Home
http://www.faz.net/-gs3-t0qx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Admiralspalast Doch die Macken sieht man nicht

08.08.2006 ·  Berlin entdeckt einen seiner schönsten Vergnügungspaläste neu. Der Admiralspalast soll an diesem Freitag mit Brechts „Dreigroschenoper“ eingeweiht werden. Aber noch ist die Premiere ungewiß.

Von Heinrich Wefing
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Immer noch, auch bald siebzehn Jahre nach dem Mauerfall, kann man in Berlin auf verwunschene Orte stoßen, auf vergessene Räume, vor sich hin dämmernde Höfe. Immer mal wieder kommt man an Türen in vernarbten Fassaden vorbei, die meist verschlossen sind, doch plötzlich, eines Tages, stehen sie offen. Man schlüpft hinein, in eine muffige Dunkelheit, und steht nach ein paar Schritten, als sei man in eine Zeitschleuse geraten, in einer bröckelnden Ruine, einem aufgelassenen Saal, einem leeren Theater. Weiße Flecken im Gedächtnis der Stadt, aufgeladen mit Geschichten, aber stillgestellt durch irgendwelche Erbstreitigkeiten, Konkurse oder schlichtes Desinteresse.

Auch der Berliner Admiralspalast, denkbar prominent gelegen an der Friedrichstraße, freilich dort, wo sie noch ruppig und ungemütlich ist, war lange ein solcher Ort hauptstädtischer Amnesie. Nur aufmerksamen Augen fielen die kolossalen Fassaden des 1910 erbauten, damals größten „Vergnügungspalasts" der Kapitale auf, der zuletzt das „Metropol-Theater" beherbergte, bis das 1998 geschlossen wurde und auch der Bau des Architekten Heinrich Schweitzer nur haarscharf dem Abriß entging.

Hoffen auf die Premiere

Nun hat Berlin, nach fast zehn Jahren Dämmerschlaf, den Admiralspalast wieder, oder zumindest dessen bestes Stück, den großen Saal. Am Freitag soll dort - vielleicht - Brechts Dreigroschenoper in der Inszenierung von Klaus Maria Brandauer aufgeführt werden, vorausgesetzt, alles geht gut, was zuletzt mehr als ungewiß war. Der Palast rings um den Theatersaal ist eine Baustelle, die Behörden zögerten lange, ob sie den Bau freigeben, und über all die Wirrnisse, Verzögerungen und Preissteigerungen zerstritten sich Bauherren und Produzenten heftig. Eine typisch Berliner Baustelle also, und keine sonderlich guten Vorzeichen dafür, daß das Glück, diesen Saal wieder im Glanz seiner Lichter und Stukkaturen zu sehen, von langer Dauer sein wird.

Aber wer weiß? So viel schon hat dieses Haus gesehen, immer neue Tänzerinnen, immer neue Revuen, römische Bäder und allerlei Ausschweifungen, aber auch den Händedruck zwischen Grotewohl und Pieck, der den Zwangszusammenschluß von SPD und KPD symbolisch besiegelte. Lang spielte auch die Staatsoper hier, bis ihr kriegszerstörtes Stammhaus Unter den Linden wieder aufgebaut war, schließlich übernahm die Operette.

Radikale Verjüngungskur

Für die neuerliche Bespielung ist der Unterhaltungskomplex nach Plänen der Architekten Gewers, Kühn und Kühn noch einmal kräftig umgebaut worden, mit Diskothek, „Grand Café" und Lounge hübsch zeitgerecht aufgepeppt. Der große neoklassizistische Saal mit seinen drei Rängen hingegen blieb erfreulich unberührt von solchem Modernisierungszwang. Nur die Loge in prominenter Mittellage, die erst „Führerloge" war und dann den Chefgenossen des Politbüros besten Ausblick garantierte, wurde mit Zustimmung der Denkmalpflege vermeintlich demokratischeren Idealen geopfert. Im übrigen blieb der Saal, wie ihn Paul Baumgarten 1939 geschaffen hat - derselbe Architekt übrigens, der Jahre zuvor die Villa von Max Liebermann am Wannsee gebaut hatte, nach 1933 aber rasch zum führenden Theaterarchitekten der Nationalsozialisten aufstieg. Ein ruhiger, imposanter, beinahe strenger Raum, der noch die Mitte hält zwischen eisiger Erstarrung und theatralischer Dynamik, in mattem Gelb und Stuck und roten Sesseln ein geradezu klassischer Theatersaal.

Der Admiralspalast ist wieder da. Das ist allemal ein Geschenk. Und doch fällt es schwer zu glauben, daß er seine besten Zeiten noch vor sich hat.

„Die Dreigroschenoper“ von Bertold Brecht im Admiralspalast, Berlin.

Geplante Vorstellungen: 11. August bis 24. September 2006 um 20.00 Uhr

Quelle: F.A.Z., 09.08.2006, Nr. 183 / Seite 34
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3