30.05.2008 · Wir haben Protagonisten des Musiklebens gefragt: Was würden Sie als Leiter der Festspiele ändern wollen? Bernd Loebe, Intendant der Frankfurter Oper, wünscht sich weniger Nibelungentreue an alte Traditionen, professionellere Vorbereitung und andere Festspielorte in der Bayreuther Umgebung.
Von Bernd LoebeAch, es sind zunächst einmal so selbstverständliche Dinge: bitte keine Personalausweiskontrollen bei Generalproben, bitte keine Geheimniskrämerei, statt einer Gralsburg-Mentalität (um nicht zu sagen: Bunkermentalität) die Öffnung hin zu einem fröhlichen, in der Sache freilich professionellem Fest(-ival).
Zu den an sich auch selbstverständlichen Hausaufgaben sollte zählen: bessere Vorbereitung der Sänger in Artikulation und Diktion. Das Familiäre bleibt wünschenswert, ist aber nicht immer die Basis von professionellem Umgang mit Problemkreisen: Man muss sich auch einmal von Sängern und Dirigenten trennen können, wenn die Entwicklung nicht mit der Prognose übereinstimmt. Bitte keine falsch verstandene Nibelungentreue. Bayreuth muss Vorbildcharakter erhalten. Es ist schon länger kein Vorbild mehr. Die Besetzungspolitik muss in einer Hand bleiben; natürlich erfordert dies beste Kommunikation, frühzeitiges Informieren, notfalls Vorsingen und Hinreisen, gemeinsam (Dirigent / Regisseur / Intendanz). Zu zufällig schienen die Besetzungen der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, zusammengewürfelt: Da brachte der Dirigent zwei Ideen mit, der Regisseur drei und das Festspielhaus topfte von einer Oper in die andere um. Schließlich erlebten wir zu selten Besetzungen wie aus einem Guss.
Proben, proben, proben
Die Bayreuther „Atmosphäre“ stellt sich von allein ein, es braucht keine hemdsärmelige Kumpanei. Dirigenten brauchen mehr Proben. Auch wenn das sogenannte Festspielorchester der Meinung sein sollte, der da vorne muss ohnehin nur koordinieren, den Rest machen wir von allein – es geht um individuelle Interpretation, um gleichsam Authentisches, und hierfür muss man proben, proben, proben. Gustav Kuhn könnte womöglich Tipps geben, wie man Probenpläne mit Arbeitswütigen aufstellt.
Bitte keine Vernetzungen mit anderen Festivals: Bayreuth muss seine, eine neue Identität erhalten: deshalb bitte keine Produktionen aus Mailand, Wien oder Aix in Bayreuth. Aber was stattdessen? Ich schriebe mir fünf Namen von Regisseuren auf, machte einen Plan für fünf oder sechs Jahre, stärkte den Gemeinsinn und „ein“ Verantwortungsgefühl, brächte diese Musketiere unter dem Stichwort „kritische Konstruktion“ statt fader Dekonstruktion zusammen. Ich bemühte mich um zwei Neuproduktionen pro Sommer und konzertante Aufführungen an den spielfreien Tagen: mit Berlioz, Meyerbeer, Weber („Euryanthe“ neben „Lohengrin“), bemühte mich um eine Reihe „Wagner und . . .“ und dieses „und“ müsste ausgefüllt sein von heutigen Komponisten, die ihr Werk in Beziehung setzen zum Meister. Es könnte sein, dass man hierfür kooperieren muss (aber wenn es um Neue Musik geht, ist alles erlaubt).
Es könnte sein, dass andere Spielorte in Bayreuth und Umgebung erfunden werden müssten; Nürnberg ist so weit nicht. Wer soll das bezahlen? Die Eintrittspreise müssen schon ein wenig höher angesetzt werden, Sponsoren sind aufgerufen, aber auch die öffentlichen Finanzgeber. Der Neuanfang muss unterfüttert werden vom Wollen aller. Der Vorbildcharakter hat seinen Preis.