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Berliner Philharmoniker : Das Volk säuft, kopuliert und revoltiert

Schmetterlingsflügelzartes Solo vor dem Gegenschlag: der Geiger Christian Stadelmann. Bild: Monika Rittershaus

Verstrahlt von der Atom-Mafia: Die Berliner Philharmoniker brillieren unter Simon Rattle mit György Ligetis ulkig ernster Anti-Anti-Oper „Le Grand Macabre“.

          Charlie Brown und Snoopy sitzen am See. Charlie: „Eines Tages müssen wir alle sterben.“ Seufz. Darauf Snoopy: „True, but on all the other days we will not.“ Das ist große Literatur. Es macht Mut, es macht auch einen kleinen Diener vor Heinrich Heine, der dem am Meer stehenden Fräulein versprach, die Sonne komme anderntags wieder zurück, was wiederum den ungarischen Komponisten György Ligeti, seit 1956 im Exil, dazu bewogen hat, Mitte der Siebziger, als der Vietnam-Krieg gerade zu Ende ging, eine große abendfüllende „Anti-Anti-Oper“ zu schreiben zum Thema Sterben. Das beginnt mit einer Kakophonie von Autohupen, steigert sich zu Explosionen, Exekutionen, Insinuationen, Provokationen, serviert auch Koloratur, Kanon, Choral, Geschrei, Geplärr und Geräusch, bis es, ganz im Sinne Snoopys, mit den Worten endet: „Fürchtet den Tod nicht, gute Leut! Irgendwann kommt er, doch nicht heut!“

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Diesen Reim tragen alle Sänger, auch jene, die zuvor als widerwärtige Unmenschen den unmenschlichsten Widersinn hinausposaunt hatten, gemeinsam an der Rampe vor als sprichwörtlich „guote lêre“, wie im Vaudeville-Finale eines Singspiels der Mozartzeit. Ligetis „Grand Macabre“ hat gewiss auch Züge eines politischen Zeitstücks. Doch zugleich ist es eine surrealistische Parabel: In einem ruinösen, korrupten, verlotterten Breughel-Land - das könnte überall liegen oder auch nirgendwo - wütet der Tod. Kometen stürzen auf die Erde, weiße Pferde rasen durchs Orchester, die Mächtigen streiten, saufen und kopulieren, das Volk säuft, kopuliert und revoltiert. Doch weil sich der Tod, der Bariton singt und Nekrotzar heißt, besäuft bis zur Bewusstlosigkeit, kann der Weltuntergang nicht stattfinden.

          Unverschämt ulkig und blutig ernst

          Einige pathetische Agit-Prop-Stilmittel, die einst modern waren, haben zwar inzwischen Staub angesetzt. Doch „Le Grand Macabre“ ist so komplex gebaut und so barock überladen, zugleich so leicht durchhörbar; originell erfunden, geistreich instrumentiert; so tief verwurzelt in den Formenwelten und Klangreden der Tradition, so erfrischend bissig, raffiniert zitatreich, unverschämt ulkig und blutig ernst, dass jede Generation sich einen neuen Reim darauf machen kann. Bis heute ist dieses Meisterwerk nicht aus den Spielplänen verschwunden.

          Jetzt haben sich erstmals die Berliner Philharmoniker dran gewagt. Oder vielmehr: Sir Simon Rattle. Und der bat Peter Sellars, der „Le Grand Macabre“ schon einmal für die Salzburger Festspiele inszeniert hatte, in Berlin Regie zu führen, und suchte sich eine exquisite Sängercrew zusamen: Das reicht von Frode Olsen, der schon bei der Uraufführung von „Le Grand Macabre“ dabei gewesen war, über Heidi Melton, die geschmeidige, junge amerikanische Wagnerröhre bis zu Anna Prohaska, dem unfehlbaren, süßen Sopran-Mädchen für alles.

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