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Berliner Schaubühne Wege zum Mord

06.03.2006 ·  Familie! Inzest! Wahnsinn! Thomas Ostermeier inszeniert „Trauer muß Elektra tragen“. Nicht als Weiter- und Umdichter Eugene O'Neills, sondern als Erträglichmacher: Er erhebt den Kitsch zum theatergöttlichen Prinzip.

Von Gerhard Stadelmaier
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Es gibt ja die seltsamsten Mädchen-Karrieren. Schon vom Namen her. Die kleine, harte, bis auf die Seelenhaut löschpapiertrockene Frau, die ihre ganze Umwelt kontrollierend in sich aufgesogen zu haben scheint und im Kommandoton lauter Tintenklecksfragen stellt: „Wo warst du letzte Nacht, Mutter?“ und die Alte dabei mit einer großen Zellophanplane peitscht, dieses harsche Mädchen, das den Liebhaber der Mutter umzubringen helfen und die Mutter in den Tod treiben wird, das über seinen hochgeschlossenen schwarzen Anzügen seine Haare trägt wie einen seidig-strähnigen Stahlhelm und in scheppernd enervierendem Ton höchste Erregung mit kühlstem Roboter-Gekrächz mischt - dies arme Ding heißt hier an der Berliner Schaubühne im Jahr 2006: Ulrike.

Im Jahr 458 vor Christus hieß sie noch Elektra und war die treibende Figur in der „Orestie“ des Aischylos, die gemeinsam mit ihrem Bruder Orest den Mord rächt, den ihre Mutter Klytaimnestra zusammen mit ihrem Liebhaber Aigisth am kriegsheimkehrenden Gemahl Agamemnon beging. Elektras Rache hieß: Muttermord - für Gattenmord. Am Ende entsühnen die Götter den Gatten- und Muttermord durch die Installation des Rechtsstaats. Die „Orestie“: das Drama einer Verfassung. Elektra - ein unsterblicher Paragraph.

Es bleibt in der Familie

Im Jahr 1931, in Eugene O'Neills tragödischer Trilogie „Trauer muß Elektra tragen“, heißt Elektra dann Lavinia, und Klytaimnestra heißt Christine, Agamemnon heißt Ezra Mannon, Orest heißt Orin, Aigisth heißt Adam Brant. Das Drama spielt 1865 am Ende des amerikanischen Bürgerkriegs, aus dem Ezra heimkehrt.

Lavinia haßt ihre Mutter und liebt ihren Vater und ihren Bruder, denen sie mehr als nur Schwester und Tochter sein möchte, und liebt außerdem den Liebhaber der Mutter, der als Sohn eines verstoßenen Onkels, der sich einst mit einer scharfen Sklavin einließ, ebenfalls vetternmäßig zur Familie gehört. Orin aber liebt Mama abgöttisch, die er dem Liebhaber nicht gönnt, so daß er ihn abknallt, nachdem Mama den Papa, der sich als „lüsternes Tier“ nach seiner Heimkehr auf ihrem Körper bequem gemacht hatte, mit einem Gift von der Angina Pectoris zum Tode geholfen hatte. Am Ende bleibt Brüderlein und Schwesterlein nur noch der Inzest, den der Selbstmord des Orin gerade noch verhindert.

Jeder Satz, jede Figur schmeckt nach Kolportage

Die Atriden des Aischylos rasen bei O'Neill wider ihre Triebstaumauern und zerbersten dort unter Hinterlassung von etlichen fetten Sauerkitsch-Flecken. Aber bevor einer zerbirst, erklärt er noch genau, was mit ihm los ist, daß er oder sie Mami oder Papi halt zu lieb gehabt hat und daß es ein Fluch ist mit den Neurosen. Es ist, als ob Sigmund Freud eine Groschenroman-Version seiner psychoanalytischen Schriften illustriert hätte (und alle Fußnoten gleich mit). Lavinia - eine sterbliche ödipale Zicke.

Und nun in der Fassung der Schaubühne und des Regisseurs Thomas Ostermeier heißt Elektra alias Lavinia also Ulrike. Sproß einer alten Ex-Nazi-Familie namens Papenberg. Die Mutter heißt immer noch Christine, der Vater aber Ulrich (Inzest mit Ulrike schon im Namen!). Er ist Fabrikherr und führt „da drunten“ irgendwo schmutzige Kolonialkriege. Orest alias Orin heißt Christoph, Adam Brant heißt Georg Brandt (wie Willy). Dessen Vater, der ominöse arme Onkel, wurde einst verstoßen und denunziert und ins Exil gezwungen, weil er mit einer Jüdin geschlafen hatte. Die Welt, die der Bühnenbildner Jan Pappelbaum dieser furchtbar konstruierten Familie gebaut hat, ist eine große, kühle gläserne Schiebetür über schwarzlackiertem Podium, das sich langsam, von Zimmer zu Zimmer, dreht. Man schläft auf Futons, sitzt in Barcelona-Chairs, trinkt Whisky, spielt Golf, drischt mit dem Putter-Eisen Mamas Liebhaber das Hirn aus dem Schädel. Jede Szene, jeder Satz, jede Figur schmeckt bei Ostermeier sofort nach Kolportage.

Schlankes Fernsehformat aus fetten Schmock-Atriden

Der Kitsch wird zum Prinzip. Der Ton aber ist heruntergefahren auf ein völlig undramatisches Alltagsmezzoforte unangestrengter Konversation. Das Abstruse, an den Psychoanalysehaaren Herbeigezogene des Dramas von O'Neill erklärt Ostermeier kurz und intelligent zur allerlässigsten Normalität. Er nimmt die Dinge beim Wert, den sie sich selber geben, nicht bei der Bedeutung, die sie haben könnten. So wird aus „Trauer muß Elektra tragen“ nicht „Trauer muß Ulrike tragen“, sondern „Die Papenbergs - Eine Seifenoper“. Oder auch: „Elektra - Wege zum Mord“. In der Art. O'Neills fette Schmock-Atriden haben bei Ostermeier schlankes Fernsehformat. Er ist kein Weiter- und Umdichter des O'Neill. Er ist hier ein: Erträglichmacher. Ein Untertreiber. Er geht unter dem Stück durch. Und trifft es gerade dadurch in seinen Kern. Der Theatergott segne ihn.

Ostermeiers Kern nämlich heißt nicht: verfluchte Familie. Oder: verdammter Trieb. Er heißt: einsame Menschen. Katharina Schüttler als Ulrike-Elektra zum Beispiel ist als Tochter-Kommandeuse der Familie immer auch die Erfrorene, als Verhörspezialistin immer auch die kindisch Trotzige, als Papa-Liebkind immer auch die Masochistin, als Bruder-Geliebte immer auch diejenige, die darauf achtet, daß man ihr das Lieblingsspielzeug nicht wegnimmt. Ein Mensch, dessen schrille Enervierungen daher rühren, daß er niemand hat, der mit ihm redet. Die Schüttler zelebriert sozusagen einen monologischen Haß: Die Hexe aus Verzweiflung, die sich hinter aller Rücken tückisch verklemmt und mit Wortgiftpfeilen um sich scheppert. Die vollkommene Klischeefigur einer Seifenoper kommt hier zu ihrer vollkommenen Wahrheit.

Eine Eissternschnuppe, erfroren in Familienhitzen

Noch zwingender funktioniert diese Seifenopernerleuchtung bei Susanne Lothar als Mutter Christine. Die frustrierte, verzweifelt Liebe suchende Kitsch-Frau macht sie zur strähnigen, wie mit Entsetzensaugen Löcher in die Eisluft brennenden Puppenfee. Von ihrem Ödipödischnödi-Sohn, den Rafael Stachowiak immer an der Grenze zum debilen Bubi-Monster entlangtaumeln läß, wird sie betatscht, als sei sie eine Gummistatue aus dem Erotik-Shop. Staunend, entsetzt, verletzt, hingerissen.Von ihrem Mann, den Thomas Thieme im Zweireiher-Embonpoint als leisen, gefährlichen Diktator des Lebens und der lieblosen Liebe spielt, der derart in Abgründe hineinseufzt, daß es als Bestiengeheul drunten wiederhallt, läßt sie sich besteigen wie eine Märtyrerin des Sex.

Jeder Griff geht ihr ans Herz. Aber ihr Herz liegt unter Panzerglas, dessen Risse und Splitter ihr durch Augen und Kopf zu geistern scheinen. Susanne Lothar, die Extremschauspielerin mit den sanften Mitteln, fügt ihrer Darstellung großer, scheu abscheulich faszinierender Frauengestalten (von Lulu bis Blanche Dubois) eine zutiefst berührende hinzu: eine Eissternschnuppe, erfroren in Familienhitzen. Jede Frage nach Fluch und Schuld und Trieb verschwindet. Die Tatsachen sind überwältigender als alle Motivationen. Und Susanne Lothar ist an diesem Abend die Königin der Tatsachen.

Sie können nur noch herumspielen, nicht mehr begreifen

Nach Christines Selbstmord legen Ulrike und Christoph sie auf den Boden, benutzen sie als Golf-Hindernis, spielen mit der Leiche zynisch Ball. Die völlig aus allem Gewissen und aller Moral geworfenen bösen, traurigen Kinder können nur noch herumspielen. Nichts mehr begreifen. Ihr Verhängnis ist auch nur eine Seifenoper. Ihr Ausweg also der Wahnsinn. Christoph-Orest regrediert zum neurotisch jaulenden Unterhosenheini, der sich Großvaters SS-Uniformjacke überzieht, bevor er sich selbstmorden geht. Ulrike-Elektra wird zur Zicke, die unter den Bildern der Nazi-Väter, die da so präpotent kitschig von der Wand dräuen, hyperventiliert. Und an zu viel schlechter Luft wahrscheinlich irgendwann erstickt.

Dies alles ist im Grunde Quark. Der Regisseur aber entdeckt im Quark kühl und keß die Sahneseifenhäubchen, die „Mensch“ heißen. Er hat da was getroffen. Der Theatergott segne ihn. Für diesmal.

Die nächsten Aufführungen:

Samstag, 11. März
Sonntag, 12. März
Montag, 13. März
Dienstag, 14. März

Sonntag, 19. März
Montag, 20. März
Dienstag, 21. März

Quelle: F.A.Z., 06.03.2006, Nr. 55 / Seite 35
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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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