03.06.2008 · Die Wagner-Festspiele drohen vom Gesamtkunstwerk zum Gesamtdesaster zu werden. Was ist zu tun? Bayreuth darf sich nicht umstürzlerisch reformieren, meint der Germanist Peter Wapnewski, doch auf neue Medien sollte es schon setzen. Und nicht auf schrille Vermarktungskünstler in der Festspielleitung.
Von Peter WapnewskiWagner macht dumm. Ich weiß, was ich sage. Denn ich habe es, verdrossen und enttäuscht, bei ungezählten öffentlichen und beschränkten Gelegenheiten erfahren müssen. Indes verlangt dieses grobschlächtig formulierte Urteil nach gehöriger Differenzierung. Es gilt jenen vielen, die, dem Ereignis Wagner begegnend oder ausgesetzt, die Augen schließen und den Verstand dazu. Die also jegliches kritische Denken blockieren, wo es um die rationale Erfassung des ästhetischen, kulturhistorisch-kulturellen und politischen Komplexes geht, den dieser Wagner nun einmal darstellt.
Dieser erwähnten Variante der Dummheit, zur Ideologie gesteigert durch selbst- und fremdbestimmte sogenannte Wagnerianer, ist gehörige wachsam-misstrauende Aufmerksamkeit zu schenken, wo es um wesentliche Veränderungen geht. Veränderungen von der Art, wie sie an einem der rüstigen unserer Stadttheater wohl an der Tages- und Jahresordnung stehen können - und mit denen man dort fertig wird unter begrenztem Aufsehen. Hier aber gilt's dem Welttheater, nämlich Bayreuth. Und also geht es um ein Stück Weltkulturerbe.
Gesamtkunstwerk oder Gesamtdesaster?
Was ist die Lage? Die Lage geht seit Jahren, seit Jahrzehnten auf dem grünen Hügel so vor sich hin, gelenkt von Beliebigkeit, Gewohnheit und Zufall. Es ist ein Gemeinplatz der Musikkritik, der feststellt, dass man heute überall in der Welt bessere Aufführungen der Werke Wagners erleben kann als an jenem Weiheort, dessen Bestimmung war, Vollkommenheit anzustreben und Vorbild zu sein. Und der dieser Aufgabe auch über Jahrzehnte hin nach Kräften gerecht wurde. Nun aber weiß man seit Generationen, dass das Gesamtkunstwerk droht, zum Gesamtdesaster zu degenerieren. Die Kunst des Gesangs verstummt bis zur hörbaren Unzulänglichkeit, und wie es um die Demonstration der Wunderopern auf der Bühne steht, begreift man, seit nur noch der erinnernde Hinweis auf den sogenannten Jahrhundertring trösten will.
Was ist zu tun? Vor allem muss das Tun jenen entzogen werden, die im Schutz selbstgebastelter Kulissen dunklen Einfluss suchen und finden und deren Zuständigkeit, ob nun legitimiert oder nicht, im erwähnten Sinne der Dummheit verpflichtet ist. Das ganze uns werte Festspiel muss einer kritischen Totalrevision ausgeliefert werden. Bayreuth als Idee und ihre Materialisation sollten jedoch nicht umstürzlerisch sich selbst entfremdet werden. Es muss nur besser werden, wenn es sich gerecht werden soll. Eine interimistische Leitung sollte sich, bis die endgültige Lösung gefunden ist, des Rates fachkundiger Experten versichern. Für die Auswahl der Sänger etwa muss man sich des Urteils von Kennern wie Jürgen Kesting oder Jens Malte Fischer vergewissern. Was die Frage des Dirigenten und damit des Orchesters angeht, mag sie durch das Engagement des eminenten Wagner-Künstlers Christian Thielemann als vorerst geklärt gelten.
Der Zauber neuer Medien
Nun aber das Entscheidende: Wem kann es gelingen, die große Vision dieses Werkes unter den unserer Zeit gerechten und der Wirklichkeit gemäßen Bedingungen auf die Bühne zu stellen? Ich weiche da ab von der Meinung meines verehrten Freundes Wolfgang Rihm und vermute, dass Wagner in seinem ständigen Neuerungswahn sich auch des Films würde bemächtigt haben. So wäre denn zu wünschen, dass sich unter der Fülle jener Künstler, die der Fülle medialer Mittel mächtig sind, wie sie unserer Epoche ihr Signum aufpressen, diejenigen finden lassen, die kraft Inspiration und handwerklichen Genies Neues, Bestürzendes und Faszinierendes aus Licht und Bewegung schaffen werden. Dass mithin die so oft beschworene magisch-zauberische Wirkung der Wagnerkunst mit Hilfe der technischen Instrumente unserer Zeit neu erfunden wird.
Wen die Weisheit des Stiftungsrates der Bewältigung einer solchen Aufgabe für fähig hält, wird die Klugheit des Gremiums entscheiden. Es hat seinen guten Grund, dass die Satzung in der Frage der Sukzession der Familie die Ehre gibt und ihr den ersten Rang einräumt. Da wird man weniger an die von Elterneifer forciert vorangetriebene jüngste Urenkelin denken, die bisher vor allem durch die Gabe der schrillen Selbstvermarktung auf sich aufmerksam machte. Es geht um andere Namen der Familiengenealogie, und ihrer gedenkend sollte man nicht vor allem die Altersjahre zählen, sondern den Rang der kritischen Intelligenz wägen - und sich erinnern, dass Frauen gereiften Alters (in Bayreuth) dank Urteilskraft und Erfahrung immer schon nützlich waren. Es ist indessen zu besorgen, dass die Jungen gemäß der Parole des Meisters Neues schaffen werden - die Meister so wenig verachtend wie sich selbst.