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Oper in London : Botschaft aus dem königlichen Schlafgemach

Benjamins Oper erteilt im Covent Garden Lektionen der Grausamkeit. Bild: Stephen Cummiskey

In London wird die von Christopher Marlowe inspirierte Oper „Lessons in Love and Violence“ von George Benjamin uraufgeführt. Es brodelt vor Gewalt und Sinnlichkeit.

          In der britischen Volksmythologie ist, nicht zuletzt dank Christopher Marlowes Tragödie „Die unselige Herrschaft und der klägliche Tod König Eduards II.“ verankert, dass der Monarch mit einem glühenden Eisenstab gepfählt wurde. Womöglich beruht diese durch Quellen überlieferte Schilderung auf Gerüchten, die gestreut wurden, um den Staatsstreich durch Anspielungen auf die Homosexualität des Königs zu rechtfertigen. In „Lessons in Love and Violence“, der von Marlowes Drama inspirierten, auf hundert Minuten komprimierten Nacherzählung des Umsturzes durch den Komponisten George Benjamin und seinen Librettisten Martin Crimp, die soeben an der Londoner Covent-Garden-Oper ihre szenisch und klanglich tadellos umgesetzte Uraufführung erlebte, bleibt dem Zuschauer die Darstellung der Schreckenstat erspart. Die eindringliche Symbiose von Wort und Musik brodelt jedoch vor Gewalt und Sinnlichkeit. Zarte, irrlichternde Passagen vermengen sich in glühendem Kolorit mit exotischen Cimbalom-Klängen, seltsam zirpenden Harfen und nervösen, tonmalerischen Crescendi.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Eduard wird nie beim Namen genannt, sondern lediglich als König bezeichnet, so wie dessen Sohn bloß als „Junge“, später als „junger König“ gekennzeichnet wird, um alles Spezifische zu vermeiden. Als Herrscher, der seinem manipulativen Günstling Gaveston verfallen ist, steht er für die Pflichtvergessenheit der Liebestrunkenen, aber auch für die Missachtung der Obrigkeit gegenüber dem Volk. Das Reich verkommt, die Menschen hungern, während der sich von dem wunderbar phrasierenden und artikulierenden Bariton Stéphane Degout verkörperte König wie ein verwöhntes Kind aufführt und dem Vergnügen frönt. Er will unbehelligt bleiben von Wirtschaft und Politik, von den „Mechanismen der regulierten Welt“ und in Musik und Poesie schwelgen.

          Unverblümte Homophobie

          Anlass für Mortimer, der ein ausgeprägtes Gespür für den leitmotivisch auftretenden Begriff von den „Mechanismen der Macht“ besitzt, sich mit der verschmähten Königin Isabella zu verbünden und die Zügel an sich zu reißen. Er ermordet den von dem ungarischen Bariton Gyula Orendt in seiner düsteren Rätselhaftigkeit erfassten Gaveston, zwingt den König zur Abdankung und setzt dessen Sohn als Marionettenherrscher ein. Es habe nichts mit der gleichgeschlechtlichen Liebe zu tun, das Gift sei die Liebe schlechthin, erklärt Peter Hoare als Mortimer mit klarer Tenorstimme gleich im ersten Satz der Oper, widerlegt sich aber selbst mit unverblümter Homophobie.

          „Lessons in Love and Violence“ ist das dritte gemeinsame Werk von Benjamin und Crimp. Nach Jahren, in denen der Lieblingsschüler von Olivier Messiaen die Hoffnung fast aufgegeben hatte, ein musiktheatralisches Werk hervorbringen zu können, wirkte die Begegnung mit dem Dramatiker, der sich durch seine Auseinandersetzung mit Facetten der Gewalt hervorgetan hat, auf den akribischen Komponisten wie die Befreiung von einer kreativen Blockade. Auf die Kammeroper, „Into the Little Hill“, eine moderne Bearbeitung der Sage vom Rattenfänger von Hameln, folgte vor sechs Jahren der Welterfolg mit „Written on Skin“. Die brutale Parabel über die transformative Wirkung der Kunst hat den Ruf des 58 Jahre alten Benjamin als eines der führenden zeitgenössischen Komponisten etabliert. Auf diesen Durchbruch bauend, haben sich in einem nahezu unübertroffenen Ausdruck des Vertrauens neben Covent Garden sechs weitere internationale Häuser an der Inszenierung von „Lessons in Love and Violence“ beteiligt.

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