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Bayreuther Festspiele Vom Stromausfall zum Regieeinfall

30.07.2007 ·  Der mythenerfahrene Dramatiker Tankred Dorst hatte seine Regie von Richard Wagners „Ring“-Tetralogie noch einmal zu überarbeiten versprochen. Doch es nützte nichts. Die Dramaturgie ächzte, während Christian Thielemanns Dirigat glänzte. So wurde es nicht Dorsts, sondern Thielemanns „Ring“.

Von Eleonore Büning, Bayreuth
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Die Werkstatt Bayreuth sieht vor, dass allsommers die Originalteams wiederkommen, um ihre Produktionen aufzufrischen. Man muss sich das vorstellen wie ein Klassentreffen: Schlingensief hausiert wieder im Wohnwagen, Dorst spaziert durch den Park, Arlaud gibt Interviews im „Nordbayerischen Kurier“ und erklärt, eigentlich finde er seine „Tannhäuser“-Inszenierung irgendwie „scheiße“. Je öfter man zusammenkommt, desto aufgeknöpfter die Stimmung, desto laxer die Arbeitsmoral.

Mindestens „zu dreißig Prozent“ wollte der mythenerfahrene Dramatiker und Opernneuling Tankred Dorst seine Regie der „Ring“-Tetralogie Richard Wagners noch einmal überarbeiten. Das hatte er nach dem Desaster im vorigen Sommer verkündet. Jetzt ist Halbzeit, „Rheingold“ und „Walküre“ sind gewesen. Aber bisher wurde höchstens 0,01 Prozent der angekündigten Veränderung realisiert. Stiegen früher am Ende des „Rheingold“ fünf weißgewindelte Fantasy-Pralinés alias Wotan, Fricka, Freia, Froh und Donner die Regenbogentreppe nach Walhall hinunter, so steigen sie jetzt die Treppe hinauf. Vorschlag: Vielleicht könnten ja im nächsten Jahr die Götter mal ganz einfach rechts abgehen in die Gasse. Und sogar mitten in der „Walküre“ passiert auf einmal Aufregendes.

Mäßig verliebtes Wälsungenblut

Der tödliche Kampf steht unmittelbar bevor, Hunding und Siegmund belauern einander, Hornruf droht, die Streicher türmen wogenweise Tremolo auf Tremolo. Da wird es schwarz auf der Bühne: Ein technischer Defekt. Als das Licht nach etlichen Takten zurückkehrt, fragt man sich verzweifelt: War dieser Stromausfall am Ende ein Regieeinfall? Die Sänger, vom Regisseur im Stich gelassen, stehen je nach persönlichem Temperament irgendwie herum und pflegen die alte Kunst des Rampensingens. Wieder windet sich lichtblau das Band des Rheins, vergafft sich Alberich in die Projektionen nackter Frauen, die an der Video-Oberfläche schwimmen. Wieder läuft Loge eine Feuerspur voraus auf der graffitibeschmierten Zinne des alten Bismarckturms, umkrabbeln die „Söhne des Nebels“ wie glutäugige Ameisen den Goldschatz hinter aufgerissener Fabrikwand, nimmt sich der Wonnemond, in dessen trübes Licht das offenbar nur mäßig verliebte Wälsungenblut hinausstürmt, tatsächlich aus wie ein großer, runder Roquefortkäse.

Auch die rot lackierten Walküren mit ihren Plexiglasschilden versammeln sich wieder in einem Steinbruch, der auf fatale Weise an „Winnetou II“ in Bad Segeberg erinnert. Die eigentliche Enttäuschung, die Dorsts kleinmütige Lesart des großrahmigen Welttheaters bereitet, liegt aber nicht in der spannungslosen Beliebigkeit zusammengeborgter Bildfolgen, sondern in der fast schon dilettantischen Inkonsequenz, mit der er seine kluge, in dem Buch „Fußspur der Götter“ dokumentierte Grundidee nicht umsetzt. Sie ähnelt der Zimmermannschen „Kugelgestalt der Zeit“: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fallen in eins. Wie die Mächte alter Mythen unsichtbar nachwirken bis ins feinste Geäst der Denkformen unserer Gegenwart, so spuken nun bei Dorst auch Wagners Götter herum in den Ruinen der Industriegesellschaft, unbemerkt von heutigen (Statisten-)Menschen, die ab und zu durchs Bild laufen.

Dünn tönende Rheintöchter, machtvolle Walküren

Auch die Vor- und Rückblenden werden von Statisten bewerkstelligt: etwa Wotan, der schon im großen Erinnerungsmonolog der „Walküre“ auf die Figur des Wanderers aus dem „Siegfried“ trifft, mithin auf die eigene Zukunft. Das Motivgeflecht entspricht dem der Wagnerschen Musik, worin die Orchestereinwürfe oftmals mehr wissen als die Sänger, im Voraus verratend, „wie es wird“. Dorsts Regie macht von diesem Fundus keinen Gebrauch. Statt etwa das reflexive Nibelungen-Fluchmotiv zu visualieren oder dem Siegfriedschwertmotiv ein Zukunftslicht aufzusetzen, fällt Wotans Double nur auf den Rücken und zappelt mit den Beinen wie ein Käfer. Albert Dohmen, neu im Ensemble, leiht Wotan eine mächtige Stimme, die freilich von Anfang an angestrengt klingt und sich bis zum Abschied und Feuerzauber nicht freisingen kann.

Neu dabei auch Edith Haller, die als Freia bella figura macht, stimmlich lyrisch schön artikulierend. Michelle Breedt (als Fricka), aber auch Linda Watson (als Brünnhilde) intonieren ungenau, bei flackerndem Vibrato. Clemens Bieber als Froh und Ralf Lukas als Donner singen mit klarer Intonation, aber unscharfer Artikulation, Kwangchoul Youn gibt dem Hunding ebenso die gebührende Schwärze wie dem Riesen Fasolt. Die Rheintöchter tönen dünn, die Walküren machtvoll-dynamisch. Und Arnold Bezuyen als Loge bleibt diesmal, ungewöhnlich in dieser so dankbaren Rolle, hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Thielemanns Ring

Eine Zumutung für Sänger, Werk und Publikum aber ist die krasse Fehlbesetzung des Siegmund mit Tenor Endrik Wottrich, der sich um Kopf, Stimmband und Kragen brüllt. Wie ein sonnenbeglänzter Schneegipfel erhebt sich aus all diesem typisch Bayreuthischen Mittelmaß des Wagnersingens die frische, klare, volle Sopranstimme der Adrianne Pieczonka als Sieglinde. Jedes Wort, das sie singt, ist zu verstehen, jede Geste glaubwürdig. Ihr gewaltig aufströmender, utopischer Dankgesang vom „hehrsten Wunder“, der erst am Ende der „Götterdämmerung“ wiederkehren wird, hält für kurze Zeit die Uhren an - wie es sein soll.

Völlig zu Recht wird diese „Ring“-Produktion, die heute mit „Siegfried“ fortgesetzt wird, bereits jetzt der „Thielemann“Ring genannt. Denn nicht weniger als eine Sensation ist Christian Thielemanns kammermusikalisch durchsichtiges Dirigat. Leicht, transparent, tänzerisch lässt er das „Rheingold“-Vorspiel aufschimmern, erst in der „Walküre“ verdichtet sich die gestenstarke Orchesterarbeit, gipfelnd in dem machtvoll dunkel dröhnenden Walkürenritt. Und bei allen binnendynamischen Feinheiten bleibt Thielemanns Orchestersprache so sängerfreundlich durchsichtig, dass man einzelne Motive - das Schwert, den Fluch, die Liebe - förmlich mit Händen greifen kann.

Quelle: F.A.Z., 30.07.2007, Nr. 174 / Seite 29
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