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Berliner Staatsoper Wo wir sind, ist die Hölle

Moralisch aufgeladen, literarisch anspielungsreich: Pascal Dusapins Oper „Faustus, the last night“ ist in Berlin uraufgeführt worden. Die Musik allerdings blieb leider am Ende doch nur stimmungsvolle Dekoration.

© dpa/dpaweb Vergrößern Mephistopheles (l.) und Faustus in Pascal Dusapins Oper

Kein anderes Sujet hat die musikalischen Gemüter zu allen Zeiten so bewegt wie der Faust-Stoff in seinen mannigfachen Varianten. Schon 1723 komponierte John Ernest Galliard eine „Masque of songs“ mit dem Titel „The necromancer or Harlequin Doctor Faustus“, 1784 wurde in Brünn die erste Faust-Oper uraufgeführt: Wenzel Müllers „Doktor Faustus“.

Kurz danach wird die Liste der Bühnenmusiken, Ouvertüren, Ballette und Opern, der Orchesterszenen, Symphonien und symphonischen Dichtungen, der Kantaten, Romanzen und Lieder schier unüberschaubar. Von Luis Spohr über Hector Berlioz, Adolphe Adam, Richard Wagner, Robert Schumann, Fanny Hensel, Charles Gounod, Franz Liszt und Arrigo Boito bis zu Lili Boulanger, Ferruccio Busoni, Stefan Wolpe, Hanns Eisler, Henri Pousseur, Wolfgang Rihm, Luca Lombardi und Alfred Schnittke ließ die Faust-Geschichte kaum ein Komponistenherz ungerührt.

Daß diese Affinität keineswegs nur der Suche nach Bühneneffekten und klanglichem Spektakel geschuldet ist, sondern mitten ins Zentrum musikalischen Schaffens führt, hat Thomas Mann in seinem Faustus-Roman unvergleichlich dargestellt. Die Themen der Faust-Figur sind denen der Musik zuinnerst verwandt: Fragen nach dem Zusammenhang von Zeit und Raum, die beide umtreiben und an die sich beide verschwenden, die beständige Auslotung unüberschreitbarer Grenzen - und die maßlose Sehnsucht, diese zu sprengen.

Marlowe statt Goethe

Auf dieses Verlangen scheint auch der französische Komponist Pascal Dusapin unmittelbar reagiert zu haben, indem er seine Adaption des Stoffes auf den Untergang des Helden konzentrierte. „Faustus, the last night“ heißt seine nun an der Berliner Staatsoper uraufgeführte Oper, die den Titelhelden „in einer Nacht und elf Bildern“ auf seinem Weg in die Hölle begleitet.

Auch wenn man wie der 1955 geborene Dusapin alles andere als ein Opern-Anfänger ist und bereits vier erfolgreiche Bühnenwerke vorweisen kann, gehört doch eine gute Portion Selbstbewußtsein dazu, sich anläßlich seines ersten Kompositionsauftrags für ein führendes deutsches Haus ausgerechnet auf den „Faust“ zu kaprizieren. Auch aus diesem Grund hat sich Dusapin von Goethe distanziert und statt dessen das Drama von Christopher Marlowe als eine der Hauptquellen für sein Libretto gewählt. Sodann wird ihn die Radikalität fasziniert haben, mit der in Marlowes Tragödie zum ersten Mal die Vorstellung einer Hölle im Diesseits auftaucht: „Hell hath no limits, nor is circumscrib'd / In one self place / But where we are is hell.“

Metapher für alles Schlechte

Auch weitere Züge der elisabethanischen Tragödie finden ihren Nachhall in Dusapins Libretto: der aus dem alten Moralitätendrama stammende Umgang mit Allegorien und die, wie auch immer verwandelte, Auffassung des Theaters als Moralanstalt. Denn letztlich scheint auch Dusapin, neben seiner rein ästhetischen Faszination für Prozesse der Auflösung und des Verschwindens, in seinen Opern eine moralisierende Botschaft zu verfolgen. Nicht immer bleibt der erhobene Zeigefinger dabei diskret genug. Konnte man den Titelhelden seiner letzten Oper „Perela, Uomo di fuoco“ nach einem Roman des italienischen Futuristen Aldo Palazzeschi als moderne Christus-Figur deuten, so erscheint Faustus nun als Inbegriff des Bösen.

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