16.06.2008 · Wagner, antwortet Regisseur Jossi Wieler auf unsere Frage nach seiner Vision für die Zukunft der Bayreuther Festspiele, habe etwas Neues geschaffen. Er habe für die Gegenwart komponiert, seine Idee müsse deshalb gegenwärtig neu belebt werden.
Von Jossi WielerIch kann nur mein Staunen zum Ausdruck bringen über die nationale Erregung, die die Zukunft Bayreuths in der Öffentlichkeit, im Feuilleton und unter den Wagnerianern hervorruft (wer ist eigentlich der Wagnerianer?). Was repräsentiert denn der Grüne Hügel? Was wird da gesucht, wer wird gefeiert? Die dynastische Konstruktion der Festspiele, in die sich ja auch die Politik immer wieder einmischt, ist mir suspekt. Welche imperialen Sehnsüchte verbergen sich dahinter? Was wird in diesen Ort hineinprojiziert? Es scheint um etwas diffus anderes zu gehen als um die Kunst.
Fraglos war Wagner ein großer Komponist, ein großer Künstler. Was entspricht seiner Idee des Gesamtkunstwerks, die ja untrennbar mit dem Festspielgedanken verbunden ist, in der Gegenwart? Wagner selber hat etwas Neues geschaffen. Er hat für die Gegenwart komponiert. In diesem Sinne wäre die Frage nach der Bedeutung der Festspiele heute neu zu stellen.
Es hat wenig mit Erneuerung zu tun
Der rückwärtsgewandte Blick ist mir verdächtig. Man kann die Ursprungsidee Wagners nicht einfach umstandslos wiederbeleben. Man müsste vielmehr nach ihrem künstlerischen Kern neu suchen. Im Moment beschleicht einen das Gefühl, ein repräsentativer Teil der Gesellschaft beansprucht für sich etwas von Bayreuth, das seinem künstlerischen Kern gar nicht gerecht wird. Es gibt da so viel Irrationales.
Das hat alles wenig mit Erneuerung zu tun. Und es ist nie gut, wenn es in der Kunst nur um Restauration geht.
Jossi Wieler ist Theater- und Opernregisseur. Er wurde 1951 im Schweizer Kreuzlingen geboren und studierte Regie an der Universität Tel Aviv. Er arbeitet eng mit dem Dramaturgen Sergio Morabito zusammen. Gemeinsam inszenierten Wieler und Morabito 1999 den „Siegfried“ in der vielbeachteten Stuttgarter Produktion von Wagners „Ring des Nibelungen“.