03.09.2008 · Wagners Zeit ist gekommen - nur nicht in Bayreuth. Im letzten Winter fanden innerhalb weniger Wochen in Wien, Hamburg, Mailand, Paris und Berlin Premieren von Wagneropern statt. Wird das neugewählte Matriarchat auf dem Grünen Hügel damit Schritt halten können?
Von Gary SmithAuf Wieland Wagners letzter Pressekonferenz im Jahr 1965 fiel ein unvergesslich kühner Satz: „Die Zeit Richard Wagners kommt noch.“ Bayreuth war zwar ein Mekka für die besten Opernsänger, Dirigenten und Intellektuellen, doch das Wagnersche Repertoire mit seinen zehn Opern hatte die Bühnen der Welt noch nicht in dem Maße erobert, wie das heute der Fall ist (selbst Eintrittskarten waren noch zu bekommen). Mehr als vier Jahrzehnte später ist die ästhetische Bilanz in Bayreuth eher durchwachsen, trotz einzelner Triumphe wie Patrice Chéreaus „Ring“ und Heiner Müllers „Tristan“. (Zum Erfolg des Letzteren trugen übrigens ganz wesentlich Bühnenbild und Kostüme von Erich Wonder und Yohji Yamamoto bei, ganz zu schweigen von einem grandiosen Dirigenten und Sängerensemble.)
Wolfgang Wagners Leistungen sollen natürlich nicht geschmälert werden. In den letzten Jahrzehnten hat die Suche nach einem ästhetischen Gral auf dem Grünen Hügel aber öfter die Richtung gewechselt als Madonna ihre Kostümierung. Der Bummel durch das Warenhaus der jüngsten Inszenierungen fühlt sich an, als würde man durch ein Haus von Peter Behrens spazieren, das für Möbel von Marcel Breuer entworfen wurde, aber vollgestopft ist mit bunt zusammengewürfelten Sofas, Tischen und anderen Gegenständen, die nicht einmal zu ihrer Zeit sonderlich modern waren.
Quälend langsame Tempi
Wagners Zeit ist gekommen - nur eben nicht in Bayreuth. Überall gibt es ernstzunehmende Inszenierungen, ob in München oder Seattle, in Zürich, Amsterdam, Kopenhagen, Glyndebourne oder Valencia. Im letzten Winter fanden innerhalb weniger Wochen in Wien, Hamburg, Mailand, Paris und Berlin Premieren von Wagneropern statt. Wird das neugewählte Matriarchat auf dem Grünen Hügel damit Schritt halten können? Bayreuth-Freunde hungern nach herausragenden Inszenierungen, und der rauschende Beifall für Herheims „Parsifal“ in diesem Sommer dürfte Ausdruck dieser Sehnsucht sein. Hat es denn gar keine Rolle gespielt, dass die wirbelwindartig wechselnden Bilder von der Musik ablenkten? Erlaubten es die quälend langsamen Tempi des italienischen Dirigenten wirklich, sich besser auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren, oder boten sie nur eine müde Reminiszenz an bessere Jahre unter Toscanini?
Auf dem Weg von Bayreuth nach Baden-Baden versuchte ich mir noch einzureden, dass die Qualitäten des neuen „Parsifal“ die Mängel wettmachten. Doch am Abend, als die wie immer verführerische Waltraud Meier als Venus ihr Duett mit Robert Gambills Tannhäuser begann, wusste ich, dass die Bayreuther Aufführung weit entfernt war vom Kaliber dieser Baden-Badener Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff. Alles war makellos, atemlos verfolgte man jede Note und Silbe, die Besetzung war perfekt und die dramatische Spannung so, als erlebte man die Geschichte zum ersten Mal.
Fragwürdige Inszenierung
Wie könnte sich dieses arkadische nordbayerische Städtchen neuen ästhetischen Ansätzen öffnen, ohne seine leidenschaftlich hochgehaltenen Traditionen in Frage zu stellen, ob nun das Zehn-Opern-Repertoire oder den Anspruch der Wagners? Aus Sicht eines Kulturmanagers (und selbst unter wirtschaftlichen Aspekten) wird das von Richard Wagner errichtete Haus längst nicht optimal genutzt. Immerhin reden wir nur von einem Fünf-Wochen-Festival. Warum sollte man nicht neue Impulse in der Wagner-Rezeption durch ein zeitlich begrenztes Zusatzfestival im Herbst aufnehmen? Man könnte, in Anlehnung an die Osterfestspiele in Salzburg, eine festspielwürdige Inszenierung aus Riga, Mailand, Los Angeles oder Valencia einladen. Welche Ehre, in dem Haus, das Richard Wagner für seine Opern entwarf, eine Neuinszenierung präsentieren zu dürfen! Der Gedanke ist kommerziell und künstlerisch reizvoll. Es wäre ein Brückenschlag zum Sommer. Beide Festspiele würden einander befruchten. Da Bayreuth jährlich nur eine Neuinszenierung bietet, wäre ein zeitlich begrenztes Zusatzfestival mit drei Aufführungen durchaus eine künstlerische Herausforderung.
Ein kleines Gremium ausgewiesener Wagner-Experten sollte in Zusammenarbeit mit der Festspielleitung eine Aufführung küren, die eine ästhetische Alternative zum Sommerfestival bietet. Vor allem sollte man nicht auf die internationalen Erfahrungen einer Eva Wagner-Pasquier verzichten, die in zahlreichen Häusern, von London über Paris und New York bis Aix-en-Provence, gewirkt hat. Dass die logistischen Herausforderungen zu bewältigen sind, haben Häuser wie Baden-Baden bewiesen, wo Gastorchester wie die Londoner Philharmoniker oder das Deutsche Symphonieorchester die Vorbereitungen größtenteils in ihre Probenpläne integrieren können. Von den mäzenatisch engagierten Wagner-Liebhabern in New York, Los Angeles und London würde man schon einige dafür begeistern können, die wirtschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen. Die Attraktivität Bayreuths würde weltweit gesteigert werden. „Was jene auch wirken - dem ewig Jungen weicht in Wonne der Gott.“ Es bleibt zu hoffen, dass des Wanderers späte Lebenserkenntnis die dynastischen Zwänge der Bayreuther Festspiele aufhebt und zu neuen Festspielimpulsen einlädt.