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Berliner Schaubühne Sexarbeiterinnen tretet an zum Theaterdienst

14.12.2010 ·  In der Berliner Schaubühne inszeniert Volker Lösch den Klassiker von Frank Wedekind frei als „Lulu - Die Nuttenrepublik“. Neben der von einer Schauspielerin besetzten Titelheldin spielt ein gutes Dutzend Sexarbeiterinnen mit. Keine leichte Aufführung.

Von Irene Bazinger
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Ist Frank Wedekinds „Lulu“ ein Stück für Männer oder für Frauen? Nach der herkömmlichen Lesart eher eines für Männer, denn die Titelheldin wird darin als mordsgefährliches und eben dadurch umso begehrenswerteres Lustobjekt gezeichnet. Sie ist vor allem, was die Herren der Schöpfung in sie hineinprojizieren - und weiß diese Phantasien perfekt zu nutzen. Weil sie sich zwar bezahlen, aber nicht kaufen lässt, wird sie am Ende umgebracht.

In der Berliner Schaubühne hat Volker Lösch nun „Lulu - Die Nuttenrepublik“ als ein Stück für Frauen inszeniert, indem er die Titelheldin außer mit der Schauspielerin Laura Tratnik mit einem guten Dutzend Sexarbeiterinnen besetzt. Diese Theaterlaien haben praktische Erfahrungen als erotische Fotomodelle und Tänzerinnen, Pornodarstellerinnen, Stripperinnen, Prostituierte, Tantra-Masseusen, Escort-Ladys und Puffmütter. Ihre zumeist im Chor vorgetragenen Berichte aus dem Rotlicht-Milieu, über ihre Tätigkeiten dort und wie sich die auf ihr Privatleben auswirken, haben die Funktion, Lulu und ihre Nachfolgerinnen als autonome Subjekte zu zeigen. Von Frank Wedekinds Drama bleibt in der sehr freien Version bis auf die Fabel und einige Textpassagen wenig übrig. Doch seine „Monstretragödie“ über Liebe, Triebe, Hiebe und den Dienst am Mann überzeugt trotzdem.

In den eingefügten Abschnitten sprechen die Frauen sachlich und offen über Geld und Gewalt, ihre Ängste und ihre Freier, über die Diskriminierungen und Heucheleien einer Gesellschaft, die sie einerseits braucht, andererseits ächtet. Die Kostümbildnerin Carola Reuther hat ihnen elegante, dezent farbige Kleider angezogen, auf denen gepixelte Schatten Brustwarzen und Schamhaar andeuten - mithin genau das Kerngebiet, auf das ihre uninspirierten Kunden sie reduzieren. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne entblößen sich allerdings nur die Männer, die als egomanische und aufgeblasene Fieslinge karikiert werden.

Wie bei Wedekind, so ist auch bei Volker Lösch die ganze Welt ein skurriles Bordell, in dem alle menschlichen Beziehungen vom Marktgesetz entstellt und von der vorwiegend spießbürgerlichen Moral schöngefärbt sind. Die schmale Spielfläche wird in Cary Gaylers Bühnenbild nach hinten mit einer Wand aus über tausend weißen Kopfkissen begrenzt. Durch sie strecken die Sexarbeiterinnen am Anfang kokett ihre Beine, ehe sie heraustreten, zurückschlüpfen, wiederauftauchen. Während Lulu von einem Kerl zum anderen und über Leichen geht, wird die Geschichte von ihnen mit eigenen Erlebnissen ergänzt und konterkariert.

Eigentlich möchte man ihnen nicht zuhören (“Es ist eine Arbeit wie jede andere / der beste Job, den man so haben kann / für 'ne kurze Zeit“), aber man muss es, denn die Stimmen sind zu zahlreich - und authentisch. Zusammen mit der stets wie in höheren Regionen schwebenden Laura Tratnik als Lulu, der schrillen Luise Wolfram als Gräfin Geschwitz sowie Sebastian Nakajew, Felix Römer, David Ruland und Nico Selbach als geile Gefolgschaft bilden sie ein distanziert anrührendes Ensemble. Zu viert massakrieren die Männer am Schluss als Jack the Ripper übrigens nicht bloß Lulu, sondern sämtliche Frauen.

Zwischen den Szenen wird das Licht gedämpft und warm. Als öffne ihnen die Musik - von Schostakowitsch über Patti Smith bis Rammstein - einen wundersam luftigen Freiraum, tanzen Lulu und ihr jeweiliger Liebhaber oder die Damen dann unbeschwert und selbstironisch. Damit lässt die Inszenierung bei aller Parteilichkeit zugunsten der weiblichen Menschheit doch noch eine kleine Utopie im Kampf der Geschlechter offen. Und wenn zu guter Letzt die Sexarbeiterinnen vor der zusammengekrachten Kissenmauer stehen und amüsiert-inbrünstig ein Manifest „für eine befriedigte Welt“ verkünden, scheinen sie Wedekinds große Tragödie auf ihre Art erlöst zu haben.

Keine leichte Aufführung, obwohl sie beherzt-unbekümmert daherkommt. Zu deren anstößigem Sujet bemerkte schon Alfred Polgar: „So ist das Leben . . . Möge man sich darüber bei Gott beschweren, nicht bei Wedekind.“ Und, mit Verlaub, auch nicht beim couragierten Regiemeister Volker Lösch.

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