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Veröffentlicht: 08.01.2009, 08:54 Uhr

Berliner Philharmoniker im Netz Unruhe auf den gar nicht billigen Plätzen

Die Berliner Philharmoniker ließen zum ersten Mal eines ihrer Konzerte im Internet übertragen. Soll sich das neue Marketinginstrument durchsetzen, muss ein Publikum von Internetskeptikern überzeugt werden. Beginnt eine neue Ära der Musikwahrnehmung?

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© AP Chefdirigent Simon Rattle ist neuen Vermarktungsstrategien offen

Kartenabreißen war früher. Jetzt loggt man sich ein. Und zwar in der Digital Concert Hall, kurz: di-ßi-äidsch, der Berliner Philharmoniker. Das geht so: Am Computer die Seite http://dch.berliner-philharmoniker.de aufrufen, dann die eigene E-Mail-Adresse eingeben, Passwort festlegen, Anmeldeformular ausfüllen mit Name, Adresse, Land und gewünschter Sprache, einen Videostreamtest durchführen, dann bestätigen, dass man einen Videostreamtest durchgeführt und die allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptiert hat; nun das Internetportal verlassen, um im eigenen E-Mail-Fach den Eingang einer Bestätigungsnachricht zu bestätigen durch den Klick auf einen unten angegebenen Link, der einen wieder zurück auf die Website der DCH führt; jetzt die Entscheidung für ein Online-Ticket oder ein Saison-Abonnement treffen, wobei man unter Live-Konzerten, Archiv und musikalischen Bildungsporträts wählen kann; dann zur Kasse, zahlen (9,90 Euro für ein Einzelkonzert, 149 Euro für ein Abo von 30 Konzerten), fertig. Kartenabreißen war leichter.

Jan Brachmann Folgen:

Am 6. Januar haben die Berliner Philharmoniker zur offiziellen Einweihung ihrer DCH unter ihrem Chefdirigenten Simon Rattle ein Konzert gegeben, das man erstmals in beiderlei Gestalt zu sich nehmen konnte: in traditioneller Realpräsenz oder am Computer in Digitalpräsenz mit gelenktem Blick durch fünf Fernsehkameras. Die Berliner Philharmoniker – das Orchester mit Zukunftskompetenz. So fahrlässig wie der Schallplattenskeptiker Wilhelm Furtwängler („Weiß ich denn, was die Leute anstellen, während sie meine ‚Eroica‘ hören?!“) will man nie wieder sein.

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Ohne hochgerüsteten Rechner geht nichts

Mit ihrer Internet-Konzerthalle, die den Zugang von jedem technisch angemessen bestückten Ort der Erde ermöglicht, gehen die Berliner Philharmoniker in die Offensive. Alle bisherigen Angebote bleiben dahinter zurück. Im Jahr 2006 etwa hat das Leipziger Gewandhausorchester damit begonnen, auch unveröffentlichte Konzertmitschnitte als iTunes zum Herunterladen anzubieten. Das Label Decca steht Pate. Die New World Symphony, das von Michael Tilson Thomas geleitete Jugendorchester, stellt Filme von Proben, Workshops und Meisterklassen ins Netz. Die Carnegie Hall nutzt das Internet für Podcasts mit Künstlerporträts (etwa von Thomas Adès oder Susan Graham) und für einen begrenzten Nutzerkreis in Videokonferenzen zwischen Schulklassen, die Musik anderer Kulturkreise kennenlernen wollen.

 Furtwängler 02 © dpa Vergrößern Wilhelm Furtwängler sperrte sich schon gegen die Produktion von Schallplatten

Hat der Vorstoß der Philharmoniker Aussicht auf Erfolg? Etwa 2500 Menschen sollen das Konzert am Dienstag per Internet verfolgt haben: besonders viele in Deutschland, Japan und Kolumbien. Das sind etwa genau so viele Menschen, wie in der Philharmonie selbst Platz finden. Zunächst wird es wohl auch bei wenigen Nutzern bleiben, weil man einen hochgerüsteten Rechner braucht. Ohne DSL geht gar nichts, und selbst da sollte man schon über den gegenwärtigen Höchststandard verfügen, wenn man nicht Bilder sehen möchte, die stets um einige Zehntelsekunden der Musik hinterherhumpeln. Zudem braucht man ordentliche Boxen, um sich daheim nicht wie vor dem Kofferradio zu fühlen.

Ein Publikum von Internetskeptikern

Zweitens besteht das Publikum im Marktsegment „Klassik“ überwiegend aus Internetskeptikern. Als im Januar 2008 die Plattenfirma Harmonia Mundi ihr fünfzigjähriges Bestehen feierte, kommentierte ihr Gründer Bernard Coutaz erfreut die neuesten Marktforschungsergebnisse aus Frankreich und Großbritannien: „Im Klassikmarkt lag der Umsatzanteil via Internet bei gerade einmal zwei Prozent. Die meisten möchten eben doch ein physisches Objekt mit Musik zu sich nach Hause nehmen.“ Daher war der Umsatzeinbruch bei CD-Verkäufen längst nicht so dramatisch wie im Pop.

Doch Menschen ändern sich langsam, und vielleicht wächst dann der Einfluss der Digitalisierung auf unser Hören und Sehen. Vielleicht wird, wer am Computer groß wurde, enttäuscht sein, wenn er beim Besuch der echten Philharmonie den Dirigenten nur recht klein sieht. Vielleicht wird er sich überfordert fühlen, mit eigenen Augen die Stimmführung nachzuzeichnen, wo er sich darauf verlassen gelernt hat, dass eine Kamera die Piccoloflöte herauszoomt. Vielleicht wird er aber auch eine ganz andere Freiheit entdecken: etwa jene, sich beim Anfang des Adagios aus Brahms’ zweiter Symphonie nicht mit dem Kamera-Blick auf die Celli beschränken zu müssen, sondern gleichzeitig die wichtigen Fagotte beobachten zu können. Vielleicht wird er es schätzen lernen, in der Pause mit anderen Besuchern ins Gespräch zu kommen, sich von gemeinschaftlicher Begeisterung anstecken zu lassen, den Dirigenten nach Berliner Übung am Ende herauszurufen, wenn das Orchester das Podium verlassen hat.

Wachsender Abstand

All diese Formen der Rückkopplung sind in der digitalen Konzerthalle gänzlich ausgeschaltet. Doch anderes kann an ihre Stelle treten: Web-Blogs beispielsweise, in denen über Aufführungen diskutiert wird, weil sie jetzt zeitunabhängig zugänglich sind und erste Eindrücke sich überprüfen lassen. Das global verstreute Publikum wäre in der Lage, Urteile abzugeben, die ein höheres Artikulationsniveau erreichten als das Händeklatschen. Das setzt aber eine hohe Kenntnis der Technik-Nutzer voraus und vor allem eine Erfahrung, die außerhalb der digitalen Welt gemacht werden muss. Verlassen wir uns nur auf die Digitalisierung, wächst unser Abstand zu den materiellen Erzeugungsbedingungen von Musik bald so sehr, wie das bei Lebensmitteln schon der Fall ist. Irgendwann wird ein Konzertbesuch so exotisch sein wie Ferien auf dem Bauernhof, und wir bestaunen das echte Geigen bald so ungläubig wie das Melken einer Ziege.

Glosse

Die sanfte Tour

Von Edo Reents

Für das richtige Maß an männlicher Vollkommenheit reicht die vertraute Nassrasur längst nicht mehr aus. Aber rasieren die neuen Hightech-Wunder mit Aloe Vera überhaupt noch? Was wollen sie von uns? Mehr 3

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