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Streit um „Salome“-Aufführung : Der Debütant erlebt seinen großen Durchbruch

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Aušrine Stundyte hat als Salome die Hosen an, und Köpfchen hat sie auch. Bild: Joachim Fieguth

Krach an der Berliner Staatsoper: Christoph von Dohnányi schmeißt das Dirigat der „Salome“ kurz vor der Premiere hin. Thomas Guggeis nutzt die Chance, die sich ihm bietet.

          Auch hundertzwölf Jahre nach ihrer Uraufführung ist die Oper „Salome“ von Richard Strauss noch für einen Skandal gut. Vor der Generalprobe und damit drei Tage vor der Premiere stieg der Dirigent Christoph von Dohnányi aus der Neuproduktion an der Berliner Staatsoper Unter den Linden aus, wegen „künstlerischer Differenzen“ mit dem Regisseur Hans Neuenfels, wie es hieß. Anfang Januar erst hatte Dohnányi die Produktion übernommen von Zubin Mehta, der nach einer Schulteroperation derzeit pausierern muss. Als ihm Hans Neuenfels, mit dem Dohnányi vor langer Zeit, 1976, an der Oper Frankfurt einen „Macbeth“ auf die Bühne gebracht hatte, das fertige Konzept vorstellte, habe er bereits Bedenken angemeldet, so erzählt Dohnányi im Gespräch mit dieser Zeitung. Bedenken musikalischer, akustischer Art. Unter dem Vorbehalt, dass man erst einmal abwarten müsse, wie sich das Ganze dann in der Realität darstelle, habe er die Proben begonnen.

          Im Zentrum des Streites mit Neuenfels: eine Rakete in Phallusform. Sie befindet sich von Beginn an auf der Bühne, Jochanaan, dem Libretto nach eigentlich in einer Zisterne gefangen und verborgen, sitzt in dieser Rakete, schaut und singt durch ein Guckloch. Zu direkt klinge Jochanaans Gesang dadurch, meint Dohnányi, das stehe in nicht hinnehmbarer Weise dem Eindruck des Entfernten, Düsteren entgegen, den Strauss’ so plastische Musik doch gleichzeitig erwecke. Wenn Jochanaan schon von Anfang an zu sehen sei, welchen Sinn ergäben dann noch die großen Auf- und Abtrittsmusiken, die Strauss für ihn komponierte?

          Als hätte man den Streit schon geahnt, wird im Programmheft ein Brief von Strauss an den Dirigenten der Dresdener Uraufführung, Ernst von Schuch, erwähnt. Der Komponist fordert darin zwar keine Sichtbarkeit für die Figur des Jochanaan aber doch eine direkte, klare Art des Singens: möglichst auf der Bühne, vielleicht verdeckt hinter einem Gazeschleier. „Dies ist äußerst wichtig!“, schließt Strauss. Wohl auch bestärkt von dieser Äußerung, ließ sich Hans Neuenfels nicht von seiner Dildo-Rakete und dem sich darin befindenden Propheten abbringen, Dohnányi stieg aus (man duzt sich gleichwohl nach wie vor), der Streit zwischen dem 88-jährigen Dirigenten und dem 76-jährigen Regisseur aber schoss raketenartig den 24-jährigen Thomas Guggeis ans Dirigentenpult. Guggeis ist Korrepetitor an der Staatsoper, außerdem Assistent von Daniel Barenboim. Ab der kommenden Spielzeit wird er als Kapellmeister in Stuttgart tätig sein unter dem neuen Generalmusikdirektor Cornelius Meister. An den „Salome“-Proben war er von Beginn an beteiligt, mit Dohnányi abgesprochen war, dass Guggeis die letzte Aufführung der Oper in dieser Spielzeit leiten sollte. Aber nicht die allererste.

          Souveränes Debüt

          Mit der Erfahrung der Generalprobe, die Guggeis bereits geleitet hatte, stürzt der Debütant sich ins Abenteuer, vom Intendanten Jürgen Flimm angekündigt und mit einem grob-väterlichen „Geh raus!“ in den Graben gescheucht, enthusiastisch begrüßt vom Premierenpublikum. Und Guggeis macht seine Sache gut. Sicher lenkt er die Staatskapelle durch das vielzüngige Riesenwerk, befreit von der Last der Premiere, wird er in den folgenden Aufführungen mehr wagen bei den Übergängen und in den Atmosphärewechseln, die Strauss hier so jäh gestaltet; er wird vielleicht auch mehr zulassen können von der Nervosität und verzehrenden Glut dieser Musik. Oder wäre solche Farbigkeit von Hans Neuenfels gar nicht gewünscht?

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