Kunstnahrung für sechs lange Wochen bereithalten, eine Viertelmillion Tickets unter die Leute bringen, siebzig Prozent eines Sechzig-Millionen-Etats selbst erwirtschaften, Sponsoren umschmeicheln, gegen einen Aufsichtsrat - sprich: Kuratorium - kämpfen, dem das alles als viel zu viel erscheint, schließlich noch missliche Kritiken lesen: Ist das ein Traumjob?
Für Alexander Pereira schon. Als erfolgreicher Direktor des Wiener Konzerthauses und als noch erfolgreicherer Zürcher Opernintendant träumte er bereits davon, einmal das größte Festival seines Heimatlandes zu gestalten. Jetzt war es endlich so weit.
Die lokale Kritik behandelte ihn ungewohnt wohlwollend - wohl auch, weil er seit langem der erste Österreicher auf dem Festspielthron ist. Viele deutsche Kritiker dagegen vermissten die stringente Programmdramaturgie à la Mortier, Landesmann, Ruzicka und Hinterhäuser, tadelten „Kulinarik“, „Sammelsurium“, „Namedropping“ und so fort.
Salzburg ist überall
Wer die ersten Pereira-Festspiele in voller Länge durchlebt hat, muss das finale Urteil differenzierter formulieren. Gewiss: Die Oper ist nicht erst seit Pereira ein übergreifendes Problem. Auch Salzburg muss sich der Regisseure, Dirigenten, Bühnenausstatter bedienen, die überall in der Welt für Aufregung, seltenes Glück und häufigen Verdruss sorgen.
So kommt es dann, dass Puccinis „La Bohème“, trotz Anna Netrebko, Bizets von den Osterfestspielen übernommene „Carmen“, Händels von den Pfingstfestspielen kommender „Giulio Cesare“ und sogar Mozarts „Zauberflöte“ nebst Fortsetzung in Schikaneders „Labyrinth“ mit der Musik Peter von Winters über ein, vorsichtig gesagt, durchschnittliches Niveau nicht hinausgelangten.
Auf der positiven Seite stehen immerhin der akzeptable Versuch, Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ in einer modifizierten Urfassung von 1912 mitsamt der Molière-Komödie aufzuführen, und die musikalisch grandiose Darstellung von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“, bei denen der veränderte Schluss allerdings strenggläubige Anhänger des Komponisten in Rage versetzte.
Für den nächsten Sommer kündigte Pereira, der offenkundig ein entschiedener Gegner des „Regisseurstheaters“ ist, Verdi- und Wagner-Huldigungen an: „Falstaff“ und „Don Carlo“ sowie „Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Regie von Stefan Herheim.
Die kleinen Konzert-Oasen
Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf wird mit „Così fan tutte“ einen neuen Da-Ponte-Zyklus eröffnen. Außerdem ist es gelungen, György Kurtág zu einer Oper zu bewegen; auch Thomas Adès, Jörg Widmann und Marc-André Dalbavie erhielten Aufträge für die nächsten Jahre.
Bei allen Diskussionen um die Opern bei den Festspielen wird oft vergessen, dass der Löwenanteil im Programm den Konzerten zukommt. Diese tragen erheblich zu den Eigeneinnahmen bei, subventionieren gewissermaßen die kostenintensive Oper mit.
Auch ein so dramaturgisch denkender Intendant und Konzertchef wie Markus Hinterhäuser, dem in Salzburg viele nachtrauern, kam nicht umhin, mit großen Interpretennamen die Festspielhäuser zu füllen, damit Geld hereinkommt. Aber es gibt auch kleine Oasen wie die Konzerte mit Heinz Holliger, der im Zentrum einer „Salzburg Contemporary“-Reihe mit zehn Konzerten stand.
Holliger selbst dirigierte in der Kollegienkirche unter anderem seinen „Scardanelli“-Zyklus. Das waren eindrucksvolle Aufführungen, die durchaus in der Tradition der großen Nono-Aufführungen am selben Ort standen.
Im Übrigen brachte das Konzertprogramm das gewohnte Bewährte mit großen Gastorchestern, den Wiener Philharmonikern in abermals bestechender Form, mit hochkarätigen Liederabenden (von Christian Gerhaher, Thomas Hampson, Matthias Goerne, Juan Diego Flórez und anderen), Kammerkonzerten und den unverändert das Publikum begeisternden Mozart-Matineen.
Eine davon wurde diesmal von Michael Gielen geleitet: Unverändert stark klang der Mozart des inzwischen fünfundachtzig Jahre alten Dirigenten - fest, klar, männlich, unverzärtelt. Bewegend nach dem Konzert die Begegnung Gielens mit dem Dirigenten der „Soldaten“, Ingo Metzmacher. Dieser hatte seinerzeit bei Gielens denkwürdiger Frankfurter Aufführung von Zimmermanns Werk assistiert. Auch solche symbolträchtigen Begegnungen gehören zu den Salzburger Festspielen. Sie erscheinen gewichtiger als die ein oder andere Opernaufführung, die misslingt.