20.01.2009 · Ein oberster Dienstherr, der Intendanten aus der Hüfte heraus feuert, Entscheidungen hinter geschlossener Senatstür und eine desinteressierte Öffentlichkeit: Ein Gespräch mit dem Opernregisseur Hans Neuenfels über den desolaten Zustand der Berliner Opernhäuser.
Berlins Opernstiftung war anfangs ein guter Sparstrumpf, noch besser funktioniert die Konstruktion jetzt als Bremsklotz für Kreativität. Was vor allem daran liegt, dass der oberste Dienstherr, Kultursenatorbürgermeister Klaus Wowereit, gern aus der Hüfte heraus feuert und heuert. Letzte Bewegungsmeldung: Der fast befugnisfreie Posten des Opernstiftungsgeneraldirektors wurde umbesetzt. Auf Stefan Rosinski (früher Bühnenservice) wird Peter F. Raddatz folgen (zurzeit geschäftsführend an der Oper Köln). Außerdem soll Salzburgs Festspielchef Jürgen Flimm schon Ende des Jahres die vakante Intendanz an der Staatsoper Unter den Linden übernehmen, worüber sich das Kuratorium in Salzburg sehr aufgeregt hat. Opernregisseur Hans Neuenfels, der zuletzt in Berlin eine „Traviata“ inszenierte, findet die Zustände an den Opernhäusern der Hauptstadt noch viel skandalöser. Entscheidungen fallen hinter geschlossenen Senatstüren, während das Thema „Oper in Berlin“ die Öffentlichkeit nicht mehr die Bohne interessiert.
Herr Neuenfels, Sie inszenieren in Berlin nur noch an der Komischen Oper. Warum?
Die anderen Opernhäuser haben mich nicht gefragt. Außerdem inszeniere ich gern da.
Freuen Sie sich, dass jetzt Ihr alter Freund Flimm die Leitung der Lindenoper übernimmt?
Sollte diese Entscheidung eine reine Verwaltungsentscheidung sein, dann ist sie schlecht. Sollte es aber sein, dass hier ein Mann mit Erfahrung und einiger Erlebnislust sagt: „Ich haue die letzten Jahre meines Lebens noch mal auf den Putz und versuche, etwas Neues aufzuspüren“, fände ich das natürlich großartig. Woher soll ich aber wissen, was Flimm vorhat? Ich bin weder sein Berater noch sein Psychiater.
Angenommen, Flimm will wirklich nur seinen Vorruhestand in Berlin genießen . . . Das wäre doch auch okay! Ein tüchtiger Theaterdirektor, der den Umzug der Lindenoper ins Schillertheater organisiert – mehr ist doch nicht gefragt. Vermutlich kann Flimm sogar eine zünftige Kehraus-Party daraus machen. Und wenn dann die Staatsoper Unter den Linden fertig renoviert ist, ist auch der Zeitpunkt gekommen, dass Generalmusikdirektor Barenboim reif wird für den Ruhestand. Die beiden Senioren ziehen sich zurück, machen Platz für was Neues, voilà . . .
Mir scheint, liebe Frau Büning, Sie sind genügsam geworden. Was Sie Kehraus nennen, das würde doch mindestens fünf Jahre dauern, und hinterher heißt es dann auch noch: „die Flimmära“. Rechnen wir vier Neuinszenierungen an der Lindenoper pro Jahr (was nicht mal viel ist), dann entstehen zwanzig neue Opernproduktionen in dieser Zeit. So ein Potential kann man doch nicht einfach verplempern!
Viel Spielraum für neue Ideen bleibt Flimm sowieso nicht. Die Lindenoper ist eingebunden in Koproduktionen mit der Scala, der Met und Wien. Außerdem wünscht sich Daniel Barenboim noch mal einen neuen „Ring“, speziell zugeschnitten auf die Umzugsphase . . .
Eine tolle Idee! Da kann man mal sehen, wie sich aus einer Notlage eine Bereicherung ergeben kann, wenn man nur ein bisschen mutig nach vorne denkt. Ein Wagnerorchester passt ja nicht mal richtig in den Graben vom Schillertheater, und dann steht zwei Querstraßen weiter die Deutsche Oper: groß genug für Wagner, aber voller Kleinmut, Zaghaftigkeit, Konzeptionslosigkeit, Inkompetenz.
Klingt so, als hätten Sie noch ein Hühnchen zu rupfen mit Kirsten Harms . . .
Sie meinen wegen der „Idomeneo“-Geschichte? Quatsch. Das ist verjährt, eine Panne unter vielen. Es sind ja nicht nur die Fehler der Intendantin Harms offenkundig, es ist ein ganzes Team, das da versagt hat, wie für jedermann einsehbar ist. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass es nicht mal Punkteabzug gibt für kapitalste Kunstfehler. Das ist wie bei einem Arzt, der den Blinddarm einfach nicht finden kann, aber alle Kollegen gucken betreten weg. Irgendwann muss doch mal jemand die Kraft aufbringen, zu sagen: „Liebe Frau Harms, nein, das hier ist nicht der Blinddarm, es ist die Gallenblase.“ Man könne neuerdings Anzeichen der Verbesserung erkennen, habe ich jetzt in einer Berliner Zeitung gelesen, deshalb möge man doch bitte ihren Vertrag noch mal zwei Jahre verlängern. So etwas ist verantwortungslos! Und wenn es tatsächlich dazu kommt, dann ist das auch eine hohe Verantwortungslosigkeit seitens der Kulturpolitik.
Aber wenn außer Harms niemand den Job haben will? Kulturstaatssekretär André Schmitz geht seit Monaten vergeblich hausieren für die Deutsche Oper . . .
Als Verantwortlicher kann er aber einen so wichtigen öffentlichen Posten nicht pragmatisch mit der Begründung vergeben: Ich finde gerade nichts Besseres, nehme ich also, was übrigbleibt. Das darf in einem demokratischen Verfahren nicht vorkommen. Außerdem bin ich überzeugt, dass es Leute genug gibt in der deutschen Opernlandschaft, die das Zeug dazu hätten, ein Haus wie die Deutsche Oper wieder flottzumachen. Man könnte ein neues Team finden rund um den neuen GMD Donald Runnicles. Die Stadt müsste nur wollen. Ich nenne Ihnen keine Namen.
Gut, dann nenne ich ein paar: Georges Delnon hat abgesagt, Pamela Rosenberg hat abgesagt, Roland Geyer und Serge Dorny sollen auch abgewinkt haben. Es geht offenbar nicht. Die Deutsche Oper ist schwer vermittelbar . . .
Was soll das heißen: Es geht nicht? Das ist so, als würde man sagen: „O weh, der deutsche Roman ist tot!“, nur weil man ein oder zwei miese Schriftsteller kennt und obwohl sich rundherum die herrlichsten Bücher türmen, wunderbare Romane, großartige Autoren. Ich selbst arbeite als Regisseur frei und öffentlich. Wer mit meiner Arbeit nicht zufrieden ist, der engagiert mich nicht mehr. Nach meiner „Aida“ in Frankfurt habe ich sechs Jahre lang kein Engagement mehr bekommen.
Dafür steht heute in allen Opernhandbüchern: Neuenfels erfand mit „Aida“ das Regietheater.
Das ist auch Quatsch. Aber ich frage mich: Warum soll mein Risiko für andere Opernschaffende nicht auch gelten? Ich erinnere mich, wie der heute so berühmte Tenor Jonas Kaufmann mal vorgesungen hat an einem Theater und nicht genommen wurde. So etwas kommt vor in allen Theaterberufen, das macht sie so traumhaft, aber eben auch wackelig. Wenn man mit dieser Wackeligkeit nicht leben kann, sollte man besser keinen Theaterberuf ergreifen. Wer aber ernsthaft sucht, der findet schon einen Intendanten, einen Generaldirektor, einen GMD, ja, sogar Tenöre lassen sich finden, obwohl das sicher mit das Schwierigste ist.
Was sollte der Kultursenator tun?
Herr Wowereit sollte endlich, wie sich das anderswo bewährt hat, eine Findungskommission einsetzen oder seinen Staatssekretär mal auf Reisen schicken, damit der nicht nur auf Einflüsterungen anderer angewiesen ist. Die Rahmenbedingungen für so eine Kommission sind klar: Aufgabe, Etat, Struktur der Deutschen Oper, das Haus und sein Ensemble, die Probenräume, das alles sind Fixposten, sogar die Kantine ist kürzlich renoviert worden. Das ist alles da. Was fehlt, ist der Geist. Es müsste also eine Gruppe gebildet werden von Leuten, die eine einigermaßen geistreiche Vorstellung davon haben, was Oper sein kann im idealen Fall. Die sich nicht die Frage stellen: Wen können wir praktisch kriegen, wem können wir einen Gefallen tun, wie nutzen wir die Häuser als Spielstätten. Sondern die sich fragen: Was soll Musik und Theater in einer Stadt wie dieser bewirken, was will ich hören und erleben?
Wen würden Sie einladen in so eine Findungskommission?
Sie und mich natürlich. Und Klaus Zehelein.
. . . vielleicht noch einen Manager und einen Musiker?
Okay, nehmen wir Stefan Soltesz dazu . . .
. . . und Andreas Mölich-Zebhauser. Viel vorzuschlagen hätten wir aber nicht. Es gibt ja nur noch diesen einen Posten an der Deutschen Oper zu besetzen. An der Komischen Oper und an der Lindenoper sind personalpolitisch längst alle Weichen gestellt.
Stimmt nicht! Sie denken schon wieder wie die Politiker nur noch in Legislaturperioden. Sie können doch nicht einfach den Jetztzustand überspringen. Oper findet heute Abend statt, jeden Abend. Klare Rechnung: Bevor Barrie Kosky 2012 Intendant sein wird an der Komischen Oper, hat Andreas Homoki noch drei Jahre hier zu tun. Drei Jahre, das sind mindestens 15 neue Produktionen. Für Homoki gilt also das Gleiche wie für Flimm. Flimm kommt 2010 und geht 2015. Es kann nicht angehen, dass die beiden nur pro forma die Sachen regeln. Aber wenn die Findungskommission jetzt die falsche Entscheidung trifft und sich das Mittelmaß an der Deutschen Oper fortschreibt, dann müssen sich die beiden ja auch gar nicht weiter anstrengen, sie können immer sagen: Wir haben mehr Auslastung, bessere Kritiken als die da drüben in der Bismarckstraße. Nur wenn es dort ein neues Kraftfeld gibt, dann kann auch eine „Berliner Dramaturgie“ entstehen, wie es sich für ein Potential von drei Opernhäusern in einer Großstadt eigentlich ziemt.
Wie sieht die aus, die „Berliner Dramaturgie“?
Oper ist einzigartig insofern, als es durch die Musik möglich wird, nicht nur Emotionen, sondern auch Erkenntnisse schärfer zu fassen als in anderen Kunstsparten. Es gab mal zwei exemplarische Modelle dafür, wie Oper als Erkenntnisform für eine Gesellschaft funktionieren kann, und zwar in Frankfurt und in Stuttgart. Und so individuell verschieden die Regisseure dieser Ära sind und waren, sie hatten alle eines gemeinsam. Ruth Berghaus zum Beispiel und ich haben sehr unterschiedlich gearbeitet, aber wir waren uns darüber im Klaren, dass wir immer zuerst wissen müssen, was hinter den Noten passiert. Das galt auch für Klaus Michael Grüber und andere. Eigentlich ist dies die alte felsensteinsche Frage, die da lautet: Warum singt der Mensch in dieser Situation? Warum kommt an dieser Stelle eine Fuge, warum hat diese Kantilene einen so langen Bogen und so weiter. Das sah bei Ruth dann so aus und bei mir völlig anders. Doch der erste Gedanke war, von der Musik ausgehend, der gleiche: Wie packt man das an.
Sie sprechen von der Frankfurter Dramaturgie der „Gielenära“ und der Stuttgarter Dramaturgie unter Zehelein. Lange her. Wollen Sie damit sagen: Früher war es besser?
Nein, das ist ein schlimmer Satz. Der geht gar nicht. In dem Augenblick, wo man so denkt, weiß man schon, es ist mit mir bald vorbei.
Aber Ihre Liste zeigt doch klar: Am Ende hängt es an Personen.
Ja, genau. Das meine ich. Die richtigen Personen müssen her. Solche Leute findet man auch heute noch unter den jüngeren Regisseuren und Dramaturgen. Es fehlt ja nicht an Begabung an der Basis. Es fehlt an kompetenter Befassung mit der Sache Oper in den oberen Etagen unserer Gesellschaft, wo die Entscheidungen fallen. Oper ist kein reiner Vergnügungswert. Allein, dass in einer Weltstadt wie Berlin der Bürgermeister gleichzeitig als Kultursenator auftritt, zeigt die niederschmetternde Nicht-Schätzung dessen, was Kultur bedeutet.