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Jazzfest Berlin : Ein Sideman wird zum Chef

  • -Aktualisiert am

Cool klöppeln: Tyshawn Sorey beim Auftritt im Haus der Berliner Festspiele Bild: Daniela Wittenberg/360-Berlin

Mit dem Drummer Tyshawn Sorey im Zentrum öffnet sich das Jazzfest Berlin verschiedenen Improvisationsstilen - und liegt damit genau richtig. Nur aus Thelonious Monk Unterhaltungsmusik zu machen, war keine so gute Idee.

          Es mutet fast kurios an, dass das Jazzfest Berlin in seiner vierundfünfzigjährigen Geschichte noch nie einen Artist in Residence ernannte. Umso bemerkenswerter ist es, dass nun die erste Wahl auf einen Sideman fiel, den Schlagzeuger Tyshawn Sorey. In vier Konzerten konnte der 37 Jahre alte Amerikaner beeindruckend unter Beweis stellen, dass ihn der britische Festivalkurator Richard Williams zurecht auserkoren hatte. In Soreys Spiel manifestiert sich nämlich aufs Trefflichste das Motto des diesjährigen Jazzfests, „In All Languages“, denn der Drummer spricht tatsächlich viele verschiedene musikalische Sprachen.

          Bereits in seinem ersten Konzert destruierte Sorey alle landläufigen Klischees von einem klassischen Jazz-Piano-Trio. Kaum je schlug er durchgängige Beats, die, wenn überhaupt, meist der Kontrabassist Chris Tordini produzierte, während Sorey auf einem üppigen Perkussionsset mit großer Trommel, Vibraphon und Gongs feine Klangfarben erzeugte. Wie ein Maler mit zügigen Pinselstrichen glitt er mit verschiedenen Schlägeln über die Felle und Metalloberflächen, deren Sounds sich auf wundersame Weise mit den zarten Klavier- und Glockenspielklängen des Pianisten Cory Smythe zu vermischen begannen. So wirkte das meist dunkle, flächige Spiel dieses Trios eher wie ein intensives Nachdenken darüber, welche Klangmöglichkeiten dieser klassischen Besetzung bislang auf der Strecke geblieben waren in der Geschichte des Jazz, um dadurch eingeschliffene Rezeptionshaltungen gründlich zu hinterfragen.

          Komplexe Rhythmen - und trotzdem Swing

          Näherte sich das erste Triokonzert improvisatorisch der Klangwelt der neuen Musik, so erfüllte ein zweites Trio Soreys weit eher die Erwartungen von vorwärtstreibenden Grooves: Doch auch die Stücke der Saxophonistin Angelika Niescier, die beim Jazzfest mit dem diesjährigen Albert-Mangelsdorff-Preis ausgezeichnet wurde, verwandelten sich durch das Spiel Soreys, der die komplexe Rhythmik oft fragmentierte und dennoch den Eindruck eines durchgängig swingenden Beats erweckte. Ein Glücksfall für die Preisträgerin, mit Sorey und Tordini musizieren zu dürfen, zumal ihr eigenes Spiel bei aller Virtuosität oft die innere Dringlichkeit vermissen ließ. Da gelang dem Berliner Saxophonisten Gebhard Ullmann, der alle Facetten des freien Spiels von feinen Klangerkundungen bis zu expressiven Ausbrüchen demonstrierte, ein weit glaubhafterer Dialog bei seiner ersten Begegnung mit dem amerikanischen Drummer.

          Chris Tordini, Angelika Niescier und Tyshawn Sorey (von links) beim Konzert zur Mangelsdorff-Preisverleihung

          Ein ähnliches Problem wie Niescier begleitet auch den Pianisten Michael Wollny seit dem Beginn seiner steilen Karriere: Seiner klug kalkulierten Spielintelligenz fehlt oft jenes Moment, das im Jazz immer wieder als „Spirit“ beschworen wird. Gemeint ist damit weniger die Gospeltradition als Wurzel des Jazz, als vielmehr die Fähigkeit, innere Überzeugungen mit einer so selbstverständlichen Glaubhaftigkeit musikalisch vermitteln zu können, dass die Zuhörer förmlich mitgerissen werden. Man kann Wollny, der in seinem Solokonzert über musikalische Motive der Romantik zwischen Schumann und Schubert improvisierte, sicherlich zugutehalten, dass er in den letzten Jahren viel an verinnerlichter Intensität gewonnen hat. Aber restlos überzeugen konnte sein Auftritt, trotz sehr schöner Klangmomente beim Spiel im Inneren des Klaviers, noch nicht.

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