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Berliner Ensemble Grün ist Deutschlands Unglück

Elfriede Jelinek hat an ihre nationalistische Textflächenmontage „Wolken. Heim.“ von 1993 einen zweiten, neuen Flügel angebaut: „Und dann nach Hause.“ Und Claus Peymann hat eine Laubfroschsägearbeit daraus gemacht.

© AP Vergrößern Der Oberfrosch fängt an: Szene aus „Wolken. Heim. Und dann nach Hause”

Die Wurzelkinder sind wieder da. Früher ruhten sie in einem wunderschönen Bilderbuch aus dem letzten Jahrhundert hübsch gezeichnet unter der Erde, krochen im Frühling in kurzen, kecken Kleidchen unter den Wurzeln hervor, malten Blumen bunt an, streuten Samen, ließen wachsen und gedeihen, tanzten und ernteten und spielten und krochen im Spätherbst müde, aber zufrieden wieder unter die Erde.

So brachte man uns als Kindern die Jahreszeiten bei. Wir dachten, wir hätten die Wurzelkinder vergessen, schon deshalb, weil die Jahreszeiten und die Zeiten überhaupt ziemlich durcheinandergeraten sind und die Wurzeln zerrissen aus der Erde ragen.

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Jeder mal seine Verwurzelung vorzeigen

Aber jetzt, im Berliner Ensemble, treffen wir die Wurzelkinder wieder. Der Bilderbuchregisseur Claus Peymann - wer sonst? - hat sie mit einem einzigen Buntstift ausgemalt: einem grünen. Seine Wurzelkinder liegen unter einer grasschmutzgrünen Decke in einem langen, perspektivisch verengten Schacht, der auf ein klitzekleines, auswegloses Fensterchen zuläuft und mit einem grasschmutzgrünen Wandbehang verkleidet ist, der herniederleuchtet auf grasschmutzgrüne Stühle, Truhen, Grubenhelme und eben auch auf vierzehn Wurzelkinder in grasschmutzgrünen Fräcken, Strümpfen, Schuhen, auch Haaren zum Teil, die manchmal sogar zu Punk- oder auch Struwwelpeter-Frisuren getürmt sind. So sind die rohen Wurzelkinder in einer schicken Stadttheaterrumpelkammer des Bühnenbildners Achim Freyer gelandet.

Hier wirken die alten Bilderbuch-Natürlichen wie aufgebrezelte Laubfrösche, die prätentiös im Chor (sechs Laubfroschdamen, acht Laubfroschherren) und immer wie mit abgespreiztem Gestus-Finger an irgendwelchen Wortleitern hochklettern, die ihnen von Peymann und von der Textflächenmonteurin Elfriede Jelinek, die ja völlig zu Recht keine Dramatikerin sein möchte, hingehalten werden mit der Aufforderung: Allez hopp! Jeder mal seine Verwurzelung vorzeigen! Unter dem wurzeligen Titel "Wolken. Heim. Und dann nach Hause."

Ein Theater ist doch keine Hüpfburg!

Da aber Laubfrösche keine Wurzeln, nur kleine Blähhälse und ansonsten alles in den Hüpfgelenken haben, wirken sie hier merkwürdig verblasen. Als hätte Peymann sie anderswo liebevoll ausgesägt und einfach hierhintransferiert, an den absolut falschen Platz. Denn schließlich ist ein Theater keine Hüpfburg.

Da nun aber Peymanns Laubfrösche, die er aus Elfriede Jelineks Textflächen herausgesägt hat, die keine Figuren, keinen Punkt und kein Komma kennen, aber nationalistische, typisch deutsche, tiefe, sentimentale, ausländerhassende, inländerliebende Laubfrösche preisgeben, die dauernd mit Hölderlin, Kleist, Heidegger, Fichte und Ulrike Meinhof auf alles, "was nicht wir sind" und "nicht bei uns zu Hause ist", wortmäßig einprügeln - kann man nach diesem Abend aus dem Berliner Ensemble soviel mit nach Hause nehmen: Grün ist offenbar ein Unglück für Deutschland. Denn es ist hier eindeutig die Komplementärfarbe zu Braun.

Theatralisch stimmt hier nichts, politisch alles

Denkt man an das Unheil, das Grün sowohl im älteren chlorophyllverseuchten deutschen Liedgut wie in der neueren deutschen Gutmenschen-Politik angerichtet hat, könnte man dem Peymann bewundernd attestieren, daß er nun einmal wirklich das aufgebracht hätte, wovon er sonst immer nur in Interviews schwadroniert: den Mut, den gerade Herrschenden, also dem Grün, "ein Reißzahn im Hintern" zu sein. Auf jeden Fall stimmt an diesem Abend theatralisch nichts, politisch aber alles. (So oder so.)

Schon "Wolken. Heim. Und dann nach Hause", die Textvorlage der Elfriede Jelinek, ist literarisch ein Quark, politisch aber ein Brüller. Sie verwendet Hölderlins "Hyperion" von 1797, der für ein freies griechisches Ideal-Vaterland kämpft und "hinauf zu dir Liebes" schwärmt. Und gebraucht Fichtes "Reden an die Deutsche Nation" von 1808, der von etwas noch gar nicht Vorhandenem, von Napoleon Besetztem und Ausgebeutetem, streng träumt. Und schaufelt Kleists "Penthesilea" aus derselben Zeit herbei, die "einen Schacht aus Erz" in sich hineingräbt und dort ein "vernichtendes Gefühl" hervorholt.

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