17.02.2009 · In Berlin wurde zur Diskussion über die Situation der städtischen Opern geladen und heraus kam ein Schaulauf der Stagnation: Gérard Mortier versteht die Seele der Stadt nicht, Jürgen Flimm will kein Babysitter sein und der Leiter der Opernstiftung sagt die Pleite für 2013 voraus.
Von Jan BrachmannEine Diskussion, die etwas in Bewegung bringt, hätte es werden sollen. Ein Schaulaufen der Stagnation ist es geworden. „Aufbruch und Ärgernis – Die Situation der Berliner Opern“ war eine vierstündige Tagung überschrieben, zu der die Zeitschrift „Opernwelt“, die Stiftung Zukunft Berlin und die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste am Montag ins Berliner Radialsystem eingeladen hatten. Seit der Wiedervereinigung ist Berlin mit seinen drei Opernhäusern keinen Schritt vorangekommen.
Das Geld reicht nicht. Wie sollte es auch, wenn Berlin seinen Kulturhaushalt von 1991 bis heute halbiert hat, worauf Alice Ströver von Bündnis 90/Die Grünen hinwies? Und wie sollen die Häuser die Tarifsteigerungen für das nichtkünstlerische Personal bezahlen, wenn das Land Berlin dafür nicht aufkommt? Die Verträge aber schreiben fest, dass sich die Tarife für Mitarbeiter in der Opernstiftung an jenen des öffentlichen Dienstes orientieren sollen. Es muss also mehr Geld in den Betrieb, sagte Monika Grütters von der CDU.
Die Seele der Stadt verletzt
Man hatte übers Telefon Roland Geyer, den Intendanten des Theaters an der Wien, zugeschaltet, der mit Erfolgsbilanzen seines Hauses glänzte, das 2006 als dritte Oper der österreichischen Hauptstadt eröffnet wurde. Aber dieser Vergleich ist für die Berliner Situation völlig nutzlos, da in Wien die Staatsoper und die Volksoper vom Bund bezahlt werden und sich nur Geyers Haus in städtischer Trägerschaft befindet. Berlin hingegen muss den Löwenanteil für seine drei Musentempel allein aufbringen.
Die Berliner Opernstiftung sei auch völlig nutzlos, meinte Gérard Mortier, Intendant der Pariser Oper, weil sie die Verantwortung von den Kulturdezernenten auf die Stiftungsdirektion und damit nur einen Puffer zwischen Politik und Kunst schiebe. Mortier plädierte erneut für eine Fusion von Staatsoper und Deutscher Oper, die Verschlankung der Orchester auf zweimal 96 Musiker und des Chores auf 130 Sänger. Aber da verkennt dieser Technokrat und Ästhetizist des globalen Opernwesens völlig, dass es lokale Traditionen und familiäre Bindungen gibt, die eine politische Dimension besitzen. Barbara Kisseler, Vertreterin des Berliner Senats, sprach mit gebotenem Pathos davon, dass Schließungen oder Fusionen „die Seele der Stadt verletzen“ würden. „Seele“ und „Stadt“ scheinen jedoch bei Mortier keine Kategorien zu sein.
Spätestens 2013 pleite
Mehr zum Unterhaltungswert trug Jürgen Flimm bei, der klarstellte, er sei nicht gekommen, um Daniel Barenboim an der Staatsoper zu umhegen. „Ich bin als Intendant engagiert. Das werden Sie schon merken. Für einen Babysitter bin ich zu alt.“ Andreas Homoki, Intendant der Komischen Oper, sprach angesichts der Vorwürfe, die Intendanten seien politisch wenig kooperativ, durchaus mit Recht von „dummem Gequatsche“, „verlogenem Diskurs“ und steigerte sich rhetorisch von einem Exkrement ins andere. Stefan Rosinski prophezeite für 2013 die Pleite der Opernstiftung, die er noch sechs Monate leitet. Und so hatte man sich doch gegenseitig wieder viel Missmut gemacht.