Die Bühne ist wie so oft, wenn Jürgen Rose sie bildnert, wieder bis zur Brandmauer aufgerissen, die dann, auf Kulissenpapier gemalt, nach vorne wandert und so die Szene nie aus der Sphäre des Scheins, des Theaters entlässt. Noch bevor es losgeht, fahren die neun Katharinen aus der Versenkung empor, in die die ganze Gesellschaft auch wieder hinabfährt. Ganz in Rot präsentieren sie sich: neun teuflisch komische Damen auf der Suche nach dem richtigen Leben mit den falschen Männern. Dorn sperrt sie in sein Bühnenhaus. Er entlässt sie nicht in die Welt. Er gibt ihnen den Spielraum. Den Welt-Raum müssen sie sich selber erobern. Das tun sie in jeder Szene mit Glanz und Lust. Es ist die letzte Frage, die Käthchen, das späte Mädchen, sich und der Welt stellt: „Ich sagte: Utopie? Gibt's zwischen dir und mir nicht Utopie genug?“ Wenn das „Du“ aber fehlt, dann muss das „Ich“ ganz allein Utopie sein. Diese Utopie ist hier weiblich. Botho Strauß ist ihr traurig lächelnder Prophet. Dieter Dorn aber ihr fröhlich lachender Prediger.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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