Home
http://www.faz.net/-gs3-p9mg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Philharmoniker Froh wie tausend besungene Sonnen

29.08.2004 ·  Nur wenn Dirigent und Orchester offenkundig eine Seele, ein Herzschlag und ein Atemzug sind, können sie sich solche Exaltationen leisten: Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker eröffnen die Saison.

Von Eleonore Büning
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Es ist zwar noch nicht so weit, daß seine Melodien vom kleinen Mann auf der Straße nachgepfiffen werden, wie es sich Arnold Schönberg einst erträumte. Doch immerhin: Heutzutage kann man schon von größeren oder mittelgroßen Männern, etwa vom Bundespräsidenten oder von Vorstandsmitgliedern der Deutschen Bank oder aber dem Bürgermeister Berlins, erwarten, daß sie ein Thema, das mit einem Tritonus beginnt, gegebenenfalls wiedererkennen, eine knappe halbe Stunde strenge Dodekaphonie aussitzen und - wer weiß - vielleicht sogar im stillen genießen.

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker eröffneten am Wochenende die Saison in der Philharmonie mit Schönbergs Orchestervariationen op. 31. Der Chefdirigent der Philharmoniker, dessen Vorliebe für die pflegeleichte musikalische Soft-Moderne à la Turnage oder Dun in seiner ersten philharmonischen Spielzeit schon programmnotorisch genannt werden kann, setzte mit der Wahl dieses Schönbergschen Stücks zum Auftakt der zweiten Spielzeit ein neues Signal. Es gibt nicht nur den Ehrengästen eine Nuß zu knacken. Rattle reiht sich damit auch ein in die philharmonische Ahnentafel: Denn die Variationen op. 31, worin erstmals die Zwölftonmethode mit den Möglichkeiten eines großen Symphonieorchesters konfrontiert wurde, waren im Dezember 1928 in der alten Philharmonie, Bernburger Straße von Wilhelm Furtwängler und den Berliner Philharmonikern uraufgeführt worden.

Keine Sprachbarriere mehr

Damals stießen sie auf Protest und taube Ohren. Heute ist das zwölftönige Idiom, wie der Erfolg von "Lulu" oder "Moses und Aron" zeigt, keine prinzipielle musikalische Sprachbarriere mehr. Schönbergs Orchestervariationen sind mittlerweile schon fast ein Konzertsaalklassiker geworden, schließlich kommen sie dem an Brahms-, Beethoven-, Mozart- oder Haydn-Variationen geschulten Hörer mit einer traditionsfundierten Formgliederung entgegen, die klar, leicht durchhörbar und trotz ihrer Knappheit und Komplexität dank meisterhaft raffinierter Instrumentation auf Anhieb nachvollziehbar ist - ja, sich, wie Schönberg selbst es am Beispiel des in Vorder- und Nachsatz geteilten Themas erläuterte, "in einiger Zeit, wenn diese Musik nicht mehr so befremden wird, als Auffassungsbehelf bewähren wird".

Es ist ein Vergnügen und eine Lehre zugleich, diesem Werk nun wiederzubegegnen in einer souveränen, energiegeladen beschwingten und dem Schönklang jedes Einzelinstruments nachhorchenden Interpretation der Berliner Philharmoniker. Deutlich heben Rattles feinzeichnend fordernde Hände die in der Nebenstimme versteckte Verbeugung vor Kontrapunktväterchen B-A-C-H heraus. Das Hauptthema selbst erklingt im charakteristisch rötlich-warmen, elastischen Tonfall der herrlich homogenen Philharmoniker-Cellogruppe vertraut wie ein Lied ohne Worte von Brahms.

Rattle kommt zur Sache

Melodisch und/oder rhythmisch bleibt es sich treu, quer durch die filigranen Kanons, den beschwingt-schnellen Walzer, die lehrstückhaft zugespitzte "türkische Musik" der neun Verwandlungen bis hin zur prächtig aufrauschenden Bach-Verklärung im Finalsatz. Nach der Pause allerdings legt Rattle das klassizistische Karajan-küßt-Furtwängler-Kostüm wieder ab und kommt zur Sache: Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 9 d-Moll erklingt in einer verblüffend schnellen, frechen, lockeren Rattle-Lesart. Ob nun die Neunte unbedingt zur Spielzeiteröffnung taugt oder nicht, diese Frage erledigte sich schon nach wenigen Sekunden von selbst.

Das Eröffnungsallegro kommt daher mit quecksilbrig wechselnden Geschwindigkeiten, mit prachtvoll pfauenartiger Klangentfaltung und zugleich einer dampfplaudernden Federleichtigkeit, als handele es sich um eine Rossinische Festouvertüre. Nur mit einem Spitzenorchester wie diesem kann es sich ein Dirigent leisten, solcherart agogische Einbrüche und blitzartig durchstartende Accelerandi vorzugeben. Nur wenn Dirigent und Orchester offenkundig eine Seele, ein Herzschlag und ein Atemzug geworden sind, können sie sich solche Exaltationen leisten. Vor allem die Ecksätze: Der Eröffnungssatz, das Chorfinale wirken überwältigend in ihrer potenzstrahlenden Lebensfreude. Auch der Scherzo-Satz in seinem Kontrastreichtum überzeugt. Nur ausgerechnet der Adagio-Satz fällt eher ab, ihm fehlt noch das letzte Auswölben der inneren Spannungskurve.

Das Fliegen gelernt

So lernte der von Simon Halsey einstudierte Rundfunkchor Berlin tatsächlich von dem Orchester wieder das Fliegen, froh wie die besungenen Sonnen. Die Solisten dagegen - Christiane Oelze, Birgit Remmert, Jonas Kaufmann und John Releya - waren, wie das neuerdings Mode ist, wieder einmal hinter dem Orchester postiert und gingen streckenweise darin unter. Man spielte in großer Besetzung und in amerikanischer Aufstellung: acht Kontrabässe, dreißig Violinen.

Simon Rattle, der wie ein Chamäleon offenbar je nach Hintergrund die musikalische Farbe wechseln kann und erst kürzlich mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment einen "Ring"-Zyklus mit historischen Instrumenten begonnen hatte, setzte sich damit entschieden ab von der klein besetzten, an historischer Spielweise orientierten "Kammermusik"-Fassung der Neunten, wie sie zuletzt sein Vorgänger Abbado mit dem Orchester unternommen hatte. In dieser Woche starten die beiden Dream-Teams Schönberg/Beethoven und Rattle/Philharmoniker zu einer Reise einmal quer durch die letzten Festivalsommerwochen: In Salzburg, Luzern und London kann man sich darauf freuen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2004, Nr. 201 / Seite 45
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3