Verkehrte Welt. Da sind Generationen von Musiklehrern bestrebt, ihren begriffsstutzigen Schülern beizubringen, wie man ein Cello zum Singen bringt. Da gibt es sogar Wettbewerbe für sangliches Violinspiel, und es wird permanent versucht, die Mechanik des notorisch störrischen Flügels außer Kraft zu setzen, um die Klaviertöne so widerstandslos aneinander zu binden, als kämen sie aus der geläufigen Gurgel einer Operndiva. Und was macht der schlitzohrige Bobby McFerrin? Singt, als habe er ein Schlagzeug verschluckt.
Der Mann aus Manhattan, der mit der Song-Trivialität „Don’t worry, be happy“ vor Jahren die Losung für die moderne Fun-Gesellschaft ausgab, hat ein ganzes Orchester im Kehlkopf sitzen. Natürlich singt er auch. Und wie. Aber berühmt wurde er als Äquilibrist. Jeder Ton aus seinem Munde ein waghalsiger Drahtseilakt, jedes Gaumenschnalzen ein Pralltriller, jeder Schlag mit der flachen Hand auf den Resonanzboden seines Brustkorbs der Beginn eines unwiderstehlichen Swing-Rhythmus.
Mit der Stimme Mauern einstürzen lassen
Was man mit einem Mikrofon in der Hand alles anfangen kann, wie man etwas Neues zu erschaffen vermag, wenn einem kein Geräusch zu gering und auch sonst nichts heilig ist, das hat er jetzt wieder mit dem Pianisten Chick Corea im Schlepptau auf einer ausgedehnten Europatournee in der Frankfurter Alten Oper demonstriert.
Von dem Blues-Sänger Big Joe Turner wurde einst kolportiert, er könne mit seiner Stimme Mauern zum Einsturz bringen, könne Rohstahl kauen und Rasierklingen ausspucken, könne jodeln wie ein Sennerbub und überhaupt: Big Joe könne alles. In Bobby McFerrin hat das musikalische Schwergewicht Turner einen subtilen Nachfolger gefunden. Auch McFerrin scheint mit seiner Stimme von der Bassregion bis zum höchsten Falsett, vom Urschrei bis zum klassischen Liedgut alles zu beherrschen. Nur wirkt bei ihm noch der aberwitzigste Scat-Chorus, als sei er durch eine stets präsente Ästhetik des Belcanto gefiltert worden. Er lässt die Töne schleifen, um Diamanten daraus zu machen. Big Joe verwandelte Melodien in Gewehrkugeln, Bobby könnte selbst aggressives Krakeelen in lyrische Gesangskunst ummünzen.
Missbrauchte melancholische Melismen
Das honoriert sein Publikum lange schon auf besondere Weise: Es lässt sich von dem Animateur auf der Bühne in einen allzeit bereiten Fischer-Chor verwandeln, der Bobby McFerrins vokale Spielchen mit vielstimmigem Refrain beantwortet. Mehr noch: Seit einiger Zeit hält der Star ein zweites Mikrofon stets griffbereit für einen Möchtegernsolisten aus dem Auditorium. Und man darf vermuten, dass die Herrschaften in der Alten Oper, die jetzt wieder seiner Aufforderung zum Duett - über was auch immer - nachkamen, mittlerweile das Ritual kennen und wohlpräpariert zum frenetisch beklatschten Singduell antraten. Gesangsnovizen waren sie jedenfalls alle nicht, dafür waren ihre Improvisationen viel zu ausgetüftelt.
Für gute Laune sorgen solche Lockerungsübungen allemal, und das scheint überhaupt zur Lebenseinstellung Bobby McFerrins zu gehören, dem wohl auch bei seinen Auftritten als Gastprofessor an deutschen Hochschulen der frohe Mut nicht abhanden gekommen ist. Die musikalischen Höhepunkte seiner Konzerte sind freilich nicht unbedingt seine Happy-hour-Songs, vielmehr wie jetzt in Frankfurt die Improvisationen über Joseph Kosmas unverwüstliches „Autumn Leaves“, so einfühlsam, so intensiv und so zauberhaft vorgetragen, dass man schier die toten Blätter im Jardin du Luxembourg fallen zu hören meinte. Oder Cole Porters „Night and Day“, bei dem jede große Septime wie der Abendstern aus Puccini „Tosca“ zu funkeln begann. Oder Rodrigos „Concierto d’Aranjuez“, dessen von vielen anderen so oft missbrauchte melancholische Melismen Bobby McFerrins Mund verließen, als seien es die verhaltenen Töne aus der gestopften Trompete von Miles Davis.
Wer sonst hätte diese wehmütige Stimmung angemessener mit perlenden Arpeggios und traurigen Blue-Note-Akkorden umranken können als Chick Corea, der bei Davis, dem Magier aus East St. Louis, in die Schule ging und heute noch immer von dessen Cool-Jazz-Lektionen zehrt?