Eine grüne Welle schwappt über die Bühne. Danach eine weiße, blaue, rote, das sind die Hirten, Schafe, Nymphen, Piraten. Tatsächlich handelt es sich aber um zweihundertundacht in flammend-wallende Gewänder gesteckte Kinder zwischen zwölf und achtzehn Jahren, von denen einige aus problematischen sozialen Verhältnissen stammen sollen: Rowdys aus Pankow, Kopftuchmädchen aus Kreuzberg, Oberschüler und Gymnasiasten. Sie alle haben sechs Wochen lang trainiert, um die Anmut des Laufens im Rudel zu erlernen. Und nun strömen sie auf die Bühne der Arena in Berlin-Treptow und bilden herrlich anzuschauende Ornamente der Masse zur Musik von Maurice Ravels "Daphnis et Chloé".
Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker legen das zartbitter antikisierende Aquarell, wie sie es auch bereits im Festkonzert zur Eröffnung der MoMa-Ausstellung dargeboten hatten, als eine Option auf die Zukunft aus: Farbintensiver, vitaler hat man diese Musik selten gehört, dichter an den Beats von Strawinsky als am Tombeau für Couperin. Dazu biegen sich Berlins Schulkinder wie junge Bäume im Sturm, wenden unverhofft wie Stichlingsschwärme, fließen organisch wie Wolkenformationen, nicken wie reifes Getreide, legen sich büschelweise nieder wie Wiesengras.
Zurück, zurück zur Natur! Das ist wohl kein schlechter Arbeitstitel zum Verständnis dieses manierierten Schäferstücks, auch wenn nicht gerade ein nachvollziehbar organisiertes Handlungsballett dabei herausgesprungen ist. Je größer nämlich der Spiel-Raum, desto kleiner wird der Bewegungsradius für den Choreographen. Und der verengt sich noch dadurch, daß die angeborene Menschensehnsucht nach musikdurchflossener Körperbewegung normalerweise nicht berücksichtigt wird vom Lehrplan allgemeinbildender Schulen und sich erst viel später wieder im Diskofieber halbwegs kanalisiert.
Schlagender Beweis für Rattles These
Mehr als ein Schnupperkurs "Eurythmie für alle" kann sowieso nicht herausspringen bei diesem "Education"-Projekt No. 12 der Berliner Philharmoniker. Aber das ist schon unerhört viel: ein Erfolg, der keineswegs nur diejenigen erleuchtet, die dabeigewesen sind. Der Film "Rhythm Is It", den Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch beim vorjährigen "Sacre"-Projekt drehten, dokumentiert auch die charismatische Ausstrahlung und Vorbildfunktion des philharmonischen "Education"-Projekts, wozu die Tanz-Produktionen nur die spektakuläre Spitze des Eisbergs abgeben. Bezwingend die Ernsthaftigkeit, die grenzüberschreitende Professionalität, mit der sich Spitzenmusiker einlassen auf eine Arbeit mit Kindern, ohne sich pädagogisch von oben "herabzulassen".
Schlagend beweist sich Rattles These, daß Musik kein Luxus und Zeitvertreib, vielmehr Grundbedürfnis aller sei. Und unübersehbar, daß Richard McNicol, Chef des philharmonischen "Education"-Teams, einfach nur immer wieder recht hat, wenn er die versteckte Energie kindlicher Kreativität heraufbeschwört. "Wir verstehen Musik besser, wenn wir versuchen, selber zu musizieren", sagt er und komponiert mit Grundschülern eine eigene Raummusik, angeregt durch György Kurtágs "... quasi una fantasia".
Dies ist das dreizehnte "Education"-Projekt. Folgt im März No. 14 mit Bartóks "Wunderbarem Mandarin", angeleitet von dem Maler Florian Foerster und dem Dirigenten Pierre Boulez. Werden folgen Projekt No. 15 mit Messiaen, Strawinsky und dem Haus der Kulturen der Welt. Sowie Projekt No. 16 mit Händel, der Gemeinde Buch und dem Dirigenten Nicholas Kraemer. Anleitung zum Selbermachen, Freisetzung bester Kräfte. Dies ist der gerade Weg heraus aus dem musikpädagogischen Mief.