03.12.2003 · Der Literaturnobelpreisträger Dario Fo hatte eine Satire über Silvio Berlusconi angekündigt. Doch ist sein Stück „Der abnorme Doppelhirnige“ wirklich eine Satire? Die „witzigsten“ Äußerungen stammen von Berlusconi selbst.
Von Dietmar Polaczek, RomWie reagiert der russische Präsident Putin, der während eines Kongresses russischer Chirurgen in Sizilien von einem marxistischen Killerkommando aus dem Bett geholt wird? "Einen Moment mal, laßt uns diskutieren! Ein bißchen Dialektik, bitte!" Nichts da. Die Dialektik von Killern steckt in der Kalaschnikow. Wie löst Berlusconi vor den Gewehrläufen der Terroristen das Problem? Lächelnd: "Ich weiß einen Witz über Bush, zum Totlachen!" - "Kennen wir schon, wir lachen nicht mehr darüber." Die Waffen antworten.
Die tüchtigen Chirurgen - "aus zwei mach eins" - verwenden das Brauchbare und pflanzen dem schwerbeschädigten Berlusconi ein halbes Putin-Hirn ein. Die Gedächtnisverluste und die Rehabilitation liefern Dario Fo den Vorwand, Miriam Bartolini, die Ehefrau Berlusconis, bekannter unter dem Künstlernamen Veronica Lario, alles das zur Gedächtnisauffrischung erzählen zu lassen, was am gegenwärtigen Ministerpräsidenten irdisch und allzumenschlich ist: von den Gesetzen zum eigenen Vorteil über die merkwürdigen Mafiabekanntschaften zurück zu den Anfängen eines Finanzimperiums, die im Dunkel liegen und nur einige inzwischen allgemein bekannte Details haben aktenkundig werden lassen, so zum Beispiel, wie große Teile der Fininvest von einer schlichten Hausfrau, einem Rentner, einem Invaliden kontrolliert wurden und welche Off-shore-Gesellschaften zur Steuerersparnis Antonio Di Pietro bei seinen Ermittlungen gefunden hat.
Die reine Wahrheit
"L'anomalo bicefalo" ("Der abnorme Doppelhirnige") ist eigentlich die Fiktion eines Theaterstücks und bietet nur die reine Wahrheit samt der schaumig-polemischen Vorgeschichte - ein work in progress. Alles, was um das Stück geschah und geschieht, geht in das Textbuch und das Spiel des alten Paares Dario Fo und Franca Rame ein. Eine Schauspielerin und ein Regisseur (Fo und Franca) unterhalten sich über das Textbuch des Stücks. Fo spielt einen russischen Arzt, einen Freund des Hauses Lario, und er spielt Fo, der Fo spielt. Die Schauspielerin Franca Rame ist die Schauspielerin Nastasia ist die Schauspielerin Veronica Lario, die (in Wirklichkeit) die Zensurversuche der Rechten in Mailand zurückwies. Fo soll im Januar im Piccolo Teatro gastieren, der Aufsichtsrat hatte mit Budgetkürzungen gedroht.
Franca Rame ist nicht sehr gesund - im Gegensatz zum quicklebendigen, erst siebenundsiebzig Jahre alten Nobelpreisträger. Aufführungen (Voraufführungen, Vorpremieren, öffentliche Generalproben, Erstaufführungen - die Terminologie ist phantasievoll) wurden verschoben, werden beständig von Abend zu Abend verändert, ein endgültiges Textbuch gibt es noch nicht. Publizierte Textteile machen mehr den Eindruck eines Canovaccio, einer Spielvorlage für das Stegreiftheater. Fo und Rame beherrschen die Technik des Improvisierens virtuos, und auch die Technik, so zu tun, als würden sie - wie bei Pirandello - spontan spielen, "a soggetto" rezitieren.
Routine großer Könner
Doppelter Boden überall - jedoch, er trägt kaum. Fo und Franca schlüpfen in viele verschiedene Rollen, und es ist die Routine der großen Könner, die Banales erträglich macht, aber die Déjà-vu-Effekte multipliziert. Die alten Slapsticks, die alte Sprachmimikry, wenn Fo "russisch" spricht. Am hübschesten ist der genuin theatralische Einfall, den bekanntlich eitlen Ministerpräsidenten, der sich sehr über seine geringe Körpergröße und seinen Haarausfall ärgert, als springteufelhaften, glatzköpfigen und am Ende wuschelperückigen Zwerg darzustellen. Der Doppelkörper, der zur besseren Überzeugungskraft einmal sogar vierhändig gestikuliert, wird hierauf dem Publikum gleich erklärt.
Dario Fo hat uns eine Satire angekündigt. Doch wo bleibt die Satire? Die "witzigsten" Äußerungen stammen von Berlusconi selbst. Wie Giovanni Trapattoni in Deutschland nicht mit seinen Trainerleistungen, sondern dem einzigen Satz "Ich habe fertig!" seinen Nachruhm begründet haben wird, so lebt Berlusconi im gegenwärtigen kritischen Bewußtsein weniger durch seine schwer erkennbaren Manipulationen als durch seine unbedachten Statements: daß Mussolini - von dem selbst Fini, der Chef von Alleanza Nazionale, abrückt - seine politischen Gegner auf Urlaub geschickt habe, daß sich der deutsche Europaabgeordnete Schulz zum KZ-Aufseher eigne und derlei mehr. Ist es schon Satire, wenn Fo seine Doppelhirn-Fiktion anpreist? Der Ministerpräsident sollte das mal ernsthaft bedenken, sagt er: ein Hirn für die Erklärungen, das andere für die ihnen unweigerlich folgenden Dementis. "Ich kann mich nicht erinnern, das gesagt zu haben - vielmehr: ich habe das nie gesagt - vielmehr: daß ich es gesagt haben soll, ist eine Erfindung der kommunistischen Presse."
Wirklichkeit eins zu eins
Die italienische Politik hat, zumal mit ihrer blumigen Rhetorik, einen unvergleichlich höheren Show-Wert als die deutsche, selbst wenn es im Parlament gerade nicht zu Prügeleien kommt. Folgerichtig findet sie überwiegend im Fernsehen statt, wo der Inhalt von Gesetzentwürfen oder Gerichtsurteilen bisweilen früher bekannt ist und früher diskutiert wird als in Regierungskommissionen oder Berufungsinstanzen. Kann, wer wie Karl Kraus in den "Letzten Tagen der Menschheit" die Wirklichkeit, die ihre eigene Satire ist, eins zu eins auf die Bühne bringt, sich satirischer Erfindungskraft rühmen?
Wohl nur dann, wenn in der Collage die Stringenz der Konstruktion, die Auswahl der Fakten eine Metawirklichkeit schafft, die in dem, was sie überhöht, nicht enthalten ist. Aber selten ist der antike Satz, es sei schwierig, keine Satire zu schreiben, so falsch gewesen wie bei diesem Anlaß. Auch die noch unaufgeführte satirische Comic-Oper "Mr. Me" von Luca Mosca (das Textbuch in englischer Sprache hat Gianluigi Melega vom "Espresso" verfaßt), in der die Welt von den beliebtesten Comic-Helden vor "Mr. Minestrony" gerettet wird, ist Symptom für die große Versuchung, die eine unglaubwürdige satirenahe Wirklichkeit darstellt. Ob man ihr nicht widerstehen sollte?
An die neunzig Anwälte
In jedem anderen Land würde man so etwas für eine unglaubwürdige Erfindung halten: daß der zurückhaltende Direktor des ersten Fernsehprogramms, Fabrizio Del Noce, vom Abgesandten einer (Berlusconi-eigenen) Satiresendung "Stiscia la notizia" dermaßen provoziert wird, daß er ihm mit dem "Goldenen Tapir", einem ironischen Preissymbol, das Nasenbein bricht. Noch dies läßt die Einschaltquoten der Mediaset erfreulich steigen. In anderen Ländern würde man es auch für bösartige Nachrede halten, daß der Ministerpräsident an die neunzig Anwälte beschäftigt, sie, wie Fo mitteilt, nach eigenen Worten mit insgesamt "5500 Milliarden Lire im Jahr" (2,85 Millionen Euro) honoriert und viele von ihnen als Parlamentarier, Regierungsmitglieder oder Funktionäre vom Staat bezahlen läßt.
So ist es eben in Italien: Wenn in Mailand der Verkehr zusammenbricht, weil die Bus- und Tramfahrer die Streikgesetze brechen, wird ausgiebig über diesen "Vertrauensbruch" diskutiert - aber nicht darüber, daß die wild und gegen die Gewerkschaft Streikenden seit zwei Jahren ohne Tarifabschluß für Monatsgehälter um die achthundert Euro arbeiten. Und wenn die demokratischen Strukturen hier oder dort eine weitere Verletzung erfahren, ist das Äußerste, wozu sich eine ohnmächtige, in sich zerfallene Opposition aufrafft, der pathetische oder höhnische Protest. Fos Reaktion - "Wir sind müde, aber wenn das Land in diesem Zustand ist, kann man doch nicht schweigen" - ist ein Symptom.
Frenetischer Tango
Die Dario-Fo-Familie klatscht begeistert bei jeder Pointe, macht überrascht und enttäuscht: "Oooohhh!", als Fo zu Beginn der Vorstellung am Dienstag mitteilt, eben sei das neue Fernsehgesetz des Informationsministers Gasparri vom Parlament angenommen worden, und verfällt nur einmal in eisiges Schweigen. Als nämlich Fo daran erinnert, daß vor Berlusconi fünf Jahre lang die Linke - "ein Gummi-D'Alema" - regierte und nichts tat, um das Problem des Interessenkonflikts und der Oligopole gesetzlich zu regeln. Und prompt taucht die Gummipuppe D'Alema auf, um mit Fo einen frenetischen Tango in die Pause zu tanzen.
Bei Familientreffen gilt die Regel, die verstoßenen schwarzen Schafe nicht beim Namen zu nennen. Auch im Teatro Olimpico, wo Schilder am Eingang ("Alle Vorstellungen ausverkauft") auffordern, alle Hoffnung fahren zu lassen, war's wie auf einer Familienfeier: sehr rührend und sehr lustig, besonders wenn man alle die Abwesenden kennt, die durch den Kakao gezogen werden. Aber was habe ich als Fremder dabei verloren?