28.07.2008 · Katharina Wagner inszeniert in Bayreuth zum zweiten Mal die „Meistersinger“ und kann erneut nicht überzeugen. Nur die Zuschauer beim ersten Bayreuther „Public Viewing“stört das nicht. Das neue Bayreuth ist eben Pop.
Von Holger NoltzeImmer noch regiert die Tabubrechstange, und wieder wurde die inzwischen bekannteste aller Urenkelinnen am Ende mit dieser ganz besonderen Bayreuther Variante der kalten Dusche bedacht. Keine Überraschung, denn gerade noch waren Goethe und Schiller, am Ende der Ansprache des Hans Sachs über echt deutsche Kunst und „welschen Tand“, als monumentale Muskelmänner aus dem Boden gefahren, hatten die „deutschen Meister“, zombiehaft maskiert als Bachbeethovenmozartwagnerundsoweiter, sich zupackend am Gemächt gespielt, war das Wettsingen ums Evchen und die Ehre als eine Supergala der Volksmusik gezeigt worden – und vieles mehr.
Für die Liebeshandlung zwischen dem Bürgermädchen und dem Ritter-Künstler interessiert sich die Regisseurin nach wie vor kaum. Weshalb diese Geschichte auch nicht mit Flirt-Geplänkel zwischen Kirchenbänken beginnt, sondern in einem muffigen Akademiesaal. Ernst schauen die Meister der Vergangenheit als Gipsbüsten auf die Versammlung ihrer Verweser: graue Kultur-Handwerker, deren einzige Farbe das Gelb der Reclamheftchen ist, auf denen ihre Weisheit gründet. Endlos langweilig die Ansprachen von Kothner, Pogner und Co.
Hang zur Überdeutlichkeit
Dass Hans Sachs anders ist als diese Zünftler, das wird uns von Katharina Wagner überklar gemacht mit jenem Hang zu szenischen Tautologien, der, entgegen der gleichfalls überdeutlichen Absicht, es anders zu machen als der Papa, doch genau daran erinnert. Also raucht dieser Sachs Kette, trägt das schwarze Hemd einen Knopf zu weit offen, und – das jedenfalls ist witzig bei einem Schuhmacher – er geht barfuß. Wahrscheinlich haut er statt auf Leder lieber auf seine alte Schreibmaschine. Schon deshalb muss ihn dieser Turnschuhtyp Stolzing interessieren, der aus einem Piano steigt und die Herren der Akademie mit einer leichtfertig-genialischen Über-Kreativität erschreckt: Mal macht er Musik, dann malt er oder macht eine Art von Buchstabenkunst.
Franz Hawlata spielt die Wandlung des Sachs vom Antiautoritären über den rotweinsüffelnden Kunst-Ermöglicher zum faschistoiden Kunst-Prediger weit überzeugender, als er ihn singen kann. Dafür erscheint Klaus Florian Vogt mit seinem allerdings betörend hellen, immer leicht melancholischen Ton für einen Kunst-Krawallo zu sängerknabenhaft. Erst wenn er am Ende das Preislied als Schlagerstar singt, passt es. Umgekehrt wird aus dem Hochwasserhosenträger und Kultur-Pedanten Beckmesser am Ende ein Rocker. Das ist zwar nicht plausibel, die große Gesangs- und Darstellungskunst von Michael Volle beglaubigt es dennoch. Beckmessers Gegen-Performance zum Stolzing-Kitsch aber kommt auf der Festwiese, die hier eine Mischung aus Fernsehshow und Reichsparteitag ist, beim Volk nicht gut an, trotz des Einsatzes von Nackerten.
Pointen verdrängen die wahre Kunst
Zu den Ärgernissen der Inszenierung gehört, dass so letztlich jede „Kunst“ denunziert wird, als museal (Reclam) oder korrupt (Medien) oder überhaupt Blödsinn. Und wo in den „Meistersingern“ so viel von Handwerk die Rede ist: Von Regiehandwerk, richtigem Timing, der Fähigkeit, Bewegungen aus der Musik zu entwickeln, ist wenig zu sehen. Auch von Humor. Man kann verstehen, dass Katharina Wagner, die 2015 einen neuen „Tristan“ in Bayreuth inszenieren soll, eine „kritische“ Haltung zu den C-Dur-Affirmationen des Stückes sucht, zum Paraderummel und der Sachs-Ansprache über die wahre deutsche Kunst. Dass sie aber sogar den musikalischen Seligkeitsmoment des Quintetts um einer flauen Pointe willen entzaubert, beschädigt mehr als ein paar schöne Töne: Eine spießige Taufgesellschaft stellt sich zum Gruppenfoto-Freeze auf, und als die Musik gar nicht aufhören will, muss ein Knabe dringend Pipi.
Das ist nun besonders schade, weil es an solchen rein musikalischen Momenten durchaus fehlt. Sebastian Weigle gelingt zwar eine schöne Fliederduftigkeit, doch schon den kontrapunktischen Verdichtungen des Vorspiels gibt er sich so ungebremst hin, dass vor lauter Temporückungen und -rücknahmen kein großer Sog entstehen kann. Und mehr als im ersten Jahr wackelt die Koordination mit den Sängern. Michaela Kaune, neu im Ensemble, wertet die Eva wenigstens stimmlich auf. Norbert Ernst hätte mit mehr Kontakt zum Orchester einen sehr guten David gesungen. Ansonsten viel Bayreuther Mittelmaß – und der großartige Chor.
Bayreuth ist Pop
Dreißigtausend sollen sich vor der Riesenleinwand zur ersten Freiluftübertragung aus dem Festspielhaus eingefunden haben. Das Wetter spielte mit, die Stimmung war blendend. „Public Viewing“, die Festspiele als (kostenpflichtiger) LiveStream im Internet, DVD-Produktion: Das neueste Neu-Bayreuth arbeitet erfolgreich an der Verlängerung der Verwertungsketten. Dass ausgerechnet Katharina Wagners teure, aber misslungene „Meistersinger“ durch die neuen Kanäle geschickt werden, kann man künstlerisch beklagen; medial-betriebswirtschaftlich spielt das keine Rolle: Das neue Bayreuth ist Pop, und Katharina ist seine Prinzessin. Als Stil-Ikone ist sie am Ende hundertfach im Chor gedoubelt, womöglich eine Ironie.
Was aber will es uns sagen, wenn der faschistoide Spuk der Festwiese aus der gleichsam anachronistischen Mutation des 68er-Sachs gedeutet wird? Kurzschlüssig wäre, das bloße Herzeigen von Nazisymbolik bereits als „Aufarbeitung“ zu verstehen: Die Verirrungen der „Linken“ waren für die Bayreuther Firmengeschichte wohl nicht das Problem. Dass dennoch, im Vorgriff auf die erwarteten Negativreaktionen, ein Produktionsteam auf der Bühne mit allerhand Gerümpel in einer Blechkiste verbrannt wird, woran sich dann Sachs und Co, riefenstahlartig von unten beleuchtet, die Hände wärmen, ist das Gegenteil selbstkritischer Reflexion der bösen braunen Vergangenheit. Man kann, man darf das einfach auch geschmacklos finden. Es wird viel geputzt in den neuen Bayreuther „Meistersingern“, das große Reinemachen hat eben erst angefangen.