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Berlin zu Gast in New York : Yes, that's Berliner Luft

Berlin stellt sich vor: Aufführung der Carnegie Hall Bild: CARNEGIE HALL

Nostalgie mit kleiner und großer Nachtmusik: Gestern ging in New York das Riesenfest „Berlin in Lights“ zu Ende - mit Botschaftern von Daniel Kehlmann bis Max Raabe. Was wissen die New Yorker jetzt von Berlin? Von Jordan Mejias, New York.

          Ein alter Kinopalast hoch droben im Norden von Manhattan, halb Alhambra, halb Versailles. Auf der Bühne ein gutes Hundert Schüler aus Harlem, rennend, springend, zuckend, quirlend, vor Leidenschaft geradezu bebend. Ihnen zu Füßen eine Superband, die Berliner Philharmoniker. Am Pult ein grauer Lockenkopf, der unerschütterliche Simon Rattle. Im Programmangebot Strawinskys „Sacre du printemps“, das Skandalstück, dargeboten vor zwei-, dreitausend nicht unbedingt klassikerfahrenen New Yorkern. Das Ergebnis? Ein Ereignis. Eine musikmissionarische, Kunst-, Kultur- und Nationalgrenzen durchbrechende Sensation. Jubel ohne Ende.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Zwei Auftritte der Philharmoniker im ungewohnten Rahmen am oberen Broadway bildeten den berauschenden, bewegenden Abschluss eines Veranstaltungsmarathons, wie er auch in New York nicht alltäglich ist. Siebzehn Tage lang bekam Berlin Gelegenheit, sich den New Yorkern in schmeichelhaftestem Licht zu präsentieren. Nicht überall, aber in vielen Ecken und Winkeln der Stadt war Berliner Luft zu schnuppern, nirgendwo aber mehr als in der Carnegie Hall, die das Fest ausrichtete, zusammen mit Partnern wie der American Academy in Berlin, dem Goethe-Institut, dem Konsulat, New Yorker Museen und amerikanischen Rundfunk- und Fernsehanstalten.

          Kein angemessenes Bild

          Mit der Carnegie Hall und den Philharmonikern im Brennpunkt war „Berlin in Lights“ gleichwohl kein rein musikalisches Ereignis. Berlin kam als Fotoausstellung nach New York, war im P.S.1 Contemporary Art Center in Queens als vierzehnteilige Installation von Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ zu erleben, richtete sich im Museum of Modern Art ein, wo deutsche Spielfilme, von „Lola rennt“ bis „Das Leben der Anderen“, gezeigt wurden. Und doch bemängelte in der „New York Times“ John Rockwell schon im Voraus, dass die Berliner ohne Oper, ohne Tanz, ohne Theater, ohne Kunst kämen, dass das Ganze also kein angemessenes Bild von der historischen Komplexität und der gegenwärtigen Vitalität der Stadt böte. Womit er nicht ganz unrecht hatte. Aber wenn es auch keine Megakunstausstellung gab, wurde über Kunst zumindest gesprochen, und ebenso standen Literatur, Architektur und sogar Politik immer wieder zur Debatte.

          Mitglieder des Philharmonischen Bläserquintetts bei der Heilsarmee in Chinatown
          Mitglieder des Philharmonischen Bläserquintetts bei der Heilsarmee in Chinatown : Bild: AP

          Das war vor allem der American Academy in Berlin zu verdanken, die ihre Debattenrunden zum ersten Mal vor New Yorkern ausprobierte. Der Zulauf war enorm, alle Veranstaltungen waren ausverkauft. Die elegante ältere Dame im pinkfarbenen Kostüm, die dann beim Schriftstellerplausch neben mir sitzt, ist zwar nicht wegen Berlin, sondern wegen Nicole Krauss gekommen. Eine bessere Propagandistin als die junge amerikanische Schriftstellerin hätte sich Berlin aber gar nicht wünschen können. Während ihrer drei Monate an der American Academy am Wannsee, sagt sie, habe sie sich so richtig am Leben gefühlt. Sie schwärmt von der dynamischen Kultur der Stadt, von ihrem frischen, so gar nicht zynischen Blick auf alle Dinge. Hat das jeder miesepetrige Berlinverächter jetzt notiert? Gebannt blickt die elegante Dame durch ihr Opernglas auf die Schriftstellerin, und als Jeffrey Eugenides bekennt, er habe sich in Berlin wie auf der Lower East Side gefühlt, lässt sie es sinken und blickt mich an, etwas verwundert.

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