28.07.2006 · Tankred Dorsts „Walküre“ hat Bayreuth den neuen „Ring“ noch nicht beschert. Man harrt noch der zwingenden Bilder für Ahnungen, Ängste, Hoffnungen. Immerhin erschien der zweite Auszug musikalisch besser ausgearbeitet.
Von Julia SpinolaInszenierungen, zu deren Legitimierung ausführliche dramaturgische Konzeptpapiere bemüht werden, die gar von einem ganzen Buch voller „Gedankensplitter, Reflexionen und Zitate“ sekundiert werden, stimmen grundsätzlich skeptisch. Mit dem Vertrauen in die szenische Überzeugungskraft scheint es hier nicht weit her zu sein.
So war es schon am letzten Bayreuther „Ring“ zu studieren, jenem vermeintlich politisierenden Ansatz von Jürgen Flimm, dessen verstreute Regieeinfälle sich trotz der Mitarbeit zweier theoriebeschlagener Wagner-Spezialisten nicht zur stimmigen Einheit fügen wollten. Bei Tankred Dorst, dessen Ideen zu Wagners Tetralogie man nun auch in einer Art Arbeitsjournal nachlesen kann, liegt der Fall ein wenig anders. Immerhin ist Dorst in erster Linie Schriftsteller und Dramatiker. Daß er seine Auseinandersetzung mit dem gewaltigen Stoff sprachlich fixiert, muß einem daher nicht gleich verdächtig erscheinen.
Eine blühende schriftstellerische Fantasie
Nach einem „Rheingold“, das einige interessante Suggestionen bereithielt, zeigt das szenische Ergebnis von Dorsts „Walküre“ nun jedoch auch, daß eine blühende schriftstellerische Fantasie nicht per se zur Opernregie befähigt. Die lokale Presse reagiert darauf lapidar mit dem Abdruck erläuternder Texte des Dramaturgen Norbert Abels. Die entscheidenden Fragen, die der insgesamt zwiespältige Abend offen ließ, kann freilich selbst Abels nicht beantworten.
Sie lauten: Warum steckt Nothung, das neidliche Schwert, nicht im Stamm der Esche, sondern in einem Telegraphenmast, der den Hundings ein Fenster zerschlagen hat und nun quer in den Salon einer Abbruchvilla ragt? Und warum stürmt das inzestuöse Geschwisterpaar, wenn Endrik Wottrich als Siegmund ohne Rücksicht auf notierte Tonhöhen sein „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ bellt, enthusiastisch einer Kraterlandschaft mit einem häßlichen „Starwars“-Planeten entgegen?
Dorst greift die gelegten Spuren nicht wieder auf
Der gesamte erste Aufzug wirkt beliebig, unfertig und ein wenig ratlos. Abgesehen davon, daß auch jetzt wieder ein paar ahnungslose, unsensible Alltagsmenschen die Szene betreten, ohne von den Dramen, die sich in diesen Mauern abspielen, etwas mitzubekommen, abgesehen von dieser Andeutung hermetisch gegeneinander abgeschirmter Parallelwirklichkeiten also, greift Dorst die im „Rheingold“ gelegten Spuren nicht wieder auf.
Siegmund tritt als der übliche, naturburschenhafte Waldzausel auf - leider eben auch mit entsprechend verwilderter Stimmkultur - und vermittelt auf diese Weise allenfalls davon ein deutliches Bild, wie vereinsamt die arme Sieglinde sein muß, wenn sie sich mit diesem ungehobelten Bruder einläßt. (Placido Domingo, der gefeierte Siegmund des Flimm-Rings, der die Aufführung von der Mittelloge aus verfolgte, wurde vom Publikum in der Pause mit begeisterten Bravo-Rufen begrüßt.) Hunding erstarrt in bedrohlichen Posen und dem monochromen, unkonturierten Timbre von Kwangchul Youn, dessen Fasolt am Vorabend noch wesentlich markanter geklungen hatte.
Zwei Menschen suchen verzweifelt beieinander Halt
Adrianne Pieczonka hingegen gab ihr Debüt als eine darstellerisch wie stimmlich begnadete Sieglinde, die mit leichtgängigem, facettenreichem Sopran so hingebungsvoll wie nuancenreich jede Seelenfalte der Partie ausleuchtete. Ihrer leidenschaftlichen Darstellung war es zu verdanken, daß der erste Aufzug am Ende doch noch ein wenig Glanz und Verheißung ausstrahlte. Anrührende Intensität gewann die geschwisterliche Beziehung dann im zweiten Aufzug, der insgesamt, auch musikalisch, wesentlich besser ausgearbeitet erscheint.
Während Thielemann voher das Tempo mitunter bis zum völligen Auseinanderfallen formaler Zusammenhänge überdehnte und dem Orchester kleine Unsauberkeiten unterliefen, wurde der Bogen nun symphonisch um einiges schlüssiger entfaltet. Thielemann trug die Sänger auf Händen, indem er die Dynamik oft erstaunlich zurücknahm, ihnen zarte Pianonuancen gönnte und die orchestralen Zärtlichkeitsgesten der Musik Siegmunds und Sieglindes einfühlsam modellierte. Dorst zeigt das Wälsungenpaar in einem Zustand heilloser symbiotischer Verfallenheit: Zwei Menschen suchen verzweifelt beieinander Halt.
Thielemanns Walkürenritt und Feuerzauber
Doch dann interpretierte Dorst auch die Beziehung zwischen Wotan und Brünnhilde in ähnlicher Weise. In der zweiten Szene des zweiten Aufzugs, deren lastend depressive Stimmung mit dem klagenden Unmutsmotiv der Celli über den geräuschhaften Tiefen von Baßklarinette und Fagotten von Anfang an sehr plastisch wurde, störten immerhin noch ein paar Ambivalenzen von erotischer Anziehung und Abstoßung das später allzu traut gezeichnete Vater-Tochter-Verhältnis. Daß Fricka sich aus Eifersucht vor Wotan bäuchlings in den Dreck wirft, scheint nicht unplausibel. Wohl aber ist es die Zögerlichkeit, mit der Wotan in einem großen Steinbruch schließlich den Feuerkreis um seine Lieblingswalküre entzündete, unentschlossen bis zum Schluß immer wieder zu ihr zurückkehrte, nicht von ihr lassen konnte, sie küßte, liebkoste und noch einmal küßte.
Das kam zwar der Kondition Falk Struckmanns entgegen, dessen Wotan im Schlußbild ein wenig die baritonalen Kräfte auszugehen schienen, verwandelte die Figur jedoch wenig glaubhaft in einen Weichling. Daß gescheiterte Despoten plötzlich ihr gutes Herz entdecken, hat man noch zu selten gehört. Glanzlos und beinahe schütter klangen auch Thielemanns Walkürenritt und Feuerzauber, die Sequenz auf Sequenz zu schichten schienen. Linda Watson immerhin war eine Brünnhilde von metallischer Strahlkraft, und auch ihre wehrhaften Schwestern sangen überwiegend mit angemessen voller, fokussierter Stimme.
Wotan der Wanderer mit zerbrochenem Speer
Eindrucksvoll gelang auch Wotans großer Monolog des Scheiterns, den Dorst suggestiv auf einem Schlachtfeld ausrangierter und gestürzter Heldenmonumente in Szene setzt. Ein großer Stein in der Mitte des Raumes verwandelt sich in einen riesigen Wotan-Schädel. Ein Doppelgänger erklimmt ihn: Wotan der Wanderer, in langem Mantel mit zerbrochenem Speer. Solche Visionen der Simultaneität verschiedener Zeitebenen, in denen Ahnungen, Ängste, Hoffnungen plötzlich szenische Leibhaftigkeit gewinnen, sind offenbar Dorsts Stärke. Hoffentlich werden „Siegfried“ und die „Götterdämmerung“ mehr von ihr zeigen.