18.09.2006 · Mit der Opernstiftung sollten alle drei Opern Berlins gerettet werden. Doch auch drei Jahre nach ihrer Gründung hängt das Damoklesschwert der Schließung über den Häusern: Warum sich die Stiftung selbst einsparen sollte.
Von Eleonore BüningEs ist so weit. Die Wahlen in Berlin sind vorbei, und Michael Schindhelm, Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, will wie versprochen seine Wundertüte öffnen. Er wird uns einerseits reinen Wein einschenken, unverstellt Einblick in die Bilanzen und in jenen Abgrund gewähren, worin eines der Berliner Opernhäuser versenkt werden soll. Aber zugleich hoffentlich auch den dünnen Zauberfaden zeigen, die quasi seidene Leiter, mittels derer vielleicht doch noch alle drei Opern Berlins aus der Grube gezogen und gerettet werden können.
Den ersten Schritt dazu tat Schindhelm schon vor fünf Monaten, ein Jahr nach seinem Amtsantritt, also drei Jahre nach Gründung der Opernstiftung, die von Kultursenator Thomas Flierl (PDS) mit Bundeshilfe von Christina Weiss (parteilos) ins Werk gesetzt worden war und - das sei nicht vergessen - noch im Januar 2003 von den Politikern fast aller Parteien als große Opernrettungstat gefeiert worden war.
Die Opern vor dem Crash
Im April 2006 hatte Schindhelm dann endlich alles durchgerechnet und verkündet, Berlins Opern stünden bei plangemäßem Subventionsabbau binnen Jahresfrist vor dem Crash. Die Stiftung werde bei Absenkung der Zuschüsse von 115 Millionen Euro (2003) auf 97 Millionen Euro (2009) in die roten Zahlen rutschen. Er werde ein Reformkonzept zur „Nachjustierung“ vorlegen - allerdings erst dem neuen Kultursenator nach der Wahl, um das Opernthema nicht im Wahlkampf zu zerreden.
Ganz ist ihm das nicht gelungen. Die SPD preschte vor und sägte taktisch-prophylaktisch Schindhelms wackliges Stuhlbein an. Erst beklagte sich André Schmitz, Leiter der Staatskanzlei und von 1997 bis 2001 geschäftsführender Direktor der Deutschen Oper Berlin, in einem Radiointerview über die künstlerischen Defizite der Opernhäuser. Dann sekundierte Bürgermeister Klaus Wowereit seinem Kanzleichef, der schon als zukünftiger Kultursenator herumgereicht wird, und nannte Schindhelm „falsch“ am Platz.
Kritik ist kinderleicht
Nach Wahlausgang ist nun dreierlei möglich: Flierl bleibt (und mit ihm Schindhelm), vorausgesetzt, die rot-rote Koalition wird weiterbestehen. Flierl geht und Alice Ströver (Grüne) kommt. Dies im Falle, Wowereit entscheidet sich für eine rot-grüne Koalition. Die dritte Möglichkeit ist die wahrscheinlichste und kann in beiden Fällen eintreten: André Schmitz kommt. Für die drei Opernhäuser käme allenfalls bei Option zwei etwas in Bewegung. Denn es ist kinderleicht, die Opernstiftung samt Stiftungsdirektor zu kritisieren. Das Unternehmen arbeitet kafkaesk langsam.
Erst nach drei Jahren liegen nun Pläne vor für die Zusammenlegung der Werkstätten, was wiederum kosten wird (etwa zwanzig Millionen Euro für den „Umbau“), bevor es eventuell künftig auch etwas einspart (geschätzte eine bis drei Millionen jährlich). Das ist nur ein Beispiel von vielen. Auch der zweite große Einschnitt, die Fusion der verbliebenen Ballettcompagnien, hat zwar Stellen eingespart, geht aber zugleich an die Substanz des künstlerischen Angebots. Der Finanzplan der Stiftung war von Anfang an unseriös: Drei große Häuser mit klassischer Ensemblestruktur zum Etat von nur zweien weiterzuführen - das schafft weder Adam Riese noch Baron Münchhausen.
Offene Worte der Machtlosen
Schließlich: alle lokal- und bundespolitisch in die Opernstiftungsgründung Involvierten wußten, daß es sich dabei um eine geschickt eingefädelte Luftnummer handelte: um ein „Placebo“ (wie die „taz“ schrieb), eine Pille, die den Schmerz über den nur aufgeschobenen, nicht aufgehobenen Verlust eines Operntheaters vorübergehend betäubte. Auch Schindhelm wußte davon, als er andockte auf der Brücke dieses Albtraumschiffs mit seinen drei Luxusdecks erster Klasse. Offene Worte aber sprachen nur die Machtlosen, wie die Grüne Ströver oder die Betroffenen, die Künstler, die Sponsoren, die Freundeskreise, das Publikum.
Nun steht Berlins Opernkrise, die eine Krise der Finanzierung war und ist, wieder genau an dem Punkt der politischen Debatte, wo sie vor vier Jahren schon einmal stand: Soll ein Haus geschlossen oder sollen zwei fusioniert werden? Pariser Modell (das heißt: ein Ensemble bespielt zwei Immobilien) oder Übernahme eines Hauses (der Staatsoper) durch den Bund? Was die künstlerischen Inhalte angeht, stehen die Opernhäuser keineswegs immer noch am gleichen Fleck. Sie haben sich bewegt und weiterentwickelt. Wer, wie Schmitz, heute noch ernstlich behauptet, daß Berlins Opern in ihrer Leistung zurückstehen hinter vergleichbaren Häusern in Hamburg oder München, der saß entweder lange nicht mehr selbst im Parkett, oder er ist auf einen Posten aus.
Event, Ernst und Elan
Die kleinste, die Komische Oper, hat sich unter der Intendanz von Andreas Homoki opernästhetisch stark gehäutet. Der brave, alte DDR-Musiktheatergeist ist fast vollends ausgetrieben. Man wirft sich hier gern dem Event an den Hals, baut aber auch mit Ernst und Elan die Kinderoper aus und sucht die Gunst der Theaterjugend mit Kinokartenpreisen und zeitgemäß „aktuellen“ Inszenierungen. Manchmal riecht ein Stück trotzdem überraschend wieder nach den moralinsauren Desinfektionsmitteln der Kupfer-Jahre. Auch ist die Abonnentenstruktur zerbröselt, die Besucherzahlen dürften allmählich steigen. Aber in der neuen Saison sind bei sechs Premieren nebst einer Erstaufführung mindestens vier in Planung, die eine Reise nach Berlin verlohnen dürften: Hans Neuenfels wird Mozarts „Zauberflöte“ inszenieren, Willy Decker Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, Barrie Kosky Glucks „Iphigenie auf Tauris“ und Peter Konwitschny Lehárs „Land des Lächelns“.
Fast an den Rand der Selbstauflösung hat sich unterdessen die Deutsche Oper Berlin manövriert, der man immerzu nur „Mehr Mut!“ zurufen möchte: intern zerstritten, nach außen zaghaft, blieb sie in der vergangenen Spielzeit ohne Strahlkraft. Nun hat man frisch renoviert und neue Sponsoren gewonnen. Die am Wochenende mit Gala und offener Tür eingeläutete Saison bietet vier risikofreudige Premieren an, von denen keine automatisch ein Publikumsrenner zu werden verspricht. Yves Abel dirigiert gastweise eine neue „Boccanegra“-Produktion, Joachim Schlömer wird Regie führen im „Traumgörge“ von Alexander von Zemlinsky, und der Chefdramaturg von Pfeil will den „Freischütz“ inszenieren.
Ein schwaches Bild
Außerdem arbeitet die Intendantin Kirsten Harms derzeit an einer Ausgrabung: „Germania“ von Alberto Franchetti, einer brüchigen Verismo-Rarität, die dereinst nur dank Caruso für kurze Zeit erfolgreich gewesen war. Dirigieren wird der neue Generalmusikdirektor Renato Palumbo, der sich in Christian Thielemanns Schatten jedenfalls nicht stellen will: Wagners „Ring des Nibelungen“ wurde an den Gastdirigenten Donald Runnicles vergeben, der in Berlin üben darf für den „Ring“-Zyklus, den er selbst dann 2008 daheim in San Francisco beginnen will. Nur vier Neuheiten, keine Uraufführung - tatsächlich ein schwaches Bild für ein Haus dieser Etatklasse. Dabei steht im Repertoire der Deutschen Oper noch viel Sehenswertes, und dem Operndirektor Monnard gelingt es öfter, dazu auch großartige Gastsänger zu finden.
Die Staatsoper Unter den Linden kann zwar nur rund fünfhundert Plätze weniger verkaufen als die Deutsche Oper, aber ihr Etat ist in etwa gleich groß. Und während der Bühnenverein soeben mitteilt, daß die Zahl der Aufführungen klassischer Musik in Deutschland in der letzten Saison um 1,9 Prozent gesunken sei, freut sich die Lindenoper über eine Steigerung der Besucherzahlen um 19,9 Prozent. Das ist enorm. Dank der unverwüstlichen Energie des stets Ideen ausheckenden Generalmusikdirektors Daniel Barenboim hat sich das Haus musikalisch einen internationalen Spitzenplatz erarbeitet. Barenboims Mozart- und Wagner-Zyklen zogen Opern-Aficionados aus aller Welt an. Illustre Sängernamen, kalkulierte Regieabenteuer sowie ein ausgezeichneter Ensemblegeist sind weitere Erfolgszutaten. Acht Premieren gab es in der letzten Spielzeit und zwei Uraufführungen, darunter den vielbeachteten „Faustus“ von Pascal Dusapin.
Garantiert mehrfach überbucht
Den Start in die neue Saison, in der sieben Premieren und eine Uraufführung angesetzt sind, feierte die Lindenoper selbstbewußt mit einem sehenswerten experimentellen Doppelabend, nebst Robert Wilson und Anja Silja. Außerdem auf dem Plan: eine garantiert mehrfach überbuchte „Manon“-Produktion mit Anna Netrebko und Rolando Villazón, eine garantiert amüsante „Clemenza di Tito“ mit Nigel Lowery, eine garantiert streitbare Monteverdische „Marienvesper“ mit Luc Perceval und René Jacobs - und ein Wiedersehen mit Peter Mussbachs Salzburger Arbeit zu Busonis „Faust“-Oper. Den Knüller zu den Osterfestspielen aber liefert heuer im Alleingang die preisgekrönte Lindenopern-Staatskapelle: Sie spielt sämtliche Symphonien Gustav Mahlers, abwechselnd unter Barenboim und Boulez.
Künstlerisch gefährdet ist die Staatsoper Unter den Linden also nicht von innen, sondern allenfalls von außen: Dem stärker werdenden Druck der Stiftungssparschraube weicht man aus in vermehrte Koproduktion (künftig mit der Scala) und in die schleichende Etablierung eines Stagioneprinzips. Außerdem schwebt das Damoklesschwert einer auf 130 Millionen Euro veranschlagten Restaurierung über dem baufälligen Haus, was entweder die Teilschließung oder eine provisorische Spielstätte oder aber beides nach sich ziehen wird, für eine Bauzeit von zirka drei Jahren.
Betrachtet man also nüchtern Stück für Stück die Konkurrenz, die Bilanzen und die Ausstrahlung der drei Opernhäuser in Berlin, dann stellt man überrascht fest: Repertoire, Ensemblegeist, musikalisches Niveau, Publikum und musiktheatralisches Regieprofil sind von Opernhaus zu Opernhaus so verschieden ausgeprägt, daß allein dies schon ein Argument dafür wäre, die Placebo-Stiftung zügig wieder aufzulösen. Wann, wenn nicht jetzt?
Eleonore Büning Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin
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